http://www.faz.net/-gqz-90vll

Architekturgeschichte : Der sozialistische Traum von der Schönheit des Alten

  • -Aktualisiert am

Ziemlich nahe an dem, was dann daraus wurde: eine architektonische Vision des Leipziger Augustusplatzes (damals Karl-Marx-Platz) aus dem Jahr 1968. Bild: Stadtarchiv Leipzig

Nicht nur Tabula-rasa-Wünsche, auch das Alte wurde bewahrt: In der DDR-Architekturgeschichte lässt sich noch viel entdecken, wie eine großartige Ausstellung in Leipzig zeigt.

          Während das Bau-Erbe des Sozialismus in Ostdeutschland rapide schwindet, hat sich die Architekturgeschichte der DDR in den letzten Jahren von einer Domäne weniger Experten geradezu zu einem Modethema entwickelt. Angesichts der kaum noch überschaubaren Produktion von Publikationen, der Vielzahl von Konferenzen mit zunehmendem Spezialisierungsgrad und der Konjunktur von Debatten zum heutigen Umgang mit DDR-Bauten hat man manchmal den Eindruck, dass zu diesem Thema allmählich wirklich alles Wesentliche gesagt sei.

          Der Eindruck trügt. Eine gehaltvolle Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig führt exemplarisch vor Augen, wie viel ungehobenes Material noch der Bearbeitung harrt und wie viele Erkenntnisse es bereithält. Die von den Kuratoren Peter Leonhardt, Anett Müller und Christoph Kaufmann zusammengetragenen Fotos, Pläne, Entwurfszeichnungen, Modelle und Filme vermitteln ein facettenreiches Bild des Planens und Bauens im Leipzig der Nachkriegsjahrzehnte, das fern jeder Schwarzweißmalerei ist, lokale Besonderheiten in einen breiteren architekturgeschichtlichen Kontext stellt und selbst für kundige Einheimische manche Entdeckung bietet.

          Wiederaufbau sehr traditionsgebunden

          Leipzig war im Krieg längst nicht so flächendeckend bombardiert worden wie etwa Dresden, Frankfurt oder Köln. Die Zerstörungen im Stadtzentrum allerdings waren mit denen in anderen Großstädten vergleichbar. Wenn die heutige Innenstadt in weiten Teilen dennoch den Eindruck eines für deutsche Verhältnisse relativ intakten Stadtraums macht, so liegt das nicht zuletzt am ausgesprochen traditionsgebundenen Wiederaufbau in den frühen Nachkriegsjahren vor und nach Gründung der DDR, der vom historischen Bestand ausging, den Stadtgrundriss weitgehend beibehielt und auf brachiale Eingriffe verzichtete.

          Aufmarschgeeignet: Der Leipziger Augustusplatz in seiner heutigen Form. Bilderstrecke
          Aufmarschgeeignet: Der Leipziger Augustusplatz in seiner heutigen Form. :

          Ausschlaggebend war dafür zunächst die 1946 getroffene Entscheidung der Sowjetischen Militärverwaltung zur Wiederbelebung der Leipziger Messe mit ihren vielen historischen Standorten in der Innenstadt, die einen pragmatischen Wiederaufbau nahelegte. Zudem begünstigte die Übernahme der neohistoristischen stalinistischen Architekturdoktrin ab 1949 traditionelle Bauformen. Deren Forderung nach Schaffung eines zentralen Großplatzes mit Aufmarschachsen für die rituellen Massenkundgebungen blieb Leipzig dagegen erspart, weil die einst viertgrößte Stadt Deutschlands mit dem repräsentativen Augustusplatz und dem breiten Ring bereits über dafür geeignete Stadträume verfügte.

          Großbauten in historischer Form nachgebaut

          Nach den ersten Neubauten, bei denen eine moderate Moderne dominierte, entstanden in den fünfziger Jahren einige Prachtkomplexe des stalinistischen Monumentalismus, darunter – als kleine Schwester der Berliner Stalinallee – die in Renaissance- und Barockformen schwelgende Ringbebauung am Rossplatz oder das neuklassizistische Ensemble der Deutschen Hochschule für Körperkultur mit dem benachbarten Zentralstadion.

          Zugleich wurde, entgegen dem Klischee von der zerstörungswütigen Baupolitik der DDR, eine ganze Reihe von Großbauten verschiedener Epochen nach schweren Zerstörungen in historischen Formen wiederaufgebaut. Das Alte und das Neue Rathaus sind ebenso aus Ruinen auferstanden wie der Zentralmessepalast oder der grandiose Hauptbahnhof, der zu den am stärksten zerstörten Bauten der Stadt gehörte. Selbst der Wiederaufbau von Kirchen war nicht tabu, wie das Beispiel der nach hartnäckigem Drängen der Gemeinde rekonstruierten historistischen Reformierten Kirche zeigt. Wenig bekannt ist, dass es in Leipzig mit der anstelle eines zerstörten Vorgängers errichteten Trinitatiskirche in Anger-Crottendorf auch eine der Notkirchen nach dem Entwurf von Otto Bartning gibt.

          Weitere Themen

          Deutsch-italienische Duelle

          Europa League : Deutsch-italienische Duelle

          Der aus der Champions League abgestiegene BVB trifft in der Europa League auf Bergamo. „Ich fahre gern in den Süden“ sagt Trainer Hasenhüttl über das „Knallerlos“ für RB Leipzig.

          Topmeldungen

          Koalitionspoker : Zweifel am guten Willen

          Vor dem Gespräch mit der SPD an diesem Mittwoch gibt sich die CDU ungewohnt mild, die CSU hingegen eher scharf. Besonders in Bayern freuen sich nicht alle auf die vierte große Koalition.

          Vergewaltigung als Kriegswaffe : Das Ende der Ignoranz

          Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Angelina Jolie wollen Frauen vor sexueller Gewalt im Krieg schützen. Ihre Initiative stellt der Nato nachträglich ein Armutszeugnis aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.