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Ausstellung in Düsseldorf Von Mädchen, Monstern und Mythen

 ·  Ein Werk, das seinesgleichen sucht: Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt Bilder des finnischen Künstlers Akseli Gallen-Kallela.

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© Ateneum Kunstmuseum/Jouko Könönen Die Pietà des Nordens, aus dem Geiste des finnischen Nationalepos Kalevala: „Lemminkäiens Mutter“, 1897

Der Name klingt nach einer dieser neuen Rockbands aus Skandinavien. Doch Akseli Gallen-Kallela ist einer der ganz großen Künstler der vorletzten Jahrhundertwende, geboren als Axel Gallén 1865 in Pori an der Westküste Finnlands. Dass sein Name einem breiteren Publikum hierzulande beinah unbekannt ist, liegt womöglich an dieser Herkunft und an seiner schier unglaublichen Fähigkeit, sich in den verschiedenen Stilen seiner Zeit zu bewegen, wendig wie ein springender Lachs im nördlichen Gewässer, auch selbst von quecksilbrigem Temperament. Nun hat das Düsseldorfer Museum Kunstpalast eine Gesamtschau seines Schaffens vom Musée d’Orsay in Paris übernommen, die ihren Ausgang im Helsinki Art Museum nahm. Mehr als achtzig Werke sind erstmals in Deutschland versammelt; nicht nur Malerei, sondern auch Kunstgewerbe, Teppiche und Möbel - Zeugnisse seiner vielfältigen Begabungen. Die Schau wird diesen umwerfenden Unbekannten, der ein europäischer Star seiner Epoche war, wieder ins Bewusstsein unserer Gegenwart heben, die - bildersüchtig bis zum Anschlag - derartig unerwartetes Augenfutter dann doch nicht so oft bekommt.

Schon diese Lebensgeschichte: Als Gallen-Kallela geboren wird, gehört das Großfürstentum Finnland zu Russland. Das bestimmt auch seine fragile Identität, hinzu kommt der Streit um die dominierende Sprache, Schwedisch oder Finnisch. Er ist ein geborener Zerrissener und wird es lebenslang bleiben, auch im Gemüt. Davon profitieren seine Gemälde, die eine rare Eigenschaft auszeichnet: die Verbindung von Meisterschaft mit Seelentiefe, von feiner Porträtkunst über dramatische Landschaften bis hin zu mythenversessenen Panoramen. Dieses Amalgam ist womöglich einzigartig.

Symbolische Aufladung

Ausgebildet wird er zunächst in Helsinki, um 1884 im Alter von neunzehn Jahren nach Paris aufzubrechen. Dort studiert er an der Académie Julian, einer seiner Lehrer ist der Protagonist des französischen klassizistischen Akademismus, William Bouguereau. Das reicht ihm nicht, er geht weiter in seiner Kunst. Dennoch entstehen schon in diesen achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts phänomenale Gemälde, koloristisch wie psychologisch durchdrungen. Sie sind Auftakt der Ausstellung, die ihre Kuratorin Barbara Til sinnig inszeniert hat, vor teils starkfarbigen Wänden, chronologisch, aber auch nach inneren Zusammenhängen in Kabinetten angeordnet.

Zu diesen frühen Werken zählt das - oft reproduzierte, aber eben kaum mit dem Namen des Künstlers verbundene - Bildnis einer nackten sehr jungen Frau mit bezauberndem Lächeln, die graziös entspannt auf einem Diwan sitzt, den eine Decke mit typisch finnischem Dekor schmückt, wie sie auch Gallen-Kallela selbst später entwerfen wird. „Démasquée“, so der Titel des Gemäldes von 1888, dessen symbolische Aufladung die Dinge des umgebenden Raums raffiniert signalisieren, war in Deutschland zuletzt 1998 in der großen „Innenleben“-Schau des Frankfurter Städels zu sehen.

Mythenkonglomerat von frappierender Modernität

Die Porträtkunst Gallen-Kallelas entfaltet sich überhaupt in Düsseldorf, darunter auch ein Selbstbildnis, das den gerade Zwanzigjährigen an der Staffelei zeigt: angespannt bis in die Fußspitzen, der Gesichtsausdruck zugleich Zweifel und selbstgewisse Ankündigung eines, der sich auf seinen Weg gemacht hat, um immer wieder zu den Wurzeln zurückzukehren. Das gesamte OEuvre ist, über fast fünfzig Jahre hin, untergründet von der ländlichen Heimat mit ihren Menschen. Er malt sie mit scharfsichtiger, doch liebender Intensität und in manchmal frappierender Modernität, die über die zeittypischen Strömungen hinaus, um etwa den Impressionismus zu nennen, virtuos in unsere Gegenwart vorausweist. Entsprechend verwundert es auch nicht, wenn man im Katalog liest, dass er in Berlin 1894/95 zusammen mit keinem anderen als Edvard Munch in der Berliner Galerie von Ugo Baroccio ausstellt und dass er es ist, den Julius Meier-Graefe 1895 die erste Ausgabe seiner ambitionierten Zeitschrift „Pan“ illustrieren lässt.

Im Bannkreis des Symbolismus, den er anreichert mit eigenwilligen, freilich auch aus der finnischen Nationalmalerei schöpfenden Elementen, trumpft Gallen-Kallela auf. Aus dem Dunst des Jugendstils - Max Klinger steht da Pate, ein Fidus (Hugo Höppener) ist nicht fern - schält sich auch, als ein Klappaltar, 1894 das Programmwerk „Ad Astra“: Allegorese des Aufbruchs in Gestalt eines Mädchens, dessen flammender Haarkranz eine goldene Mondscheibe auf nachtblauem Grund überstrahlt. Der symbolistische Affekt trägt auch seine Schöpfungen zum finnischen Nationalepos „Kalevala“, das ihn lebenslang fesselt: Gallen-Kallela bebildert dieses Mythenkonglomerat, Fanal nationaler Befreiung, in abenteuerlichen exzessiven Werken - unter ihnen eine geheimnisvolle Pietà des Nordens: „Lemminkäinens Mutter“ von 1897 vereint Holbeins „Leichnam Christi im Grabe“ mit jugendstiliger Illustrationswucht und geradezu muralistischer Statuarik. Das Bild brennt sich ins Gedächtnis, es kündigt die Wiedererweckung des getöteten Sohns an. Aus diesem Kalevala-Zyklus vor allem zieht die Ausstellung ihren hochfliegenden Titel - „Überirdisch nordisch“.

Ein Mann des Gesamtkunstwerks

Gallen-Kallela steht den „Jungfinnen“ nah, jener Befreiungsbewegung gegen die russische Vorherrschaft, in deren Dienst er seinen naturmystischen Herzschlag stellt, durchaus in politischer Absicht: So gestaltet er den finnischen Pavillon auf der Weltausstellung in Paris 1900 maßgeblich mit, der zum Triumph gerät. Zwar gelingt es Russland damals, am Turm des Pavillons die Anbringung des Romanow-Adlers zu erzwingen, aber die Welt erkennt sehr wohl den Freiheitswillen der finnischen Künstler.

Doch neun Jahre später bricht Gallen-Kallela noch einmal aus seiner Heimat auf, auch aus Enttäuschung über die politischen Entwicklungen. Er geht mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Britisch-Ostafrika, dem heutigen Kenia. Dort nimmt seine Kunst einmal mehr eine Wendung, in ungezählten Skizzen hält er den Kontinent fest. Mögen die Gemälde, die nun entstehen, von den Fauvisten, ihrem Duktus und ihrer Farbigkeit beeinflusst sein, er malt doch sein Afrika. Das sind herrliche Studien der Landschaft und der Tiere, wunderbare Porträts der Menschen, denen er dort begegnet. Er kehrt 1910 nach Finnland zurück, das 1917 seine Unabhängigkeit erklärt. Bis zu seinem Tod 1931 wird er weiterhin schaffen, der Abstraktion wird er sich nicht ergeben.

Zweifelsohne ist Akseli Gallen-Kallela ein Mann des Gesamtkunstwerks, ein Könner, den sein unruhiger Geist immer wieder zwischen völliger Abgeschiedenheit und Weltläufigkeit umtreibt. Das macht sein Lebenswerk zu einem Zeitzeugnis ersten Ranges, bewahrt in den großen Museen seiner Heimat, Europas und in Privatsammlungen. Düsseldorf zeigt davon das Beste.

Überirdisch nordisch. Akseli Gallen-Kallela (1865 - 1931). Finnland im Geist der Moderne. Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis 9. September. Der informative Katalog (Hatje Cantz Verlag) kostet in der Ausstellung 34,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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