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Van-Gogh-Ausstellung : Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden

  • -Aktualisiert am

Laut der Amsterdamer Ausstellung ist dies das Bild, an dem van Gogh noch am Tag seines Todes gemalt haben soll: die „Baumwurzeln“ stammen aus dem Jahr 1890. Bild: Museum

Wie wahnsinnig war Vincent van Gogh am Ende seines Lebens? Eine Ausstellung in Amsterdam sucht Antworten, verliert sich aber im Biographischen.

          Die häufigste Frage, die Besucher im Van Gogh Museum stellen, erzählt Direktor Axel Rüger, sei die nach dem Ohr. Wie war das am Vorweihnachtsabend 1888 im südfranzösischen Arles: Schnitt sich van Gogh das ganze Ohr ab, oder verletzte er nur einen Teil? War es Gauguin mit einem Florett, wie irgendwo zu lesen war? Und was hat das alles mit van Goghs Krankheit zu tun – war er nicht wahnsinnig, malte deshalb so bunt und wild und hat sich irgendwann erschossen? Oder waren das doch spielende Jugendliche?

          Die Legende vom wahnsinnigen Einzelgänger ohne Interesse am Erfolg und dem Selbstmord aus Verzweiflung verbreitete um 1907 zum ersten Mal der deutsche Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe. Danach schrieb sie ein Autor vom anderen ab, bis 1956 im Hollywood-Melodram „Lust for Life“ Regisseur Vincente Minelli dem Mythos Bilder und die Gesichter von Kirk Douglas und Anthony Quinn gab. So konnte er sich hartnäckig bis heute halten. Auch die Sache mit dem Ohr, dem Wahnsinn und dem Selbstmord als Folge der Krankheit – obwohl die seriöse Forschung vieles davon widerlegt hat.

          Van Goghs Porträt seines Arztes Félix Rey, gemalt 1889, gehört heute dem Puschkin-Museum in Moskau. Nun ist es zum ersten Mal auch in Amsterdam zu sehen.

          Nun versucht eine Ausstellung im Van Gogh Museum, den aktuellen Stand der Forschung zu diesen ephemeren Bereichen der Kunstgeschichte zu referieren. Sie konzentriert sich auf die anderthalb letzten Lebensjahre: den Winter 1888, als die Ateliergemeinschaft mit Gauguin in Arles wegen unterschiedlicher Temperamente und Kunstauffassungen scheiterte, das Jahr zwischen Mai 1889 und Mai 1890, das van Gogh freiwillig in der Heilanstalt von Saint-Rémy-de-Provence verbrachte, und die letzten achtzig Tage bis zum Tod im Juli 1890 in der Obhut von Dr. Gachet in Arles. „Wie reagierte van Gogh selbst, und wie reagierten andere auf seine Krankheit?“, formuliert die Kuratorin Nienke Bakker die zentrale Frage. Ihre Antwort: „Van Goghs Kunst sollte nicht als Ergebnis seiner Krankheit gesehen werden – sie entstand trotzdem. Er wusste genau, was er tat.“

          Viel Spekulatives

          Diese These soll mit Hilfe von 25 Werken van Goghs, vor allem aber mit unzähligen Dokumenten, belegt werden, von denen viele zum ersten Mal gezeigt werden: Arztbriefe, das Aufnahmebuch der Heilanstalt von Saint-Rémy, die Petition, mit der sich Bürger von Arles gegen van Gogh wandten, der Polizeibericht von Chefinspektor Joseph d’Ornano. Zu einem klaren Ergebnis führt das alles nicht. Ein Wandbild listet etliche Erklärungen aus den vergangenen 126 Jahren auf: Alkoholvergiftung, Wahnsinn, Neurosyphilis, Epilepsie, bipolare Störung, Borderline – wahrscheinlich war es von allem etwas. Dazu die Angst, dass der Geldgeber Theo van Gogh den Bruder nicht mehr wie bisher unterstützen würde: Er war gerade Vater geworden und wollte als Kunsthändler den Arbeitgeber wechseln, um künftig die Moderne stärker zu fördern.

          Als Sensation wird eine kleine Zeichnung beworben, mit der van Goghs Arzt Félix Rey dem Romanautor Irving Stone darlegen wollte, dass sich der Maler das gesamte Ohr direkt am Kopf abgeschnitten habe. Das vermeintliche Dokument entstand allerdings erst vierzig Jahre nach den Ereignissen von Arles, während Zeitzeugen unmittelbar danach eine andere Darstellung gaben: Der befreundete Kollege Paul Signac, die Schwägerin Johanna van Gogh und der Arzt Paul Gachet, der ihn in Auvers behandelte und auf dem Totenbett auch entsprechend zeichnete, sprachen von einem Teil des Ohres. Auch Rey selbst hatte das 1922 noch bestätigt.

          Ein Besucher in der Ausstellung am Eröffnungstag

          Schräg gegenüber von van Goghs Porträt von Rey, das aus Moskau ausgeliehen wurde, liegt in einer Glasvitrine das verrostete Skelett eines Lefaucheux-Revolvers, Kaliber sieben Millimeter. Ein Landwirt fand ihn ein Stück weit entfernt von jenem Ort hinter dem Schloss von Auvers, an dem van Gogh sich in den Bauch geschossen haben soll. Hier liegen zwischen Ereignis und Fund allerdings gut siebzig Jahre. Ob diese Waffe, wie das Van Gogh Museum als zweite Sensation im Konjunktiv verkündet, tatsächlich die historische sein könnte, bleibt also ebenso spekulativ wie die Ohr-Zeichnung.

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