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Ausstellung Homer und die Folgen

20.03.2008 ·  Das Gesicht des Abendlandes: Eine Ausstellung in Basel lässt das Erbe des sagenumwobenen Dichters Homer lebendig werden und illustriert den Mythos von Troia in Dichtung und Kunst.

Von Dieter Bartetzko
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Wer war Homer? In Basel fällt der erste Blick auf das Gesicht eines alten Manns, dem die Erkenntnis, zu welchen Ungeheuerlichkeiten Menschen und Götter fähig sind, das Augenlicht gelöscht hat. Ruhig entsetzt trägt er sein Wissen: Die Münchner Glyptothek hat ihren berühmten Marmorkopf ausgeliehen. Aus den Musei Capitolini stammt die ebenso bekannte Büste, die die Zerbrechlichkeit, Würde und Schönheit des Alters vor Augen führt. Fast zweitausend Jahre später, 1775, greift Wedgwood in einem schwarz glänzenden Kopf dies wieder auf - das Gesicht der abendländischen Kultur schaut ins Leere, einschüchternd und rührend zugleich.

Raoul Schrotts These vom Schreiber in assyrischen Diensten, der die kulturellen Vorgaben des Orients gräzisierte, spielt in dieser Ausstellung keine Rolle. Sie wurde lange vor dem Flächenbrand konzipiert, die Schrotts kühne Deutungen in den archäologischen Lagern auslösten. Doch der Orient hat auch in Basel seinen gewichtigen Auftritt: Elfenbeinerne Frauenstatuetten, Sphingen, Greifen und silberne Prunkschalen aus Phönizien und Assyrien, als Handelsgut nach Griechenland und bis ins nördliche Europa importiert, zeigen, woran sich die Künstler orientierten, als man begann, Homers Epos in Bilder zu fassen. Welch ein Kontrast dieser lebenssprühenden Bildnisse zur Starre des „geometrischen Stils“ in Griechenland; Menschen, Tiere, Natur als Chiffren, gefesselt vom Ornament. Athen hat wunderbare tönerne Amphoren und Vasen ausgeliehen, Basel stellt ihnen seinen korinthischen bronzenen Dreifußkessel zur Seite. Man glaubt in dessen kleinen Pferden und Stierköpfen die Bildlust zu spüren, die an der starren Geometrie rüttelt.

Rätselhaftes Wissen

Dann treten die Schauplätze der Ilias auf, Troia, und Mykene, die Königsburg des Agamemnon. Die hier gefundenen Kunstwerke bezeugen die engen Kontakte dieser protogriechischen Kulturen zum Orient - und das rätselhafte Wissen Homers um die Sitten und Künste der mykenischen, fünfhundert Jahre vor ihm lebenden Vorväter: Dolche mit goldenen Rosetten und Spiralen, Goldbecher und ein Eberzahnhelm sind zu sehen - dazu jener winzige behelmte Kriegerkopf aus Elfenbein, desssen stiere Mordlust ihn zum Pendant des sinnierenden Dichters macht.

So informiert, tritt man ins Zentrum der Schau, die sich der Rezeption von „Ilias“ und „Odyssee“ widmet. Hauptstücke sind (in Ermangelung der verlorenen griechischen Gemälde) Statuen und Vasen. Letztere entwickeln mit ihrer Malerei eine Magie, die oft genug die ergänzenden Gemälde vom Spätmittelalter bis zur Romantik und Moderne überstrahlt. Unglaublich, was die Teilnehmer von Symposien goutierten: Man sieht Prunkkannen, auf denen Achilleus genüsslich krosses Fleisch zerteilt, auf einer geschmückten Kline liegend, unter der der von ihm geschundene Leichnam des Hektor als blutiges Bündel liegt. Der den Kampf um Troia anfachende Mord an dem blutjungen troischen Königssohn Troilos wird in delikaten Linien und Schraffuren dargestellt: Achilleus packt den wehrlosen Knaben an der Ferse und schleudert ihn gegen eine Mauer.

Ein Bündel Wut und Trotz

Hunderte gleicher Schlächter sind von der Antike bis in die Neuzeit, Homers Zeilen und solche Bilder im Kopf, in ihre Kämpfe gezogen. Doch wie das Epos gab auch die Kunst anderen Sichten Raum: Auf einem 480 vor Christus entstandenen Weingefäß sieht man die griechische Gesandtschaft, die den grollenden Achilleus bewegen möchte, in den Kampf zurückzukehren. Der Bestürmte krümmt sich, vermummt in einen bestickten Umhang, mit angezogenen Beinen und verschränkten Armen auf einem Prunkhocker; ein einziges Bündel Wut und Trotz. Vor ihm Odysseus, elegant ein Bein über das andere geschlagen, die gefalteten Hände über dem Knie, ein seiner selbst sicherer Diplomat.

Später begegnet man dem „Listenreichen“ wieder: als zitternden Flüchtling, der mit seinen Gefährten den kannibalischen Riesen Polyphem blendet, um zu entkommen. Ähnlich dramatisch wie die hellenistische Figurengruppe aus Sperlonga, aber mit ganz anderem Ziel malte um 1805 Johann Heinrich Füssli den Umherirrenden - als Hilflosen, den die Nixe Leukothea mitleidig vor dem Ertrinken rettet, und, in „Skylla und Charybdis“, als Menschen schlechthin, der sich zwischen tobenden Elementen und drohenden Monstren seinen Weg suchen muss. Das Meer und die mythischen Ungeheuer sind hier zu Chiffren des Unbewussten mutiert.

Niedergang eines Helden

Ungleich drastischer deutete Lovis Corinth das Thema: „Odysseus im Kampf mit dem Bettler“ zeigt 1903 den unerkannt nach Ithaka Zurückgekehrten als zahnlosen Greis, der geifernd, tretend und kratzend um sein Altenteil kämpft, umringt von den verlebten angejahrten Freiern Penelopes, denen die Schminke über die faltigen Gesichter rinnt. Der Niedergang eines Helden als zwingende Folge jener zu Heroik verklärten Metzeleien; Leben als ein Pandämonium aus Gier, Lüsten und Lastern: Auch die Antike sah und bebilderte diese Perspektiven der homerischen Dichtung: So beklemmend wie Corinths furioses Gemälde wirkt ein stilles Vasenbild, der (vermutliche) Abschied Hektors von Andromache: Der gerüstete Held blickt über eine Weinschale hinweg, die sie ihm gereicht hat, auf seine Frau, die ergeben den Kopf senkt. Er blickt traurig und hilflos wie sie. Beide wissen, dass dies ihre letzte Begegnung ist. Herzzerreißend hat der „Kleophon-Maler“ 440 vor Christus dargestellt, was uns noch heute Hektor von allen Protagonisten der „Ilias“ am nächsten stehen lässt: die Trauer eines Mannes, dem es nicht an Tapferkeit mangelt, sondern an der Tollwut der übrigen Krieger.

Hektor erträgt seine Pflicht, kämpft loyal und will - nur Odysseus ist ihm darin ähnlich - doch nichts anderes, als dass das sinnlose Morden ein Ende hat. Dem Frieden und der Vernunft bestimmt, flieht er vor Achilleus. Max Slevogt hat dies 1907 in einer Kreidelithographie festgehalten. Achilleus, ein Muskelberg-Geschoss, rast hinter dem Fliehenden her, der, eine einzige bebende Masse Überlebenswillen, im aussichtslosen Marathon um die Mauern Troias hetzt. Die gleiche entsetzliche Wahrhaftigkeit findet sich auf einer Vase, die 2500 Jahre zuvor entstanden ist: Die Tötung der troianischen Prinzessin Polyxena durch Neoptolemos, den Sohn des Achilleus. Nach dem Fall Troias wird sie, die Achilleus vergeblich begehrt hatte, auf dem Grabhügel des Helden geopfert. Geopfert? Geschächtet! Wie ein Tier gepackt, wird ihr der zurückgebogene Hals mit einem Schwert durchstoßen.

Von blutspritzenden wutschäumenden Bildern wie diesem bis zur verhaltenen Darstellung reicht der Horizont der Ausstellung. Ein leichtes Übergewicht haben naturgemäß die, in denen der größte Schrecken nicht zu Ende gedacht und gemalt ist. Ob Antike oder Gegenwart, wenige ertragen es, den Folgen ihres Handelns wirklich ins Gesicht zu sehen. Doch die Wahrheit durchdringt alle Darstellungen. Was spielt es in diesem Zusammenhang für eine Rolle, ob der Dichter, der mit seinem Epos dafür die Vorlagen lieferte, in Smyrna, Chios oder Karatepe schrieb?

Homer. Der Mythos von Troia in Dichtung und Kunst. Antikenmuseum Basel. Bis 17. August. Der ausgezeichnete Katalog (Hirmer Verlag) kostet 59 Schweizer Franken; im Buchhandel 45 Euro.

Quelle: F.A.Z., 19.03.2008, Nr. 67 / Seite 33
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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