http://www.faz.net/-gqz-946fp

Ausstellung in Hamburg : Die Geburt des Kunstmarkts aus dem Geist des Geizes

  • -Aktualisiert am

Gerard de Lairesses in den Jahren zwischen 1680 und 1685 entstandenes Ölgemälde „Schlafende Bacchantin“ in der Hamburger Ausstellung Bild: dpa

Rembrandt wollte von der Arbeitszeit nichts wissen: Das Hamburger Bucerius-Forum zeigt die Auswirkungen einer neuen Handelsform auf Formate und Formen der holländischer Malerei des 17. Jahrhunderts.

          Wie lässt sich ein so abstraktes Geschehen wie die Entstehung eines Kunstmarkts in einer Ausstellung zur Anschauung bringen? Diese schwierige Aufgabe hat sich der neue Direktor des Hamburger Bucerius Kunstforums, Franz Wilhelm Kaiser, für seinen Auftakt ebendort gestellt und klug gelöst. Gegenstand ist die Entwicklung einer regen, neuartigen Handelstätigkeit mit Kunst in den Niederlanden im siebzehnten Jahrhundert. Die zwanziger bis sechziger Jahre gelten als Goldenes Zeitalter, das sich durch eine dem Kunsthandel äußerst förderliche, frühbürgerlich geprägte Verbindung von wirtschaftlicher und kultureller Blüte auszeichnete. Auf dem Gebiet der Kunst, insbesondere der Malerei und der Druckgraphik bedeutete dies die Entstehung eines anonymen Kunstmarkts, also einer Form der künstlerischen Produktion, die nicht mehr im Auftrag, sei es der Kirche oder des Adels, entstand.

          Was eine solche Form der Distribution von Kunst für die Motive, die Formate und auch die Darstellungsweise von Bildern bedeutet, das lässt sich in der Ausstellung anhand von knapp 120 Werken anschaulich nachvollziehen. Im ersten Stock entfaltet sich ein Reigen aus Landschaft, darunter die notorischen Seestücke, Bauerngenres, Interieurs, Tierbilder und Stillleben. Auch Historienbildchen mit biblischen Sujets gibt es, nun geschrumpft auf das Format, das in die Wohnstube eines privaten Haushalts passt. Dass es überhaupt im reformierten Holland diese Bildchen gab, zeugt von einer religiösen Mischkultur, die schon Johan Huizinga beschrieben hat. Diese war auch der enormen Abwanderung von Künstlern aus Flandern in den Norden geschuldet, eine Bewegung, die mit dem Auftaktbild, einer Wildschweinjagd von Roelant Savery, markiert ist. Auch für ein solch barockes, von einer kaum spezifizierten Landschaft eingefasstes Getümmel von Tierleibern gab es offenkundig Publikum in einem Land, dessen eigene künstlerische Produktion ganz anders geartet war.

          Diese war eine eigentümliche Mischung aus einem Branding, das einen Großteil der Werke sofort als „holländisch“ erkennen lässt, und einem Streben nach Spezialisierung, das den Künstlern über die Besetzung einer Nische ein auskömmliches Einkommen sichern sollte. Dass „Holländische“ zeigte sich nicht nur im kleinen, wohnungstauglichen Format in allen Genres, sondern auch in der für diese Zeit, europaweit gesehen, ungewöhnlichen Konzentration auf Themen des Alltagslebens, seien es Szenen ländlicher Arbeit, häuslichen Innenlebens oder Landschaften, die vor der Haustür hätten liegen können. Dass auch diese Bilder Komposite sind, mit Versatzstücken, mit Figürchen, Hütten oder Wasserfällen (die es ohnehin in den Niederlanden nicht gibt, die aber Ruisdael berühmt gemacht haben als typisch holländischen Landschaftsmaler), die von einem Gemälde ins nächste wandern, und dass auch sie barock-allegorische Elemente bergen, im faulenden Obst oder in der rätselhaften Unlesbarkeit des Sichtbaren, das darf nicht vergessen werden.

          Weitere Themen

          Zwischen Vorsicht und Lava Video-Seite öffnen

          Heiße Bilder : Zwischen Vorsicht und Lava

          Ragnar Thor Sigurðsson fotografiert Naturspektakel auf Island. Besonders faszinieren ihn ausbrechende Vulkane. Die glühende Lava ins Bild gebannt – atemberaubend schön.

          Topmeldungen

          Die französische Philosophin Elisabeth Badinter und die deutsche Publizistin Alice Schwarzer diskutieren in der Pariser Wohung Badinters.

          Islam und Antisemitismus : „In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

          Kommt es durch die Einwanderung von Muslimen zum Erstarken des Antisemitismus? Und was bedeutet diese Diskussion für Feministinnen? Ein Gespräch zwischen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der deutschen Journalistin Alice Schwarzer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.