27.11.2006 · Gezähmte Natur, ungezügelte Innenwelten: Das Frankfurter Städel zeigt „Gärten“ und wirft wie nebenbei die Frage auf: Was ist das eigentlich - ein Garten? Ordnung, Inspiration, Glück? Ein Ausstellungsrundgang für kälter werdende Tage.
Von Rose-Maria GroppUmhegt von weißen Zinnen, sitzt eine buntgemischte Gesellschaft beieinander, versehen mit Lektüre und Musik, mit Speise und Trank. Maria ist dabei, beschäftigte Frauen und Männer, ein kleines Kind, und zu Füßen eines Engels kauert als schwarzgraues Äffchen der Satan, selbst er kann hier nichts Böses ausrichten. Das berühmte Frankfurter „Paradiesgärtlein“ im weichen Stil eines oberrheinischen Meisters vom Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts ist der Schlüssel; denn was ist ein Garten?
Vielleicht heißt das Zauberwort Einfriedung: eine Mauer oder ein Zaun, ein Brunnen und ein Tisch, unter Bäumen und zwischen Blumen - statt Chaos Ordnung, gehegte, ja gezähmte Natur. Ertrag, Empfindung oder Wissen, kaum ist es möglich, alles zugleich an einem Ort zu haben - „Ordnung. Inspiration. Glück“ mit anderen Worten, wie sie der Titel der wunderbaren Ausstellung im Frankfurter Städel aufruft.
Die Vollkommenheit Arkadiens
Natürlich auch wir in Arkadien: Der junge nackte Faun auf dem kleinen Bild des Palma il Vecchio lockt mit seiner Syrinx ins Areal hinein, in das Versprechen der unbegrenzten Sinnenfreude, das als Sehnsuchtsort und als schon immer verlorenes Paradies gelten darf. Die vollkommenen Gärten Arkadiens finden ihren Nachklang in den Pastoralen, das neunzehnte Jahrhundert ist da ganz bei sich und seiner Begeisterung für Projektionsflächen des Innen im Außen: Camille Corots wunderschöner „Kleiner Hirte“ spielt auf seiner Flöte, die Ziegen, die als Arkadiens Tiere in diese Idylle gehören, grasen in der Senke - perfekte Verschmelzung von Natur und Kreatur. Auch Böcklins Faun, der bocksfüßige Halbgott, der lümmelnd und pfeifend mit einer Amsel flirtet, feiert diese Intimität - die der Amerikaner Thomas Eakins dann gerade zwanzig Jahre später nurmehr als Zitat herbeiholen kann: „Arcadia“ heißt sein großes Bild von 1883, in dem drei nackte junge Menschen den Garten einer Farm in Pennsylvania zum veritablen Locus amoenus, zum paradiesischen Refugium und mythischen Gefilde, werden lassen.
Themenausstellungen sind eine problematische Angelegenheit da, wo sie die Sinne ihrer Betrachter kulinarisch verstopfen mit reflexhafter Reihung möglichst prominenter Werke. Jetzt also schlicht „Gärten“, doch der Garten als schiere Abbildung gibt ja wenig her. Aber als Sujet gibt er alles her, weil er den Künstlern der Neuzeit die Matrix ihrer Eingebungen und Deutungen von Innen- und Außenraum und der Grenzen dazwischen spendet. Diese Schau setzt weder auf Chronologie noch auf prahlerische Opulenz - und ist gerade deshalb eine Sensation. Der Anlage eines englischen Parks vergleichbar, der in scheinbar absichtsloser Leichtigkeit die Einblicke und Durchblicke gewährt, hinter deren Entstehung Reflexion und Kultivierung im höchsten Grade stehen, entfaltet sie sich in den beiden Etagen des von Gustav Peichl entworfenen Museumsanbaus am Städel.
Pastorale Phantasmen - bourgeoise Gepflegtheiten
Unweigerlich mündet, was Garten nur heißen kann, in den Licht- und Farbenfuror, den die Impressionisten entfalten und wie er etwa Gestalt wird in Monets frühem Porträt seiner jungen Frau Camille mit dem kleinen Sohn Jean in Argenteuil, das aus einer Privatsammlung gekommen ist. Alles Anekdotische löst sich in Stimmung auf - das sind dann die Seerosen pur oder auch der Chrysanthemen-Rausch von Monets Freund Gustave Caillebotte, wo zugleich der Luxus Gestalt wird, den die damals kostspieligen, mit der Japanbegeisterung nach Europa gekommenen Blumen bedeuteten. Doch der gerade Weg in die reine Malerei, für die der Garten nur noch Vorwand ist, wäre eindimensional und langweilig. Die Ausstellung wählt also Haupt- und Nebenwege, bepflanzt das Beet der Renaissance mit den zärtlichen Rasen- und Blumenstücken und schaut auf die Plantage höfischer barocker Lust eines Rubens oder Watteau.
Sie hat ihre ganz starken Passagen, wo die Kehrseite der pastoralen Phantasmen und bourgeoisen Gepflegtheiten in den Blick der Maler gerät. Da erscheint Menzels Hinterhaus und Hof im damaligen Berliner Neubaugebiet, und ein halbes Jahrhundert später blickt Corinth in der winterlich-metallischen Stadtlandschaft Münchens auf den Garten vor seinem Atelierfenster. Ganz zum außenweltlichen Ort der Innenwelt wird der erdige, verschneite Garten des Pfarrhauses in Nuenen, des Elternhauses nämlich, in das der gescheiterte Vincent van Gogh 1883 zurückgekehrt war; ihm ist fatale Enge die Kippfigur der gärtnerischen Ordnung. Als Melancholie ist die Zweischneidigkeit der Trennung zwischen Gartenraum und Landschaft schon bei den Romantikern aufgehoben, deren Sehnsucht über die Brüstung hinweg ins Außerhalb, ins andere wächst.
Beuys reicht Goethe das Blumenwasser
Weit gefaßt ist der Begriff des Gartens, klug gebändigt in einer phänomenalen Auswahl. Gut zweihundert Werke aus fast sechs Jahrhunderten von mehr als hundert Leihgebern sind versammelt. Drei Jahre lang hat die Kuratorin Sabine Schulze an der Ausstellung gearbeitet. Gelungen ist ihr das Pendant zu ihrer Schau „Innenleben“, die vor acht Jahren an selber Stelle ganz dem Interieur als Behältnis von Seelen und anderen Flüchtigkeiten gewidmet war. Das Prinzip der Aufladung ihres Themas hat Sabine Schulze beibehalten - darin sind die „Gärten“ womöglich noch eine Steigerung gegenüber den Innenräumen -, und sie hat wieder Solitäre an unerwarteten Orten aufgespürt, wie die geheimnisvolle Gartenlaube des Polen Alesander Gierymski oder Fernand Khnopffs sonst nicht öffentlich gezeigten, rätselhaften Garten.
Die Ausstellung schafft wörtlich Wahlverwandtschaften zwischen den Kunstwerken, die an den ihnen zugewiesenen Plätzen, vor ihren manchmal gewagt starkfarbigen Wänden gewissermaßen chemisch miteinander reagieren. Im oberen Stockwerk wird das Wechselspiel von Intimität und Öffentlichkeit, wie es auch den Raum des Gartens selbst kennzeichnet, zum beherrschenden Motiv im Beieinander von kleinformartigen und zurückhaltenden, ganz eminenten Arbeiten, die nach der Nähe des Betrachters suchen, und repräsentativ stark wirksamen Formaten. Da ruhen Goethes getrocknete Palmenblätter von der Italienreise in ihrem Glassarg und bergen vielleicht eher die Erinnerung an sehr körperliche denn an geistige Sinnlichkeit; Goethes Pflanzenstudien verwandeln sich zu unglaublich modernen Aperçus, denen kein anderer als Joseph Beuys nachbarlich das Gießwasser reicht, das seine eigenen zarten Blüten so venusschön gedeihen läßt.
Mit dem Garten lassen sich aber auch regelrecht heroische Räume schaffen, wo sich van Goghs verwirrend heiterer später „Irrenhausgarten in Saint-Rémy“ vereinigt mit Sternen über dem nächtlichen Garten des alternden Munch und mit Monets später malerischer Explosion einer Trauerweide, heute im Kimbell Art Museum in Fort Worth. Die Ehren-Gärtner aber, die ihre eigenwilligen Botaniken da sattsam ausbreiten dürfen, heißen Max Ernst und Paul Klee. So verwandelt die Ausstellung das vertraut geglaubte Gelände des Gartens noch einmal zurück in eine Terra incognita, über deren Schwelle die Kraft der künstlerischen Erfahrung zu schreiten weiß.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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