Einer freilich fehlt in der ganzen Ausstellung: Grenouille, der schon geruchlos geboren wurde, dessen Babykopf folglich nicht nach Karamel duftete, weshalb er schon der Amme suspekt war, wie sein Erfinder Patrick Süskind schreibt. Gut zweihundert Jahre später entdeckt Thierry Mugler die betörende Macht von Karamel und Schokolade für sein Parfüm „Angel“ und für dessen männliches Gegenstück „A'Men“ den Lakritz-Zauber.
Dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist mit „Parfum. Ästhetik und Verführung“ eine hübsch sinnliche Schau gelungen, keine Systematik des Themas, aber ein Panoptikum der Olfaktorik. Ein Bataillon von Flakons marschiert auf; die Verpackung des Dufts ist sein A und O: Denn das schlechthinnig Unsichtbare - der Geruch - will in eine physische Form gegossen sein.
Körper als Flaschen
Weshalb überhaupt die Parfümreklame ständig Körper vorzeigt, als Flaschen und als Personen: von Lalique bis Halston, von Guerlain bis Comme des Garcons, von Dior bis Gaultier. Praktisch ist die „Riech-Bar“, in der zehn Säulen auf Knopfdruck Geruchsstoffe versprühen. Aber die Summe seiner Ingredienzien ist beim Parfüm so viel weniger als das Ganze. Und was bedeutet es schon, daß Chanel No. 5 im Jahr 1921 nicht geboren wäre ohne künstliche Aldehyde? Das ist so, wie wenn ein Spielverderber sagt, daß bei „Tiffany's“ kein Frühstück gereicht wird.
Die Zeiten, als das Geheimnis eines Parfüms so gehütet war wie heute nur noch das Rezept kubanischen Rums, sind vorbei: Die Stunde des einen, einzigen Dufts fürs Leben hat auch längst geschlagen. Frau und Mann müssen sich die Exklusivität ihrer Aura abschminken. Statt dessen sind die lockenden Leitbilder, festgehalten von den besten Fotografen, zu Duftfallen arrangiert: Nach den rasierten Männertorsi hat Yves Saint-Laurent das Pelztier wieder in den Salon gelassen; aus dem Schatten der Dame sind Armanis und Guccis Verzückte getreten, und blumenwiesenhafte Natürlichkeit weicht Calvin Kleins Nackten.
Und jener Grenouille, für sein Teil, riecht am Ende so gut, daß er von Kannibalen gefressen wird, nachdem er sich mit der von ihm geschaffenen, absoluten Essenz besprenkelt hat.