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Beuys in Berlin : Die Axt im Museum erspart den Manager

Wie meinte Beuys seine Installation „Das Kapital“? Der Hamburger Bahnhof zu Berlin weiß es. Dort wird sie derzeit in bester Gesellschaft ausgestellt, bis sie ins neue Museum des 20. Jahrhunderts umziehen kann.

          „Das Kapital Raum 1970 – 1977“ von Joseph Beuys ist kein Rätsel, das man durch komplizierte Bedeutungsrecherchen entschlüsseln müsste. Zwar lehnt da eine Axt an einem Konzertflügel, als bildeten sie eine surrealistische Collage, und weitere sich in diesem Environment verlierende Objekte wie ein Kürbis oder eine Gießkanne wurden schon, wahrscheinlich zu Recht, als christliche Allegorien gedeutet. Auf den vielen übereinander gehängten Schultafeln sind alle möglichen wirbelnden Kreise, Pfeile und Textsplitter zu erkennen, die sich offensichtlich nicht auf einen eindeutigen gemeinsamen Nenner bringen lassen. „Non-art as art“, steht da zum Beispiel, oder „Nekrochemie = Biochemie“ oder „Verstaatlichtes Schulwesen“. Doch Einzelheiten kann man gar nicht entziffern, da die Besucher die Installation nicht begehen dürfen und daher an die Tafeln nicht nah herantreten können.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Wirklichkeit ist das Geheimnis dieser Installation, die man seit Samstag im Museum „Hamburger Bahnhof“ in Berlin sehen kann, dass alles darin offen zutage liegt. Die Wandtafeln hatte Beuys bei Performances für die Documenta 6 (1977) und in seinem „Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ für die Documenta 5 (1972) beschriftet. Sie sind also Dokumente seines „erweiterten Kunstbegriffs“, der politische Diskussionen auf den verschiedensten Feldern mit einbezieht. Und davor stehen, locker im Raum verteilt, eine Badewanne, eine Leiter, ein Filmprojektor, eine Leinwand und weitere Dinge, mit denen man etwas tun kann.

          Das Kapital? Menschliche Kreativität!

          Zusammengenommen ergibt dies das Bild eines tätigen Lebens, zu dem die soziale Aktion ebenso gehört wie eher einsame Verrichtungen wie Klavierspielen, Holzhacken, Wäsche waschen und Blumen gießen: genau das also, was Beuys unter „Kapital“ verstand. „Der Zusammenhang von Fähigkeit und Produkt sind die zwei echten Wirtschaftswerte“, hatte er bei Gelegenheit erklärt, woraus folge: „KUNST = KAPITAL. Die Kreativität des Menschen ist das wahre Kapital“. Wenn heutige Human-Ressource-Manager ebenfalls Kunst und Kreativität als Kapital begreifen, meinen sie damit das Gegenteil, nämlich eine wieder für den Markt nutzbar zu machende Tauschmasse. Beuys’ Environment jedoch zeigt kein Mittel der Ökonomie, sondern deren Ziel: ein Bild des Lebendigen, das so offen und zugleich grundlegend ist, dass es sich gegen jede Zurichtung sperrt.

          Beuys hatte die Installation 1980 ursprünglich für die Biennale von Venedig geschaffen, 1984 kam sie leicht modifiziert in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen unter. Der Sammler Erich Marx, der sie 2014 erwarb, stellte sie der Nationalgalerie Berlin als Dauerleihgabe zur Verfügung, und bis das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum fertig gebaut ist, in dem sie einmal ihren Platz finden soll, wird sie nun im Hamburger Bahnhof gezeigt.

          Zur Begrüßung des Neuzugangs hat Eugen Blume, der Direktor des Hamburger Bahnhofs, zusammen mit Catherine Nichols eine höchst ungewöhnliche und dabei Beuys sehr angemessene Ausstellungsform erfunden. Statt „Das Kapital“ in einen kunsthistorischen Rahmen zu stellen, nehmen die Kuratoren seine alle Spartengrenzen sprengenden Fragen auf und führen sie mit Hilfe anderer Kunst fort: Was kann ein Gegenentwurf zur ökonomischen Verwertung sein? Lässt sich aus der kapitalistischen Engführung und Abstrahierung des Lebens etwas anderes machen, indem man auf die Grundbestandteile des „Kapitals“ zurückgeht?

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