07.04.2004 · Und er war doch ein Held: Basel stellt Schätze aus dem Grab des Tutanchamun aus und zeigt den zarten Kindpharao als tatkräftigen entschlossenen Herrscher.
Von Dieter BartetzkoTutanchamun war ein tatkräftiger Pharao, der in nur neun Jahren Regierung sein Reich reformierte: "Er läßt die Lüge eine Abscheu sein, indem das Land wie in seiner Urzeit ist." So steht es zu lesen auf einer riesigen Stele, die den rehabilitierten Reichsgott Amun feiert, den Echnaton, der Vorgänger Tutanchamuns, zugunsten des Sonnengottes Aton abgesetzt hatte.
Mit Amun kehrten auch andere Gottheiten zurück, die dem Ketzerpharao ein Greuel gewesen waren. Vor allem aber trat das uralte Grundelement ägyptischen Denkens wieder in Kraft: der Glaube an ein Jenseits, wo jeden, der auf Erden "in der Wahrheit" gelebt hatte, ein ewiges Leben erwartete.
Der Aufstieg des "Neuen Reiches"
Echnatons Revolution von oben hatte Ägypten sein Lebenselement geraubt, Tutanchamun gab es ihm mit seiner Gegenrevolution zurück. Doch gedankt wurde ihm dies nicht. Sein Nachfolger Aja, vor allem aber Haremhab, der unter dem Kindpharao General gewesen war und 1319 vor Christus als letzter Pharao der 18. Dynastie den Thron bestieg, tilgten das Andenken Tutanchamuns. In den restaurierten Amun-Tempeln ließen sie ihre Namen über den seinen meißeln, Stelen und Ehrenstatuen umbenennen. So lückenlos war die damnatio, daß Howard Carter, als er 1922 Tutanchamuns Grab entdeckte, trotz aller Begeisterung erklärte, bemerkenswert an dem neunzehnjährig gestorbenen König sei einzig, "daß er starb und begraben wurde".
Mit neuen Erkenntnissen läßt Basels Antikenmuseum nun den Verkannten unter dem Titel "Das goldene Jenseits" zu seinem Recht kommen. Nicht nur er, sondern auch seine Epoche - der Aufstieg des "Neuen Reiches" - werden erhellt. Sie war geprägt von Umbrüchen: der Wiedervereinigung des zuvor von Invasoren geteilten Reichs durch Ahmose, der unter Hatschepsut, vor allem aber unter Amenophis III., dem Großvater Tutanchamuns, die Öffnung nach außen folgte, die wiederum die altägyptischen Gesellschaft in eine städtische verwandelte, die den traditionellen Fatalismus zugunsten des Leitgedankens aufgab, "daß Fortschritt und die Verbesserung der eigenen Verhältnisse möglich seien".
Neuer Wirklichkeitssinn
Die Neuerungen begleitete ein glänzender, durch Importe bedingter Aufschwung von Wissenschaften und Künsten, der im weltzugewandten "Amarna-Stil" Echnatons gipfelte. Deshalb beginnt die Ausstellung mit Funden aus den Gräbern von Thutmosis IV. und Amenophis II., die, wie zum Beispiel ein minoisch bemaltes Modellschiff, ägäische Motive zeigen. Die Umformungen häuften sich unter Amenophis III.: Staunend sieht man eine Steatitstatuette dieses Pharaos, die statt althergebrachter Starre Bewegung wiedergibt - das Vorschieben einer Schulter in temperamentvoller Bewegung, ein rundes, lebhaftes Gesicht, das die Züge des Enkels vorwegnimmt.
Ein winziges Köpfchen Tejes, der Gemahlin Amenophis III., bietet diesen neuen Wirklichkeitssinn schon auf einem Höhepunkt. Die individuellen jungen Gesichtszüge tragen bereits jene Merkmale, die das berühmte Altersbildnis der Königin prägen, jene Büste in Berlins Ägyptischem Museum, die Teje in unseren Tagen neben Nofretete und Hatschepsut zur populärsten Herrscherin Altägyptens gemacht hat. Auch in Basel fasziniert ein Antlitz, das Thomas Mann in seiner Joseph-Tetralogie von "Furchen bitterer Weltkunde" und von "schwarzglänzenden, mit kühler Aufmerksamkeit blickenden Augen" schreiben ließ.
Eine geflügelte Sonnenscheibe
Juja und Tuja, den Eltern der Teje, deren intaktes Grab 1905 entdeckt wurde, ist der nächste Saal gewidmet. Der vergoldete Mumiensarg der Tuja ist nicht nur das größte Schaustück, sondern auch eines der schönsten. Lächelnd - friedlich und zuversichtlich, möchte man sagen - ist das Gesicht. Der Kanopenkasten - das Behältnis für die mumifizierten Eingeweide - aus stuckiertem und mit Harz geschwärztem Edelholz trägt vergoldete Reliefs von bestechend anmutigen Schutzgöttinnen.
Wie ein Vorbote des Aton-Kults ziert eine geflügelte Sonnenscheibe einen zierlichen Thron der Prinzessin Sitamun, der als Ehrengabe der Enkelin in das Grab kam. Auf der Rückenlehne ist Sitamun - Zeugnis der enormen Aufwertung der Frauen des königlichen Hofs - als Herrscherin dargestellt, die Tribute - nubisches Gold - annimmt. Auch die weibliche Schönheit wird mit zuvor unbekannten, bis zu raffinierter Erotik reichenden Mitteln gefeiert.
Man kennt das Gesicht
Juja und Tuja, so der Katalog, stehen für den neuen Geist jener Ära. Sie waren Aufsteiger, Juja vermutlich ein syrisch-palästinensischer Fürst, den man wegen seiner Kenntnisse um die neue Kriegstechnik der Streitwagen ins Reich geholt hatte. Auf sie folgt in Basel ihr Enkel, der Radikalist Echnaton. Ausgestellt ist der Kopf einer jener berühmten Kolossalstatuen aus Sandstein, die er, damals noch Amenophis IV., in Karnak im neuen Atontempel aufstellen ließ, den er - eine ungeheure Provokation - beim Tempel des Amun zu bauen befohlen hatte. Man kennt das Gesicht und ist doch wieder verblüfft angesichts der fast karikierenden Expressivität: die ausgemergelten Wangen, messerscharf umrissene, mongolisch geschlitzte Augen, das extrem gelängte Kinn unter negroiden Lippen.
Eine "Mischung schmerzlich verwickelter Geistigkeit und Sinnlichkeit" sah Thomas Mann. Bei der Beschreibung Nofretetes zog er die spektakulär schöne Büste aus Berlin vor. Basel bietet ein Relief, das nur Andeutungen dieser Schönheit enthält. Es überwiegt jene fanatische Vorliebe für Eigenarten, die der frühen Amarna-Kunst eigen ist - wulstige Lippen, glotzende Augen, dazu eine Königskobra, die sich, grotesk von der bekannten Kronhaube herabhängend, über die Wange der Königin schiebt. Den Durchbruch dieser Kunst zum bezaubernd Schönen bezeugt ein Kanopengefäß aus durchscheinendem Kalzit, dem ägyptischen Alabaster. Auf ihm thront die Porträtbüste der Kija: Nebenfrau Echnatons, vermutlich Mutter Tutanchamuns. Die Schwermut in ihrem Blick ist keine Einbildung, sondern der künstlerische Reflex auf Echnatons Lehre vom Tod als dem Ende aller Dinge.
Alles sorgenfreie Schönheit und Harmonie
Bei Tutanchamun dann ist alles sorgenfreie Schönheit und Harmonie. Selbst die Versuche einer lebengroßen Tempelstatue des jungen Pharaos, zum hieratischen Stil der Vorväter zurückzukehren, kommen nicht an gegen die Lebensliebe dieser Kunst; ein rührendes Jungengesicht schaut unter der martialischen Königshaube hervor. Bezaubernd grazil sind zwei goldene Statuetten, die Tutanchamun als König Unter- und Oberägyptens darstellen. Er trägt die einschüchternden, auf den Uranfang des Herrschertums zurückweisenden Zeichen seiner Majestät: Hirtenstab und Dreschflegel. Doch alles ordnet sich dem Eindruck einer schöngesichtigen zierlichen Gestalt unter, die elegant beherrscht ausschreitet. Das gilt sogar für eine silberne Statuette, die aus rituellen Gründen einen gealterten Tutanchamun mit Tränensäcken und hängenden Mundwinkeln vorstellt.
Fast Ehrfurcht löst das Diadem des Pharaos aus: ein goldener Reif mit Edelsteineinlagen, aus dem ein Geierkopf ragt, neben dem als zweites Königszeichen sich eine Kobra bläht, deren geschlängelter Leib einen halbrunden Bügel formt; Gebrauchsspuren zeigen, daß Tutanchamun diese Krone zu Lebzeiten trug. Farbsprühende Pektorale und Halskragen, ein goldener Prunkdolch fordern Bewunderung, ergänzt von atemberaubend formschönen Möbeln - einem Kinderstuhl, einem Hocker, Truhen und Schatullen aus Elfenbein und Ebenholz.
So herrlich wie nie zuvor
Doch dann bannt ein Stück den Blick: ein fünfzig Zentimeter hoher goldüberzogener Statuenschrein, der als Kapelle gestaltet ist. Reliefs überziehen seine Außenwände, die allesamt Tutanchamun im Beisammensein mit seiner Frau Anchesenamun zeigen. Die Themen entsprechen der Königsikonographie: Huldigung, Jagd, Epiphanie. Doch sie verblassen vor dem Liebreiz der Darstellungen, die bestrickende Intimität und Privatheit ausstrahlen. Man meint ein junges Paar zu sehen, das die Liebe entdeckt, einander mit behutsamen und doch vertrauten Gesten berührt, einer des anderen Schönheit bewundernd.
Im Untergang strahlt die Kunst der Echnaton-Jahre so herrlich wie nie zuvor. Doch auch ihr Grauen ist anwesend: Der ungewöhnlich verschwenderische Umgang mit Gold, so wird im Katalog gemutmaßt, könnte damit zu tun haben, daß der Pharao und seine Hinterbliebenen mit dem leuchtenden Metall das göttliche Sonnenlicht im Grabesdunkel zu bewahren suchten - eine Abwehr der trotz Atons Austreibung andauernden Furcht, der Tod beende alles.
Das Versagen der alten Götter
Mit dem Wissen über Tutanchamun haben aber auch die Rätsel zugenommen: Die dezidiert weiblichen Formen einiger seiner Statuen werden inzwischen darauf zurückgeführt, daß die Kunstwerke ursprünglich Darstellungen der Neferneferuaton gewesen seien, die, Tochter und Witwe Echnatons in einer Person, sechs Jahre als Pharao regiert und die Reichsreform eingeleitet habe, ehe sie Tutanchamun weichen mußte. Warum aber behielt dieser trotz seines Amun-Enthusiasmus Symbole und Lehren des Ketzerpharaos bei? Starb er so jung, weil er Opfer der Pest wurde, die seit den Zeiten seines Großvaters Ägypten immer wieder heimsuchte? War die plötzliche Wende Echnatons zum monotheistischen Aton-Kult eine Reaktion auf das Versagen der alten Götter, die man umsonst um Hilfe gegen die Pest angefleht hatte?
Alles das ist Angelegenheit des Katalogs, nicht der Ausstellung. Für sie, die in Schönheit schwelgt und schweigt, gilt, was Zahi Hawass, der wortgewaltige Präsident der Verwaltung ägyptischer Altertümer, vor versammelter Presse betonte: "Tut is back." Das klingt marktschreierisch - und war auch so gemeint: Die 1982 per Gesetz für unverrückbar erklärten Grabschätze absolvieren in Gestalt fünfzig ausgesuchter Objekte eine Tournee, um beizutragen zu jenen 350 Millionen Dollar, die Ägypten zum Bau neuer Museen braucht. Die Rechnung wird aufgehen, das belegen fünfzigtausend vorbestellte Karten und eintausend vorverkaufte Führungen, ebenso wie die daraus hochgerechnete Besucherzahl von fünfhunderttausend, die in Basel nur Auftakt sein wird für das Millionenpublikum einer Weltreise. Der einstige Gottkönig ist zur Einnahmequelle geworden. Aber ein Rest seines Status blieb: Die legendäre goldene Porträtmaske und den Thron behielt Kairo - denn sie sind unantastbare Heiligtümer des heutigen Ägypten geworden.