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Ausstellung „China und Ägypten“ : Momente aus dem Fluss der Dinge

Ägyptische Kanopevasen im Neuen Museum Berlin. Bild: dpa

In der Ausstellung „China und Ägypten“ im Neuen Museum in Berlin erfährt man wenig Überraschendes. Die Sensation liegt im Augenblick.

          „Es gibt zitronengelbe Falter, es gibt zitronengelbe Chinesen; in gewisser Weise kann man also sagen, der Falter ist der geflügelte europäische Zwergchinese.“ Robert Musils Aperçu über die Vergleichsmanie seines Zeitgenossen Oswald Spengler im „Untergang des Abendlandes“ sollte Kulturhistorikern immer noch in den Ohren klingen. Mit der Ausstellung „China und Ägypten“ im Neuen Museum in Berlin wäre Musil trotzdem einverstanden, denn sie versucht nicht, das Unvergleichbare über einen Kamm zu scheren. Sie stellt die Kulturen des Niltals und der Nordchinesischen Ebene einander gegenüber, ohne ihre Unterschiede zu verwischen. Dadurch schärft sie den Blick für die Gemeinsamkeiten zweier Welten, die nichts voneinander wussten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Vor drei Jahren schlossen die Staatlichen Museen mit dem Schanghai-Museum für Kulturgeschichte eine Vereinbarung über eine China-Ausstellung in Berlin. Aber das Asiatische Museum in Dahlem, der ideale Rahmen für eine solche Schau, hat seine Türen im letzten Jahr geschlossen, um ins Humboldt-Forum umzuziehen. So trat das Ägyptische Museum an seine Stelle. Der Glücksfall, dass die Ausstellung im Stülerbau auf der Museumsinsel stattfindet, wird dadurch konterkariert, dass die dortigen Räumlichkeiten nach dem Willen des Architekten Chipperfield nur eingeschränkt nutzbar sind. Nicht nur im Griechischen Hof, wo die Präsentation mit zwei Bronzegefäßen beginnt, auch in den angrenzenden Sälen müssen die Wände frei bleiben. Texttafeln, Karten und Bilder, die sonst als Rahmen für die Objekte dienen könnten, werden dadurch in die Mitte der Räume gedrängt.

          Anthropomorpher Sargdeckel des Königlichen Schreibers und Vorstehers der beiden Scheunen Sa-Iset Bilderstrecke
          „China und Ägypten“ : Ausstellung im Neuen Museum in Berlin

          Die Kuratoren haben aus diesen Vorgaben das Beste gemacht. Sie zeigen ihre Schätze, nach Signalfarben – Rot für China, Schwarzbraun für Ägypten – und fünf Themenkreisen geordnet, in den Vitrinen. Da die erklärende Rahmung fehlt, muss man die Objekttexte manchmal sehr genau lesen, um der Suggestionskraft des optischen Eindrucks zu entgehen. Dann zeigt sich etwa, dass die Holzfiguren einer ägyptischen Küche und einer Bäckerei aus dem Mittleren Reich um 2000 vor Christus stammen, das danebengestellte Hausmodell aus China dagegen aus der um Christi Geburt herrschenden Han-Dynastie. Altägypten und Altchina existierten nicht gleichzeitig, die eine Hochkultur reicht bis ins vierte, die andere nur bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurück. Um die Han-Epoche, die den Schwerpunkt der Bestände aus Schanghai ausmacht, mit der eigenen Sammlung zur Deckung zu bringen, hat das Ägyptische Museum die Zeitschiene der Ausstellung bis an die Schwelle zur Spätantike ausgedehnt. Damals war die ägyptische Kultur längst von der griechisch-römischen absorbiert. Aber der Trick funktioniert, die Ähnlichkeiten drängen sich auf – solange man nicht vergisst, dass zwischen dem Uschebti, der Grabfigur aus Fayence, des Verwaltungsbeamten Psammetich aus Sakkara und den tönernen Wächterinnen aus einem Han-Grab ein halbes Jahrtausend liegt.

          Die Sensation des Augenblicks

          Die ägyptischen Götter hatten Menschenkörper und Tierköpfe, bei den Chinesen blieb das Numinose körperlos. Chinesische Bronzen gehören zu den Wundern des Altertums, die alten Ägypter dagegen kannten keinen Bronzeguss. Die chinesische Zeichenschrift entwickelt sich seit der Shang-Dynastie um 1200 vor Christus ständig weiter, die ägyptischen Hieroglyphen blieben über drei Jahrtausende gleich und kamen dann außer Gebrauch. Am Nil wurde Glas hergestellt, am Gelben Fluss Lackmalerei. Zu all diesen Verallgemeinerungen gibt es Gegenbeispiele, aber im Großen und Ganzen, das sieht man hier, stimmen sie. Die Ausstellung enthält deshalb keine eigentlichen Überraschungen, sie illustriert, was man weiß.

          Ihre Sensationen sind solche des Augenblicks. Der blau bemalte Skarabäus auf dem Brustschmuck des Obersalbenkochers Pa-Nehesi aus der Zwanzigsten Dynastie, der das Herz des Toten symbolisiert, das mit der Feder der Maat, der Göttin der Gerechtigkeit, gewogen wird. Die Zeremonialaxt aus Bronze aus der späten Shang-Zeit, auf der das Gesicht eines grinsenden Dämons prangt. Das Totengewand des Liu He aus der Herrscherfamilie der Chu im westlichen Han-Reich, das aus zweitausendzweihundert mit Silberfäden vernähten Jadeplättchen besteht, die zusammen nur ein einziges Kilo wiegen. Die leichten und die schweren Dinge der Kultur, sie alle liegen auf der Waage der Geschichte, und nur der Zufall bestimmt, was in die Museen gelangt und was verlorengeht. Hinter jedem Stück, das in Berlin zu sehen ist, stehen unzählige, die für immer verschwanden. Uns reicht das Staunen über das, was blieb.

          China und Ägypten - Wiegen der Welt. Im Neuen Museum, Berlin; bis zum 3. Dezember. Der Katalog erscheint Ende August und kostet 39,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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