17.09.2008 · Elf Kunstssammlungen von Unternehmen, 20.000 Werke zur Auswahl und ein kniffliger Auftrag: Udo Kittelmann sollte daraus eine Ausstellung im Münchner Haus der Kunst zusammenstellen. Zum Glück fand er einen Kokurator - in Karl Valentin.
Von Brita Sachs„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, frotzelte einst Karl Valentin. Udo Kittelmann, der Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst und designierte Leiter der Neuen wie der Alten Nationalgalerie in Berlin, dachte garantiert oft an diesen Satz, als er in München den kniffligen Auftrag annahm, unter mindestens zwanzigtausend Kunstwerken aus elf Unternehmenssammlungen eine Auswahl für eine Gemeinschaftsausstellung zu treffen. Als „Geschenk“ an die Münchner zum 850. Geburtstag ihrer Stadt tritt die Schau im Haus der Kunst an, die vieles, was sich sonst in Vorstandszimmern, Büros und Depots den Blicken der Öffentlichkeit entzieht, erstmals vorstellt. Das machte nicht nur viel Arbeit, sondern auch viel Kopfzerbrechen - schließlich trennt die Kollektionen mehr, als sie der Standort München verbindet.
Mit Kittelmann holte man einen ebenso erfahrenen wie gewitzten Kurator ins Boot, der den heiklen Schlingerkurs zwischen Kunst und Wirtschaft ebenso elegant meistern sollte wie die Aufgabe, Rokoko-Malerei und Gursky-Fotos unter einen Hut zu bekommen. Die zündende Idee kam aus dem Bücherschrank: Da stand Karl Valentins „Brillantfeuerwerk“, und mit ihm war nicht nur der Titel für ein buntes Potpourri gefunden, sondern auch ein Inspirator und „Kokurator“, wie Kittelmann erklärt, der beschloss, die Verantwortung mit dem großen Münchner Komiker, dem dadaistischen Spötter Karl Valentin, zu teilen. Eine brillante Idee, denn mit Hilfe von Valentins in allen Facetten schillerndem Humor ein Stück für die Museumsbühne zu inszenieren heißt, kuriose Haken schlagen zu dürfen und auf hohem Niveau offenzulassen, wie ernst etwas gemeint ist oder wer eigentlich auf die Schippe genommen wird.
Eingerahmte Farbpatzen, hätte Valentin es genannt
Ein Kokurator mit diesen Qualitäten kam wie gerufen, wo doch die Selbstdarstellung von Unternehmen in Kunsthäusern im Grunde verpönt ist. Doch die Finanzspritzen von Sponsoren kann längst kaum noch ein Haus missen. Dass im Haus der Kunst nun die Unternehmenssammlungen ausnahmsweise selbst einmal im Zentrum stehen dürfen, geschieht denn auch in säuberlicher Trennung vom Betrieb des Hausherrn Chris Dercon. Und es geschieht nicht gratis. Von einer „Teilnahmegebühr“ von siebzigtausend Euro pro Firma war zu hören; da bleibt, nach Abzug aller Ausstellungskosten, sicherlich noch ein schöner Betrag für das Haus der Kunst übrig. Kittelmann hatte vollkommen freie Hand. Weder galt es, den Kunstbesitz von Allianz, BMW, Eon Energie, Generali Versicherungen, Giesecke & Devrient, Hubert Burda Medien, Hypo-Vereinsbank, The Linde Group, Münchener Rück, Siemens AG und Südhausbau repräsentativ darzustellen noch ein bei mehreren Firmen auf ganz anderem Feld als dem Sammeln liegendes Engagement für die Kunst zu erläutern oder gar Paritäten einzuhalten.
Mit Bustellis porzellanenen Commedia-dell'Arte-Figürchen aus dem achtzehnten Jahrhundert wird in ein kleines Welttheater geboten. Und gleich rufen die Schattenspiele von Pierrot und Columbine auf der Wand den tragikomischen Melancholiker Valentin auf den Plan. Es blitzt, brennt und zündelt gleich im nächsten Saal, wo Eichlers gewaltiger „Kampf der Elemente“ tobt, das zerschossen erstarrte Kabul auf Brian McKees Großfoto und Pablo Bronsteins „Kriegsruinen“ geben einen Vorgeschmack auf den Weltuntergang, Hockney schleudert Blitze, und Max Klingers grandioser Radierzyklus erzählt im eigenen Kabinett „vom Tode“, dem unentrinnbaren. Wo hingegen die Farben explodieren, bei der Gruppe Spur etwa oder bei André Butzer, da lässt der geniale Volkssänger Valentin den Grantler raushängen: „Eingerahmte Farbpatzen nennt man Gemälde, und zu Defregger sagt man Kitsch.“
Schutz vor dem selbst Gewollten
Solcherart funkensprühend und gedankenspringend setzt die Schau verwegen Kunstwerke quer durch Epochen und Themen in Beziehung, und das oft zu gegenseitigem Nutzen. Im Saal „News & Society“ die Telefon-„Hellos“ hinter uns lassend, die Christian Marclay aus Spielfilmikonen zum Video zusammenschnitt, stehen wir zwischen zwei riesigen Warhols. „Andy gratuliert München“, so ist es überall in der Stadt plakatiert, und hier tut er es mit den „Images of Munich City“ sowie Titelblättern der „Bunten“, dazwischen beleuchtet ein Bildchen von Christian Wilhelm Ernst Dietrich ein wichtiges Nachrichtenorgan des achtzehnten Jahrhunderts: den „Bänkelsänger“.
Ob Jean Marc Nattier seine leichtbekleideten „Liebenden“ (1744) gern neben dem barbusigen, dickbäuchigen Motorradtrio von Richard Prince (1993) sehen würde? Ausdruck ihrer Zeit sind jedenfalls beide, wie auch der Konsumkommentar, den Jenny Holzer ihrem BMW Art Car in den Titel schrieb: „Protect me from what I want.“ Ganz am Ende des meistens erfrischenden und manchmal auch absonderlichen Zusammentreffens von fünfzig Künstlern heben die Kuratoren ab; über Boettis gestickte Weltkarte schwebt Panamarenkos „Roter Helikopter“: „So nun werd' ich mich verduften jetzt mit meinem Aeroplan“, lesen wir vom Kokurator Valentin. „Da brichst dir's G'nick auf keinen Fall. Ein Hoch auf die Fliegerei!“ Und auch ein Hoch auf die Münchner Funkenflüge.