Home
http://www.faz.net/-gsa-zgvo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Ausstellung: Art of Two Germanys Eine Schau, die keine Furcht kennt

Die Kunst des geteilten Deutschlands steht jetzt im Mittelpunkt einer Ausstellung in Los Angeles: „Arts of Two Germanys“ entfaltet ein Kunstpanorama, das es in Amerika in dieser Form noch nicht zu sehen gab.

© Nachlass Martin Kippenberger, Galerie Capitain Vergrößern Martin Kippenberger: „Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongress” (1984)

Eine 56er Isetta, ein 69er Volkswagenkäfer und ein 72er Trabi bilden das Empfangskomitee. In Kalifornien, wo das Leben übers Auto gelebt wird, ist das fast eine Selbstverständlichkeit. Strategisch vor dem Museumseingang geparkt, ködern sie also den Besucher, der vielleicht nicht unbedingt vorhatte, die nächsten zwei, drei Stunden mit Kunst aus gleich zwei Deutschlands zu verbringen.

Jordan Mejias Folgen:  

Im landestypischen Idiom bereiten sie auf eine Ausstellung vor, die freilich nie die Absicht hatte, allein künstlerische Belange zu schildern. Was nach den Autos auch ein Spalier von Dokumentarfotos bestätigt, die, noch bevor die eigentliche Schau beginnt, einen Schnellkurs in deutscher Nachkriegsgeschichte anbieten. Auf Stoffbahnen ins Großformat gesteigert, beschwören die Bilder Schlüsselmomente aus einem halben Jahrhundert herauf, von den städtischen Trümmerlandschaften am Kriegsende bis zum ekstatischen Fall der Mauer. Das ist der Zeitrahmen für „Art of Two Germanys“.

Mehr zum Thema

Ostdeutsche Kunst muss sich nicht verstecken

Das Museum betritt das Publikum jedoch keineswegs ahnungslos. Stephanie Barron, langjährige Kuratorin am LACMA, dem Los Angeles County Museum of Art, hat bereits zweimal deutsche Kunst und Geschichte aufgearbeitet, mit den beiden großen Ausstellungen über die Avantgarde in Nazideutschland (“Degenerate Art“) und europäische Künstler, die vor Hitler die Flucht ergriffen (“Exiles and Emigrés“). Und dass das LACMA über eine bedeutende Sammlung deutscher Kunst verfügt und Los Angeles eine Schwesterstadt von Berlin ist, wollte Michael Govan, der smarte Direktor des LACMA, nicht nur am Rande vermerkt wissen.

heisig © VG Bild-Kunst, Bonn Vergrößern Bernhard Heisig: „Unterm Hakenkreuz” (1973)

Allzu weit, ja fehl ginge aber, wer aus dem Zustand der westdeutschen Autos, beide zu makellos funkelnden Museumsstücken restauriert, und dem ziemlich lädiert herumstehenden Trabi Rückschlüsse auf die entsprechende Kunstproduktion ziehen wollte. Jeglicher metaphorische Verweis liefe da ins Leere. Denn „Art of Two Germanys“ versucht, vertraute Erzählungen zu untergraben.

Neue Namen für Kalifornier

Wer noch einmal hören und sehen will, wie Westdeutschland als gelehriges Mitglied eines internationalen Clubs, in dem die Ideen nur so sprühten und der unwiderstehliche Westweltgeist sich in all seiner Fülle und atemberaubenden Geschwindigkeit austobte, dem bedauernswerten, hoffnungslos provinziellen, allenfalls handwerklich versierten, sonst aber künstlerisch und überhaupt total erstarrten Osten davongeeilt ist, wird in Los Angeles nicht auf seine Kosten kommen.

Kalifornier können zum ersten Mal mit Künstlern Bekanntschaft machen, die sie bisher nicht einmal dem Namen nach kannten. Deutsche Besucher aber, die später im Jahr Gelegenheit bekommen, über eine Variation der Schau im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sinnen, werden vor allem eine ostdeutsche Szene entdecken können, deren Nuancenreichtum, widersprüchliche Tendenzen und fortwährender Wandel sich vor westlichen Stiljagden, Konzept- und Perspektivenwechseln nicht zu verstecken brauchen.

Westlich ungehemmte Radikalität

Mit dreihundert Gemälden, Skulpturen, Fotografien, Videos und Installationen von hundertzwanzig Künstlern lässt die Ausstellung in vier Abteilungen Ost und West zusammenprallen; aber nicht weniger oft und überzeugend veranschaulicht sie auch, wie sich Parallelen herausbilden und erstaunliche Korrespondenzen ergeben. Die ersten vier Nachkriegsjahre und ihre düsteren Versuche, neue Wege zu beschreiten und alte, unter Hitler verbotene wiederzubetreten und so mit dem noch kaum überwundenen Horror zurechtzukommen, erleben in der Tat allmählich eine künstlerische Spaltung. Im Osten soll der Sozialismus sich in einer proletarischen Art von heroischem Realismus offenbaren, im Westen die Abstraktion von Freiheit und demokratischen Idealen künden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wegen Ukraine-Berichterstattung Russland begrenzt Rechte ausländischer Medienbesitzer

Präsident Putin wirft dem Westen einen Medienkrieg vor. Als Gegenmittel soll der Anteil ausländischer Eigner an russischen Massenmedien auf 20 Prozent begrenzt werden. Betroffen ist auch der deutsche Axel-Springer-Verlag. Mehr

27.09.2014, 00:01 Uhr | Politik
Marihuana vom "Bauernmarkt"

In Los Angeles können Konsumenten ihren THC- Hanf jetzt direkt beim Erzeuger kaufen. Anbieten dürfen die "Cannabis-Bauern" in Kalifornien ihre Produkte aber nur zu medizinischen Zwecken. Mehr

14.07.2014, 11:07 Uhr | Gesellschaft
Gesetz für den Umweltschutz Kalifornien verbietet Plastiktüten

Als erster amerikanischer Bundesstaat hat Kalifornien ein Gesetz eingeführt, das unentgeltliche Einweg-Plastiktüten verbietet. Mit der Maßnahme will man laut Gouverneur Jerry Brown der Flut an Plastik Herr werden. Mehr

30.09.2014, 20:03 Uhr | Wirtschaft
Waldbrand wütet in Kalifornien

Ein heftiger Waldbrand wütet im kalifornischen Bezirk Los Angeles. Rund 200 Feuerwehrleute und acht Hubschrauber sind im Einsatz, um die Flammen einzudämmen. Mehr

18.08.2014, 09:59 Uhr | Gesellschaft
Galerien in Berlin Wann überhaupt ist jetzt?

Parallel zur Verkaufsschau ABC präsentieren die Galerien und neuen Kunstorte in Berlin außergewöhnliche Schauen, in denen vorgeführt wird, wohin die zeitgenössische Kunst steuert. Mehr Von Niklas Maak

20.09.2014, 13:47 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.01.2009, 16:02 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr