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Veröffentlicht: 21.04.2016, 13:17 Uhr

Typografie Futura Superstar!

Ikea, Volkswagen und der Regisseur Stanley Kubrick waren Fans von ihr: Wie die Schrift Futura die Welt eroberte, zeigt eine Ausstellung im Museum Angewandte Kunst.

von Felicitas Rhan

So modern wie ihr Name, so prägend war sie für die Zukunft: Die Schriftart Futura ist zum Typographie-Klassiker geworden. Im Jahr 1927 wurde sie von Paul Renner entworfen, die Frankfurter Bauersche Gießerei vertrieb sie weltweit. Heute zählt sie zu den populärsten Schriften des zwanzigsten Jahrhunderts. Die steile Karriere sieht man ihr zunächst einmal nicht an: Schlichtheit und Schnörkellosigkeit, das Fehlen von Serifen und die gleichmäßige Strichstärke sind ihre wichtigsten Eigenschaften. Volkswagen und Ikea haben Futura zeitweise in ihren Firmenlogos verwendet, Stanley Kubrik nahm sie unter anderem für seinen Vorspann von „Eyes Wide Shut“ oder seine Filmplakate von „The Killing“. Die Deutsche Bahn nutzte bis 1986 eine Variante der Schrift für ihre Bahnhofsschilder, und bis heute ist Futura die Hausschrift der Universität Leipzig. Ihre Einflüsse, Verwendungen und Fortführungen kann man nun auf etlichen Grafiken im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt verfolgen.

In der Ausstellung „Alles neu! 100 Jahre Neue Typografie und Neue Grafik in Frankfurt am Main“ versammelt das Haus zahlreiche Schriftstücke, die den Beweis liefern, dass das Konzept „Neues Frankfurt“ nicht nur auf architektonischer Ebene eine Rundumerneuerung war, sondern auch auf grafischer und visueller. Für den Bereich Typographie und Grafikdesign findet hier eine exemplarische Aufarbeitung statt, deren Ausgangspunkt das Jahr 1925 bildet. Frankfurt sollte modern werden: In der Verbindung des namhaften Breslauer Architekten und zum Stadtbaurat berufenen Ernst May, des Frankfurter Oberbürgermeisters Ludwig Landmann und Hans Leistikows, des Leiters des städtischen Drucksachenbüros, kulminierte das neue Erscheinungsbild der Mainmetropole, das aus weit mehr bestand als den „Frankfurter Küchen“ und den „May-Siedlungen“. Das Museum setzt mit der Ausstellung seine langfristig angelegte Reihe zum Frankfurter Design fort, die 2013 mit der Überblicksschau zum „Frankfurter Zimmer“ begonnen und im Jahr darauf mit der Ausstellung zum gestalterischen Werk des Architekten Ferdinand Kramer, des Verantwortlichen der Neugestaltung der Johann Wolfgang Goethe-Universität, weitergeführt wurde.

Figurative Szenen aus geometrischen Formen

Neue Formen verlangten nach neuen Schriften. So war die „Neue Typographie“ Ausdruck der Modernität, die die sogenannten Groteskschriften - also jene Schriftarten ohne Serifen - propagierte. Futura trat ihren Siegeszug an. Passend dazu erschien 1929/31 eine Werbeanzeige für die Schrift, gestaltet von Liselotte Müller. Die Bauersche Gießerei nutzte das abstrakte, symmetrische Motiv von zwei Schwalben im Flug und setzte in ähnlich geometrischer Reduktion und serifenloser Manier „Futura - die Schrift unserer Zeit erobert im Fluge die Welt“ hinzu.

Ist der Blick einmal geschärft, sticht einem die Groteske überall ins Auge: Das ausdrucksstarke Schwarzweißplakat von Gunter Rambow zur Inszenierung des Othello für die Frankfurter Oper aus dem Jahr 1988 ist in den Varianten „Futura extra bold“ und „heavy“ überschrieben. Auch die „Lebenszeichen“, das Schrift- und Bildzeichensystem des Frankfurter Grafikers Wolfgang Schmidt von 1979, benennt serifenlos in „Futura medium“ „all the things you are“ neben Piktogrammen der menschlichen Merkmale. Besonders reizend sind die ausgestellten typographischen Kalenderbilder von bereits erwähnter Liselotte Müller, mit „Futura book“ und „bold“ gestaltet. Jedes Monatsblatt ziert eine im Setzkasten angelegte figurative Szene aus geometrischen Figuren, in ihrer Reduktion und Stringenz ebenso einfach wie verblüffend. Ähnlich wie die beiden futuristischen Schwalben auf der Schriftanzeige paddeln in strenger Achsensymmetrie auf dem Juniblatt zwei Kanuten, während den Augustteil sieben identische Fische bevölkern, die erfrischend chaotisch ein Knäuel jenseits der Symmetrie bilden.

Müller war seit 1923 Studentin an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, gelernt hatte sie auch bei Willi Baumeister und Paul Renner. Ab 1929 arbeitete sie als Entwurfszeichnerin, für den Satz von Schriftproben tätig für die Bauersche Gießerei. Die jeweils nur postkartengroßen Kalenderbilder fertigte Liselotte Müller noch während ihrer Studienzeit in der Werkstatt von Philipp Albinus an, der von 1924 bis 1934 Fachlehrer für Typographie an besagter Hochschule war. Zahlreiche Dokumente, Schriftstücke und Grafiken der Ausstellung stammen aus dem umfangreichen Nachlass des Buchdruckmeisters. Zusammen mit Hans Leistikow war Albinus einer der wichtigsten Vertreter der „Neuen Typographie“ und des Grafikdesigns des „Neuen Frankfurts“.

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Auch aktuelle Positionen kommen in der Ausstellung nicht zu kurz, darunter eine Installation des Frankfurter Kommunikationsdesigners Markus Weisbeck. Auf einem großformatigen Plakat versammeln sich alle Logos, die sein Studio surface über die Jahre gestaltete, vom Schriftzug des MMK über den des Düsseldorfer Schauspielhauses und der Manifesta7 bis zum Symbol des Jüdischen Museums von Frankfurt.

Alles neu! 100 Jahre Neue Typografie und Neue Grafik in Frankfurt am Main. Museum Angewandte Kunst, Frankfurt, bis 21. August. Der Katalog kostet 39 Euro.

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Die im Dunkeln sieht man nicht: Ein Highlighter soll das weibliche Genital besser präsentieren. Das ist der endgültige Sieg der Welt aus „Fifty Shades of Grey“. Mehr 17 47

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