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Ausstellung Allein, wir ekeln uns nicht recht

09.05.2004 ·  Die neue Dauerausstellung im „Deutschen Hygiene-Museum“ in Dresden ist eine veritable Leistungsschau der Modellbauer, Gipsabgießer und Kunststoff-Designer. Irritierend aber ist die Konfliktlosigkeit dieser nachmodellierten Welt.

Von Heinrich Wefing, Dresden
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Am Anfang steht der Mensch, der "Gläserne Mensch". Wahrscheinlich kann das gar nicht anders sein im "Deutschen Hygiene-Museum" in Dresden (DHMD). Keine Ausstellung dort, schon gar nicht die neue Dauerausstellung, kommt ohne den "Gläsernen Menschen" aus. Dieses Geschöpf aus Kunststoff, Glühbirnchen und bunten Elektrokabeln, von dem Präparator Franz Tschackert geschaffen und 1930 erstmals dem Publikum präsentiert, ist das mit weitem Abstand bekannteste Exponat des Dresdener Hauses. Es hat dessen Logo inspiriert, ein strahlenumkränztes Auge, dessen Blick überallhin vordringt. Vor allem aber symbolisiert das transparente Wesen perfekt Anspruch und Auftrag der Institution, die gegründet wurde, um dem Menschen seinen eigenen Körper durchschaubar zu machen.

Selbstverständlich heißt denn auch die erste Station der Ausstellung "Der Gläserne Mensch". In ihrem Zentrum dreht sich sachte die Plexiglasstatue einer durchsichtigen Frau, vollgestopft mit Drähten, weißen Knochen und farbigen Organen, die auf Knopfdruck erleuchten: hier die Harnblase, dort die Gebärmutter. Der erste Blick des Besuchers aber fällt auf einen gewaltigen Apparat aus Holz und Metallstangen, dessen Erfindung 1895 erst möglich gemacht hatte, was die "Gläserne Frau" und ihre Verwandtschaft später schematisch zu suggerieren versuchten: das Skelett eines Menschen bei lebendigem Leibe zu betrachten. Der furchteinflößende Apparat, ein technisches Fossil, halb Folterinstrument, halb Guillotine, ist ein Röntgengerät aus dem Jahr 1925, das - man mag es kaum glauben - tatsächlich bis 1990 in einer Arztpraxis im sächsischen Dorf Chemnitz im Einsatz war.

Akt der Erkenntnis

Anschaulich zeigt das Nebeneinander von "Gläserner Frau" und Röntgengerät die wechselseitige Inspiration von medizinischer und gesundheitspädagogischer Bildproduktion. Diesen Zusammenhang vorzuführen ist das zentrale Anliegen der ersten Ausstellungsstation. Sie ist der übrigen Präsentation weniger als Einführung vorangestellt, vielmehr reflektiert sie wie ein Essay den eigenen Gegenstand: die Verdinglichung von Körperbildern als Akt der Erkenntnis. Sie zeigt, wie Ärzte, Aufklärer und Präparatoren Modelle des menschlichen Leibes konstruiert haben, und dabei nicht nur vom medizintechnischen Fortschritt beeinflußt wurden, sondern auch beherrscht waren von den geistigen Strömungen ihrer Zeit. Tschackerts gläserne Statuen verraten noch eine späte Antikensehnsucht, seltsam verknotet mit einer fast naiven Technikbegeisterung, während ein roter "Muskelkopf" von 1920 mit weit aufgerissenem Mund reinster Expressionismus zu sein scheint: Edvard Munchs "Schrei" gleichsam gehäutet.

Vollends unübersehbar wird das Zeitgebundene der Menschenbildnerei beim Blick auf die Ausstellungspolitik des Hauses am Dresdener Großen Garten selbst, das anfangs ganz das Pathos der Neuen Sachlichkeit atmete, später zum Instrument der nationalsozialistischen Rassenideologie wurde und dessen Auftrag heute zwischen "Public health"-Propaganda, Gesundheitsaufklärung und kulturhistorischer Sammlung unklarer, komplexer, schwieriger geworden ist denn je.

Auf dem Boden des Handgreiflichen

Aus einem weiteren guten Grund noch stehen die "Gläserne Frau" und ihre weitverzweigte Familie von Plaste-Kindern und Schicht-Torsi am Anfang der Ausstellung. Indem sie vorführt, welche dreidimensionalen Abbilder sich die Mediziner und Gesundheitsaufklärer vom menschlichen Körper gemacht haben, stimmt die Präsentation den Besucher auch auf ihr ureigenes Medium ein: das Modell. Mit einer gewissen Erleichterung nimmt man zur Kenntnis, daß Bodo-Michael Baumunk, der Designer der Schau, aus dem Luftreich des Virtuellen zurückgekehrt ist auf den Boden des Handgreiflichen.

Anders noch als bei dem von ihm entzündeten Multimediagewitter "Sieben Hügel" vor ein paar Jahren im Berliner Gropius-Bau stehen die Computer und Touch-screens in Dresden nicht im Zentrum der Ausstellungsinszenierung, sondern fast dezent an deren Rand; denjenigen zu Diensten, die mehr erfahren wollen zu den zahllosen Themen, die während des Rundgangs nur angerissen, aber nicht vertieft werden. Statt dessen tritt ein anderer, älterer, im Hygiene-Museum gleichsam selbstverständlich beheimateter Typus von Exponaten in den Mittelpunkt: Gips-Vergrößerungen von Gewebeschnitten und Körperzellen, 1930 in der Lehrmittelproduktion des DHMD entstanden; anatomische Skulpturen von eigentümlicher Schönheit, die an Insektenhöhlen denken lassen oder an merkwürdige prähistorische Kugelarchitekturen; die bizarre Flora von Korrosionspräparaten aus dem achtzehnten Jahrhundert, bunt gefärbte Darstellungen von Gefäßsystemen, die mit Wachs, Harz oder Metallen ausgegossen und anschließend im Säurebad weggeätzt wurden, bis nur die Aderstrukturen übrigblieben, filigran und weit verzweigt wie Baumkronen.

Konkurrenzlose Nachbildungen der Natur

Auch auf anderen Ausstellungen hat es gelegentlich eine Fülle dieser meist virtuosen Nachbildungen der Natur gegeben, aber oft genug tauchten sie dort neben anderen Artefakten auf, mitunter übertönt vom Lärmen und Flirren der Bildschirme. In Dresden nun stehen sie konkurrenzlos da. Recht eigentlich ist die dortige Dauerausstellung eine veritable Leistungsschau der Modellbauer, Gipsabgießer und Kunststoff-Designer.

Voll offenkundiger Lust haben die Kuratoren im Fundus des Museums gewühlt, und wo sie nicht fündig wurden, da haben sie selber Modelle in Auftrag gegeben, fröhlich-bunte Neo-Pop-Objekte mit abgerundeten Ecken, die sich prächtig an der Wand jeder Berliner Bar machen würden. Wie sehr das Modell im Vordergrund steht, macht erst der sparsame Einsatz von Feuchtpräparaten, also von realen Körperteilen, deutlich, die sorgsam hinter Klappdeckeln untergebracht sind, als könne ihr Anblick, der Anblick der einst lebendigen Natur, immer noch Anstoß erregen.

Replikate der ganzen Welt

Die Dresdner Inszenierung beschränkt sich nicht auf Nachbauten des menschlichen Körpers und seiner Organe. Wie die Ausstellung nach und nach ihren Blick erweitert und den Körper in Aktion zu zeigen beginnt, beim "Leben und Sterben", beim "Essen und Trinken" und bei der Liebe ("Sexualität"), so gesellen sich zu den Modell-Menschen in den folgenden Stationen Replikate der ganzen Welt, en detail und meist in vieltausendfacher Vergrößerung. Tiere kommen hinzu, eine "Gläserne Kuh" etwa oder eine hinreißende, monströse, klebrig-braune Fruchtfliege mit gut drei Meter Spannweite, aber auch Mikroben und Viren. Ein HI-Virus zum Beispiel aus Sperrholz und Plexiglas, das freilich eher wie der Prototyp einer Kugellampe aus Honeckers Palast der Republik anmutet, nicht wie ein Nano-Killer. Am anderen Ende der Skala stehen Modelle, die Großes klein machen, damit es anschaulich wird, das Architekturmodell einer industriell arbeitenden Großküche etwa oder ein Hochseetrawler der DDR-Fischereiflotte.

Man hat der Ausstellung vorgeworfen, ihr fehle eine These, irgendein verbindender Gedanke. Aber das trifft nicht das Problematische der Präsentation. Viel irritierender ist ihre Provokationslosigkeit. Der nachmodellierten Welt, durch die man im DHMD spaziert, eignet die Konfliktfreiheit einer Spielzeuglandschaft. Sie ist durchaus unterhaltsam, und was sie zeigt, ist fast ausnahmslos irgendwie interessant und richtig. Doch wo immer es heikel werden könnte, entscheidet sich die Dresdener Schau entweder für eine ungefährliche Oberflächlichkeit, wie bei den brisanten Fragen der Bevölkerungsentwicklung und der Stammzellen-Diskussion, die sie nur beiläufig erwähnt, oder sie wählt ein unverfängliches Einerseits-Anderseits, das sorgsam zwischen Risiken und Chancen, Vor- und Nachteilen abwägt. In den Ausstellungsbereichen zum Beispiel, die der Sexualität gewidmet sind, schrammt die Didaktik mitunter nur haarscharf an der Aufklärungsrhetorik für Schüler in Jugendzeitschriften vorbei, die für alles und jedes Verständnis hat, wenn nur offen und ehrlich genug darüber geredet wird.

Vielleicht ist das der Preis, den eine Ausstellung zahlen muß, die sich so intensiv auf Modelle verläßt, wie es die Dresdener Schau tut: Ihr fehlt das Schmierige, Feuchtwarme, Blutdurchpulste, bisweilen Ekelhafte und Furchteinflößende, das zum menschlichen Körper auch dazugehört.

"Mensch - Körper und Gesundheit". Täglich außer montags 10 bis 18 Uhr. Die drei noch fehlenden Abteilungen der Dauerausstellung werden im Frühjahr 2005 eröffnet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.05.2004, Nr. 107 / Seite 37
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