Home
http://www.faz.net/-gsa-u9r0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Armory Show Zwölf Tonnen Kunst im Wohnzimmer

25.02.2007 ·  Die Armory Show wird mit jedem Jahr ein bisschen eleganter, auch wenn sie noch nicht an den Schliff und den Glamour etwa der Art Basel in Miami Beach heranreicht. Die Galerien haben viel junge Kunst mitgebracht. Und fast überall zeigt sich der Trend zur Skulptur und Installation.

Von Lisa Zeitz, New York
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

New York schwitzt im Kunstmessen-Marathon. Die Armory Show, zum ersten Mal nicht in zwei separaten Hallen, sondern unter einem Dach des großen Pier 94 über dem Hudson River vereint, hat 150 Galerien zeitgenössischer Kunst eingeladen. Zur gleichen Zeit findet die gediegenere Art Show der American Art Dealers Association statt, mit siebzig Galerien, die sich im historischen Ambiente der Armory ausbreiten. Die Namensgebung ist verwirrend: Die Armory Show findet nicht in der Armory statt! So ist es, und damit sind verpasste Verabredungen dieses Wochenende programmiert. Doch verlieren kann man sich auch anderswo: Die auch in Basel, London, Miami und den Hamptons operierende Scope ist dieses Jahr mit 65 internationalen Teilnehmern am Lincoln Center untergebracht. Weitere alternative Messen in diesen Tagen heißen MASH, Fountain, Red Dot, PULSE, LA Art und schließlich DiVA, an der Südspitze Manhattans.

Der kunstsinnige Bürgermeister Michael Bloomberg weihte in einer gemeinsamen Veranstaltung die Armory Show und die Art Show ein und zog dabei eine stolze Parallele zum Februar vor zwei Jahren, als Christo und Jeanne-Claude den Central Park mit ihren safranfarbenen „Gates“ schmückten. Der Februar sei als touristische Saison eher träge, aber die Kunstmessen, so rechnete Bloomberg vor, würden für zusätzliche Einnahmen von mehr als fünfzig Millionen Dollar sorgen. Allein die Schlangen vor dem Taxistand am regnerischen Eröffnungstag schienen seine Berechnungen zu bestätigen.

Zurückhaltung „Made in Germany“

Die Armory Show wird mit jedem Jahr ein bisschen eleganter, auch wenn sie noch nicht an den Schliff und den Glamour etwa der Art Basel in Miami Beach heranreicht. Der Teppich ist weicher als letztes Jahr, das Restaurant ist größer. Die Galerien, von denen die Hälfte aus Europa kommt, fünf Prozent aus Asien und rund vierzig Prozent aus den Vereinigten Staaten, vor allem aus New York, haben viel junge Kunst von insgesamt mehr als tausend Künstlern mitgebracht. Das deutsche Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie hat wieder achtzehn deutsche Galerien gefördert, indem es fast die Hälfte von deren Standmiete übernommen hat, aber man hat sich diesmal erfreulicherweise dafür entschieden, ihnen keine Schilder „Made in Germany“ aufzunötigen, sondern übt sich in Zurückhaltung.

Fast überall zeigt sich der Trend zur Skulptur und Installation - auch wieder bei dem jungen Berliner Galeristen Johann König. Er stellt eine Arbeit des Schweizers Andreas Zybach aus. Der Schüler von Thomas Bayrle - den Einfluss sieht man den Werken jedoch nicht an - hat asymmetrische Module aus gesägten Sperrholzgittern geschaffen: Ungeschälte Erdnüsse, die wie Schrauben eingesetzt sind, und Elektromagneten halten die Module zusammen. Die Dimensionen sind, bei einer Mindestzahl von fünf Gitterklötzen für 4500 Euro, variabel. Jedes weitere Modul kostet 300 Euro.

Fragmentiertes Elchgeweih

Die vielleicht beste Installation der Messe zeigt die aus Paris angereiste Galerie Kamel Mennour. Sie heißt „Klan“ und stammt von Adel Abdessemed, einem Franzosen algerischer Herkunft, der schon lange mit Flugzeugteilen arbeitet. Zehn weiße Nasen von echten Flugzeugen hat er jeweils mit zwei schwarzen Flecken versehen. Erst auf den zweiten Blick erkennt der Betrachter den Bezug zum Titel des Werks, „Klan“. Die weißen Teile wirken wie eine Versammlung von Kapuzen des Ku-Klux-Klan, in die jeweils zwei schwarze Löcher für die Augen hineingeschnitten sind. Schon in den ersten Minuten der Vorschau hat sich das Werk für 100.000 Dollar an einen amerikanischen Privatsammler verkauft. Die New Yorker Galerie Anton Kern präsentiert ein fragmentiertes Elchgeweih von Michael Joo, der sich in früheren Arbeiten mit der Anatomie von Zebras, Bären und Karibus beschäftigt hat. Durch kleine Metallstreben konnte er die Spannweite der Trophäe auf fast zwei Meter vergrößern (55.000 Dollar).

Auch die zeitgenössische Malerei ist auf der Armory weiter stark vertreten, wenn auch nicht ganz so prominent wie im vergangenen Jahr: Anton Kern bietet ein frech hingeschmiertes Gemälde an, dem der Hamburger Bendix Harms den Titel „Trauerschnitt“ gegeben hat. Es stellt in groben Pinselstrichen ein gigantisches, heulendes Gesicht hinter einem weißen Vorhang dar und kostet 12.000 Dollar. Zum ersten Mal ist die koreanische Arario Galerie auf der Messe vertreten. Sie zeigt ein Polyptychon mit acht Leinwänden des neuerdings höchst populären Chinesen Fang Lijun. Das graue Wolkenpanorama mit verschwommenen Gesichtern und farbenfrohen Pfingstrosenblüten wurde erst vor sechs Wochen fertiggestellt (520.000 Dollar). Davor stehen Liu Jianhuas breite Schüsseln aus blauweißem Porzellan, in denen sich zierliche Ladies kopflos mit goldenen Stilettos tummeln (90.000 Dollar). Peter Dreher malt seit Jahren dasselbe Glas. Aus dieser puristisch realistischen Serie von mehr als tausend Werken mit dem Titel „Tag um Tag ist guter Tag“ sind die einzelnen Bilder bei der Londoner Galerie „The Approach“ für 2750 Dollar zu erstehen.

Schrubben im Abendkleid

Unter den Fotografien sticht eine Arbeit von Marina Abramovic aus dem Jahr 2006 am Stand der Sean Kelly Gallery heraus. Auf dem 170 mal 140 Zentimeter messenden C-Print kniet die schöne dunkelhaarige Künstlerin in tief ausgeschnittenem schwarzen Abendkleid und roten Gummihandschuhen mit einem schäumenden Putzeimer auf dem Boden - und erinnert an eine moderne büßende Magdalena (Auflage 5; 50.000 Euro). Ronald Feldman schließlich präsentiert das größte Werk der Armory Show, einen verspiegelten Original-Müllwagen der Stadt New York, dem die Performance-Künstlerin Mierle Laderman Ukeles den Namen „The Social Mirror“ gegeben hat.

Er war 1983 Teil der ersten New York City Art Parade, ist im Besitz des Department of Sanitation und wird immer noch für zeremonielle Dienste herangezogen. Dokumentationen von anderen Performances der Künstlerin sind für 20.000 Dollar zu haben, etwa ein über zwei Meter breites Schwarzweißfoto (Auflage 5), das die blonde Künstlerin in einer Müllentsorgungsanlage in Staten Island, von Männern umringt, zeigt. Sie hat zwischen 1977 und 1980 planmäßig 8500 Müllmännern die Hand geschüttelt. Als Michael Bloomberg auf der Messe danach gefragt wurde, was er von dem verspiegelten Müllwagen halte, antwortete er diplomatisch. Der Boden seiner Residenz, sagt er, sei wahrscheinlich nicht stark genug für zwölf Tonnen Kunst, „deshalb kann ich ihn mir leider nicht ins Wohnzimmer stellen“.

Bis 26. Februar. Der Eintritt kostet 20 Dollar. Der Katalog kostet 20 Dollar.

Quelle: F.A.Z., 24.02.2007, Nr. 47 / Seite 45
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr