Kurz vor der Eröffnung wäre es beinahe noch zu einem Skandal gekommen: Muck Petzet, Generalkommissar des deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig, wurde in München von der Mitteilung aufgeschreckt, der benachbarte kanadische Pavillon breite sich mit seltsamen Skulpturen bis direkt vor seinen, den deutschen, Pavillon aus. Tatsächlich hatten die Kanadier einen Haufen magentafarbener Holzstelen aufgestellt, und zwar direkt vor den deutschen Pavillon. Die Stangen sahen aus, als habe ein künstlerisch ambitioniertes Mitglied der deutschen Telekom der Weltöffentlichkeit neuartige Überlandleitungsmasten vorstellen wollen; offenbar hatte man im kanadischen Pavillon das Motto der diesjährigen Architekturbiennale, Common Ground, so verstanden, dass vollkommenes ästhetisches Durcheinander im öffentlichen Raum etwas Begrüßenswertes sei.
Petzet fand den Einmarsch der schrillen Magenta-Stangen weniger amüsant, schließlich hatte er sich Mühe gegeben, den oft als martialisch kritisierten Eingangsbereich des Pavillons in eine leise, fast parkartig charmante Ruhezone mit Bänken zu verwandeln. Die Tür des deutschen Pavillons, durch die man sonst in die sakrale Zentralhalle trat, ist verschlossen. Über ihr leuchtet ein von dem Designer Konstantin Grcic, der die Ausstellungsarchitektur gestaltet hat, entworfener Pfeil aus gelben Glühbirnen, der in seiner intensiv warmen Funzeligkeit an einen Spätsommertag in einem alten italienischen Badeort mit Lunapark und Casino denken lässt. Er weist auf die versteckte Seitenfassade, wo sich jetzt der Eingang des Baus befindet, den Grcic und Petzet in eine kühle, präzise Architekturlandschaftspromenade verwandelt haben: durch die Türrahmen scheint man auf Waldhütten, Hochhäuser und Bunker zu schauen, die sich als großformatige Fototapeten an den Wänden entpuppen. Das Problem, wie man Architektur ausstellt, wie man mit den unschönen Effekten ihrer Verkleinerung in Fotos und Modellen umgeht, wird hier gelöst mit monumentalen Fotos; Hochwasserstege dienen als Sitzbank und Leitwerk.
Architektur als Judobewegung
All das ist sehr fein inszeniert und verträgt sich schlecht mit kanadischen Magenta-Stangen, die am Dienstagmorgen noch vor dem Pavillon entlangtrudelten. Wenig später, nach einem energischen Auftritt Petzets, zertrümmerten ein paar erboste Handwerker bei großer Hitze diesen Teil der kanadischen Installation, die sie kurz zuvor aufgebaut hatten, und taten, was Petzet als Architekt immer vermeiden möchte: abreißen.
Denn das Thema des deutschen Pavillons lautet „Reduce, Reuse, Recyle“, und es geht bei vielen der gezeigten Projekte darum, wie man alternde Bauten vor allem der Nachkriegsmoderne eben nicht abreißt, sondern pflegt, weiterbaut und umwidmet. Das renovierte Studentenwohnheim im Münchner Olympiadorf ist zu sehen, der von Volker Staab mit einer neuen Fassade versehene und erweiterte Turm der Hochschule Darmstadt, Arno Brandlhubers Atelierhaus in der Berliner Brunnenstraße, wo er eine Bauruine auf verblüffende Weise weiterdachte, ebenso wie seine „Antivilla“ - eine ehemalige Unterwäschemanufaktur aus DDR-Zeiten, die mit entschlossen sparsamen Gesten des Entfernens und Einreißens zum Atelier- und Wochenendhaus umgestaltet werden soll. Dazu der von LIN Architekten zum Kulturzentrum umgebaute U-Boot-Bunker in Saint-Nazaire und die feine Vernähung eines alten Einfamilienhauses mit einem Anbau von Amunt Architekten: Was man sieht, sind Beispiele für eine andere, metamorphotische Idee von Architektur, die davon weiß, dass nichts so ressourcenfressend ist wie Abriss und Neubau. Die Sensibilität dafür ist dabei eher eine europäische Eigenschaft; in anderen Teilen der Welt haben die Stadtplaner andere Probleme. Einer von der Deutschen Bank veröffentlichten Statistik zufolge müssten in den kommenden Jahrzehnten weltweit eine Milliarde Wohneinheiten gebaut werden, um die wachsende Bevölkerung in den Ballungszentren aufzunehmen; schon heute leben 400 Millionen Stadtbewohner in kritisch überbelegten Wohnungen, vor allem in Südasien und Indien.
Dem Bauboom Asiens steht der Abrisskult des alten Westens gegenüber. In den schrumpfenden Städten Amerikas, in den Plattenbausiedlungen des deutschen Ostens und der französischen Banlieue werden soziale Probleme gelöst, indem man die Megasiedlungen der Nachkriegszeit dem Erdboden gleichmacht. In einigen Fällen wurde aber der Abriss im letzten Moment verhindert: Das Architekturbüro Lacaton&Vassal verwandelte im Pariser Norden den Sozialbauturm Bois-le-Prêtre mit Wintergärten und Balkons in ein kaum wiederzuerkennendes Gebäude mit hundert Wohnungen: Architektur wirkt hier wie eine Judobewegung, bei der mit einer einfachen Geste enorme Kräfte ins Positive gewendet werden und sogar eine Schönheit der klaren Form erscheint, wo man nur Tristesse vermutete.
Kein Geld für Familiensiedlungen
Auch der 1964 geborene Muck Petzet wurde mit solchen Umbauten bekannt. In der ostddeutschen Stadt Hoyerswerda, deren Bevölkerung dabei ist, von ursprünglich 70.000 auf gut 30.000 Einwohner zu schrumpfen, rettete Petzet ein ungeliebtes Gebäude und verwandelte es in ein neues soziales Zentrum. Die vom Leerstand betroffenen Elfgeschosser im Zentrum von Hoyerswerda werden in der Regel einfach abgerissen. Petzet beschloss, einen zu retten: Er stockte das Gebäude auf und baute auf das erhöhte Haus eine Dachterrasse für die Bewohner und eine öffentliche Aussichtsplattform. Das Ergebnis ist eines der wichtigsten Bauwerke der neuen Bundesländer: Die entleerte Stadt bekam ein Signal für eine soziale und bauökologische Wende - und einen neuen öffentlichen Platz. Es ist schade, dass dieses Projekt nicht im Pavillon gezeigt werden kann; es hätte auch das Motto der Biennale erhellt, die Frage nach dem Common Ground.
Der Begriff stammt aus der Kommunikationstheorie: jeder Teilnehmer eines Diskurses macht Annahmen über das Wissen, das er als gemeinsam voraussetzt. Bezogen auf Architektur bedeutet das, dass jeder Stadtplaner, jeder Architekt, Annahmen über das macht, was die zukünftigen Bewohner von einem Haus, einer Stadt erwarten, und leider sind diese Annahmen häufig falsch. Ein Großteil der Stadtplaner ignoriert die Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der die klassische Familie nicht mehr die Mehrheit stellt und kein Geld für die endlosen Einfamilienhaussiedlungen vor der Stadt mehr da sein wird. Sie ignorieren, dass sich die sozialen Rituale verändert haben - also auch das, was man Öffentlichkeit nennt. In Städten wie Hamburg und Berlin sind Familien mittlerweile eine Randgruppe - ihr Anteil an den Haushalten lag zuletzt gerade einmal bei 17 bis 20 Prozent. Noch dramatischer ist der Wandel in Städten wie New York, wo Bürgermeister Bloomberg gerade ein Programm für den Bau von Singlewohnungen ankündigte.
Doppelgesichtige Janus-Architektur
Auch das ist ein Thema auf dieser Biennale: Welche Rolle eigentlich der Staat noch als Bauherr hat. Rem Koolhaas und sein Büro erinnern in einer Ausstellung im Rahmen des Biennale-Hauptpavillons an die großen staatlichen Bauprogramme, mit denen in den sechziger und siebziger Jahren eine Idee von Öffentlichkeit gegen das Diktat der Marktökonomie durchgesetzt werden sollte. Aber was könnte ein anderer öffentlicher Raum sein? Was fehlt genau? In Venedig zeigt sich, dass die Architekten dringend über die Begriffe nachdenken müssen, in denen Architektur beschrieben und gedacht wird - Begriffe, die bei genauerer Betrachtung kaum noch geeignet scheinen, die Gegenwart der Stadt, des Wohnens und des Bauens zu beschreiben. Was ist heute etwa, nach dem Wegfall der Notwendigkeit von städtischen Plätzen als Orten des Warenumschlags, ein „Platz“? Was sucht man auf einem Platz, und was wird einem dort angeboten außer den Konsumhandlungen „Kaffee trinken“, „Schuhe anprobieren“ und „Filme schauen“ - die drei wesentlichen Handlungsalternativen, die vom Stadtmarketing als „urbanes Leben“ gefeiert werden?
Eine der Grundfragen der Biennale gilt der Zukunft des öffentlichen Raums - der Privatisierung von Fußgängerzonen, dem Zombieurbanismus, der mit Cafés und und bunten Shoppingstraßen jene durchmischte Urbanität optisch vorgaukelt, die er eliminiert. Was die Diskussion über das, was ein Platz sein könnte, zusätzlich erschwert, ist der Zusammenprall von einem, mit Lévi-Strauss gesagt, „kalten“ und einem „heißen“ urbanistischen Modell: Konservative Theoretiker gehen von einer im Kern unveränderten Natur des Menschen aus, die nach den immer gleichen Plätzen verlangt; dass „wir“ uns auf italienischen Plätzen wohlfühlen, gilt ihnen als genügender Beweis, dass der dezent abgewandelte formale Nachbau dieser Plätze zu einem funktionierenden öffentlichen Leben führe. Die Piazza genannten Ödflächen in den Neubaugebieten zeigen, dass es so einfach nicht ist.
Vielleicht ist ein Ort wie Muck Petzets Dach in Hoyerswerda, ein Ort wie Rem Koolhaas’ Bibliothek in Seattle, viel mehr „Platz“ im Sinne eines gemeinschaftsstiftenden Orts: als Bühne, auf der die stattfindenden Handlungen nicht bloß durch Konsumerwartungen vorstrukturiert sind, als Ort, der unerwartete Begegnungen und Entdeckungen ermöglicht, keine Bevölkerungsgruppen ausgrenzt und den neuen sozialen Ritualen etwa mit den öffentlichen Internetterminals der Bibliothek Raum gibt.
Eine These dieser Biennale lautet, dass Stadt erst dann funktioniere, wenn sich Menschen in den in Ruinen gefallenen Großentwürfen einnisten und sie umwandeln. Was einem in italienischen Städten als pittoresk erscheint, ist das Ergebnis vieler solcher kleinteiliger, auf einander reagierender Einzelbasteleien, die oft gegen einen großen Entwurf durchgesetzt wurden: Im Kellerfenster eines leeren Palazzo nistet sich ein Zeitungsladen ein, ein Restaurant stellt Stühle auf die Straße und verengt so die Fahrbahn, bis sie wie ein Innenraum wirkt.
Die römische Mythologie hat für solche Inversionen zwischen innen und außen, dem Eigenen und dem Fremden, ein eindringliches Bild geschaffen: den doppelgesichtigen Gott Janus, der der Nymphe Cardea die Macht über Schwelle und Tore verlieh. Nicht zufällig gehört der Name des Gottes, der immer gleichzeitig nach vorn und hinten, außen und innen schaut, zur gleichen Wortfamilie wie ianua, die Bezeichnung für die Tür und ianus, den offenen Durchgang - was wiederum viel mit den aktuellen architekturtheoretischen Fragen in Venedig zu tun hat: als Denkfigur, die Plätze hervorbringt, auf denen Identität und Fremdes, Öffentliches und Intimes nicht mehr als unvereinbare Gegensätze gedacht werden müssen.