Heute sind die Niederlande bereits zu siebzig Prozent urbanisiert.“ Henk Ovink, der Direktor des Niederländischen Instituts für Raumplanung, hat zur Eröffnung der diesjährigen Rotterdamer Architektur-Biennale untertrieben. Denn die Weltbank beziffert die Verstädterung bereits auf fünfundsiebzig Prozent. So oder so: die Urbanisierungslawine in den Niederlanden hat erschreckend viele Grünzonen unter sich begraben.
Ovink möchte nicht missverstanden werden: Er sieht das Übel nicht in den wachsenden Städten, sondern in der schlecht geplanten Stadt, der unkontrollierten Suburbanisierung des Umlands. „Viele Häuser ergeben noch lange keine Stadt“: Damit war Henk Ovink beim Biennale-Thema „Making City“ - und beim Ticken der demographischen Bombe. Planer, Architekten, Ingenieure und Umweltforscher müssen radikal umdenken angesichts der Tatsache, dass in knapp vier Jahrzehnten fünfundsiebzig Prozent aller Menschen in Städten leben werden. Verschärft wird das Problem durch die Situation in den südostasiatischen Ländern, wo bei steil ansteigender demographischer Kurve aufgrund schwacher Zivilgesellschaften und liberalisierter Märkte Stadtplanung quasi inexistent ist.
Gentrifizierung und ihre Folgen
Folgerichtig bieten die Wände des Niederländischen Architektur Instituts zwar keine Apokalypsen ab, machen aber doch unmissverständlich deutlich, dass die globale gesellschaftliche Entwicklung am Scheideweg steht: Entweder man überlässt den Wohnungs- und Grundstücksmarkt weiterhin dem „freien Spiel der Kräfte“ und riskiert, dass die sozialen Bindekräfte der Stadt zusehends schwinden. Oder die politisch Verantwortlichen stärken die Möglichkeiten der Stadtplaner, sozial-integrative Tendenzen zu fördern.
Der Ausstellungsparcours optiert selbstverständlich für die zweite Variante, verweist aber auch darauf, dass die Finanzkrise in den europäischen Staaten kaum Handlungsspielräume lässt. Ausnahme (im gegenteiligen Sinne): Istanbul, wo die islamische Regierungspartei AKP auf Kosten der in den städtischen Randgebieten lebenden anatolischen Bevölkerungsmehrheit das westliche Modell einer Finanzmetropole durchsetzte und die Gentrifizierung der Innenstadt antrieb, was wiederum vermehrt zu sozialen Spannungen führt.
Ein Bewusstseinswandel hat eingesetzt
Die türkische Kuratorin Asu Aksoy leitet seit der letzten Rotterdamer Biennale in der Bosporus-Gemeinde Arnavutköy ein Projekt, das die Auswirkung der Suburbanisierung auf die wichtigen Wasserreservoirs, die umgebenden Wälder und die Landwirtschaft untersucht. Der engen Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Wirtschaftsverbänden folgte ein Bewusstseinswandel auf Seiten der Kommune und der Bevölkerung. So gelang es, die Bauern vom Nutzen ökologischer Landwirtschaft und vom Einsatz geklärten Wassers zu überzeugen.
Die Rotterdamer Biennale setzt auf kontinuierliche Arbeit lokaler Projektteams in städtischen Gebieten, die von sozialen und ökologischen Umwälzungen betroffen sind. Beispielhaft dafür ist São Paulos innerstädtischer Slum (Favela) Paraisopolis, mit dem sich seit einigen Jahren ein Team unter der Leitung des niederländischen Architekten Kees Christiaanse (ETH Zürich) beschäftigt. Er arbeitet mit der Wohnungsbehörde SEHAB, die vier Prozent des kommunalen Haushalts von São Paulo in Maßnahmen investiert, die eine bessere Anbindung der Favelas an die städtische Infrastruktur gewährleisten. An diesen Maßnahmen ist, neben dem „Caracas Urban Think Tank“, Fernando de Mello Franco beteiligt, dessen Architekturbüro MMBB in der Favela Cabuçu de Cima tätig ist, um die Bewohner von unkontrollierten Landbesetzungen abzuhalten, die die Wasserreservoirs und den Regenwald schädigen.
Zwischen formeller und informeller Wirtschaft
Während sich Kees Christiaanse und Fabienne Hoelzel in Paraisopolis erfolgreich für Sozialwohnungen, Schulen und Parks einsetzten, überzeugte Fernando de Mello die Bewohner von Cabuçu de Cima davon, dass der Schutz der natürlichen Ressourcen den eigenen wirtschaftlichen Interessen zugutekommt. Alternative ökonomische Formen entstanden, die im Spannungsbereich zwischen formeller und informeller Wirtschaft bestehen.
Dreißig in aller Welt tätige Projektteams werden insgesamt auf Rotterdams Architekturbiennale vorgestellt. Es geht beispielsweise um den dringenden Bedarf einer neuen Regionalplanung für die Millionenstadt Neu-Delhi oder um die Durchsetzung eines neuen sozialen Wohnungsprogramms für das von Bürgerkrieg und Armut gepeinigte Guatemala mit Hilfe des „Posconflicto Laboratory“. Wegweisend ist ein einfaches und kostengünstiges Wohnungsmodell für das in Singapurs Freihandelszone liegende Batam und seinen hochspekulativen Immobilienmarkt. Das Team unter Leitung von Kees Christiaanse, Stephen Cairns, Daliana Suryawinata und Bobby Wong entwickelte frei addierbare Wohnungsmodule, die den spezifischen Bedürfnissen der Wanderarbeiter angepasst werden können.
Gleichgültig, ob es sich um explosive demographische Entwicklungen in Südostasien oder um „shrinking cities“ in Westeuropa handelt - das Vorbild der Rotterdamer Biennale ist die sozial-integrative und nachhaltige Stadt. Man vertraut der eigenen Tradition, die seit je frühzeitig auf städtische Herausforderungen und Umwandlungen reagierte. Und so präsentiert man keine Leistungsschau ikonischer Bauten, sondern die Möglichkeiten einer „smart urbanization“. Doch dargeboten werden sie in einem labyrinthischen Rundgang, der durch Dickichte zahlloser Texttafeln und damit unverdauliche Informationsberge führt. Offenbar trauen die Kuratoren dem komplexen Thema keine Anschaulichkeit zu. Schade, ist doch „Making City“ aktueller denn je.