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Architektur Zeigt, daß sich was dreht

29.06.2006 ·  Cincinnati, Wolfsburg und Leipzig wissen, wie es sich anfühlt, wenn beim Betreten eines Baus von Zaha Hadid das Vertraute vom Unvorhersehbaren ersetzt wird. Jetzt läßt es sich auch in New York erahnen: eine Guggenheim-Ausstellung.

Von Jordan Mejias, New York
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Wenn schon ins Museum, dann ins Guggenheim. War das ihr Motto? Um die Energien begreiflich zu machen, die Zaha Hadids Architektur freisetzt, wäre ein streng nach Galerien geordnetes Haus kaum passend. Im New Yorker Guggenheim Museum aber, in einer Spirale, die sich mit der Reglosigkeit des Gebauten auch nicht zufriedengibt, brauchen Frau Hadid und Frank Lloyd Wright für ihren Dialog keine Übersetzer. Sie verstehen sich, obwohl sie radikal unterschiedliche Sprachen sprechen. Ein paar Schritte die Rampe hinauf genügen, um von einer Welt in die andere zu gelangen.

Dabei aber drängt sich eine zweite Übereinstimmung nach vorn. Eine Schau, die eine der erstaunlichsten architektonischen Visionen unserer Zeit dokumentiert, beginnt als Gemäldeausstellung. Woran allerdings nicht die Natur des Museums schuld ist. Zaha Hadid, geboren 1950 in Bagdad, ausgebildet in Beirut und an der Londoner Architectural Association School, wo sie auf Seelenverwandte wie Rem Koolhaas und Bernard Tschumi traf, mußte lange auf ihren ersten Auftrag warten. Also malte sie, was sie nicht bauen durfte. Und damit lief sie wiederum Gefahr, potentielle Auftraggeber erst recht zu verschrecken.

Keiner wollte, daß sie baut. Also hat sie gemalt

Die chronologisch ausgerichtete Retrospektive, für die ihr jetzt die gesamte Rotunde des Guggenheim Museums zur Verfügung steht, muß deshalb ihren Anfang mit Entwürfen nehmen, die als Malerei verkleidet sind. Oder kommt Malerei in Form von Architekturentwürfen daher? Jedenfalls kündigt sich hier eine architektonische Avantgarde an, die sich sehr wohl zu einer künstlerischen Tradition bekennt. Zaha Hadids oft großformatige Gemälde könnten von einem späten Konstruktivisten stammen, der die Designer des Raumschiffs Enterprise bewundert.

Zeigt, daß sich was dreht: Zaha Hadid im Guggenheim-Museum

Ganz ohne zentralperspektivische Magneten lassen diese Abstraktionen in Acryl geometrische Splitter über die Leinwand regnen, immer bedacht darauf, weniger die scharf zugespitzten Flächen und Linien in einem Formengewebe zu bändigen, als Geschwindigkeit bis zum euphorischen Rausch zu steigern. Es sind Bilder, die sich nach einem schick avantgardistischen Ambiente sehnen, und das Guggenheim erfüllt ihnen den Wunsch. Auf dem ersten Rastplatz, den der Rampenaufstieg vorsieht, gesellt sich zu den Gemälden Mobiliar aus Zaha Hadids Designstudio. Ein Anblick, schöner als jeder Hochglanzseitentraum eines trendigen Einrichtungsmagazins.

Später Test der gebauten Wirklichkeit

Den rasanten Sitzgelegenheiten glaubt man, daß die Abstraktionen in der Tat als architektonische Entwürfe gemeint sind. Nach spektakulären Baupremieren nicht zuletzt in Deutschland, wo Frau Hadid in Wolfsburg und Leipzig kürzlich für Aufregung sorgte, sind jetzt auch die materiellen Belege dafür zu besichtigen. Hadids Gebilde, die allen Gesetzen der Schwerkraft hohnsprechen, sich in hierarchielose Kraftfelder auflösen und anfänglich nicht einmal auf die Mithilfe des Computers angewiesen waren, haben mittlerweile den Test der gebauten Wirklichkeit bestanden.

Aber damals, im Jahre 1982, als sie für einen Freizeitclub in Hongkong ihre dynamisierten Kunstwerke vorlegte, gab es am Realitätssinn der Architektin noch beträchtliche Zweifel. „The Peak“ wurde nie gebaut, der Ruf der Revolutionärin wuchs aber schnell und heftig ins Kultische. Bis sie sich mit ihrer Überzeugung durchsetzte, daß die Freiheit, die sie uns im Aufbrechen rechtwinkliger Raster und dem Verweigern einer genauen Bestimmung von Räumen versprach, auch auf dem Bauplatz überlebensfähig sei, mußten jedoch noch einige Jahre vergehen.

Neue Welt im Visier kosmopolitischer Architektur

Die Architekturgemälde der Hadid sind von großer atmosphärischer Variabilität. Es gibt Nachtstücke wie die dunklen, rot und violett aufleuchtenden Entwürfe für den Media Park Düsseldorf, und auch eine Art Blaue Periode ist auszumachen, etwa bei den Arbeiten fürs Tokioter Tomigaya Building. Wenn die Paraphrasen des russischen Konstruktivismus später im digitalen Rhythmus ein geschmeidigeres Tempo anschlagen, winken ihnen am Wegrand Großmeister wie Oscar Niemeyer oder eben der Hausgott Frank Lloyd Wright in Spiralenlaune zu. Es geht freilich nie allein um formale Vorlieben. Auch Zaha Hadid nimmt, wie ehemals die Konstruktivisten, mit ihrer kosmopolitischen Architektur eine neue Welt ins Visier.

Der konservative Urbanist Witold Rybczynski bemängelt, die Ausstellung propagiere eine Stadtvision, die den Menschen außer acht lasse. Von solchen Kritikern braucht Frau Hadid eigentlich nur ein gründlicheres Studium ihrer Entwürfe zu verlangen: Die Kunst hat sich bei ihr, jedem ersten Anschein zum Trotz, nicht verselbständigt. Noch und gerade in ihren extravagantesten Gesten schafft sie überraschende Entfaltungsräume fürs Individuum und die Gruppe.

Immerhin: New York hat jetzt eine Ahnung

In einer Museumsschau kann davon vieles nur behauptet, nicht aber vorgeführt oder bewiesen werden. Auch die flotten Videofahrten, die etwas höher auf der Rampe zur Besichtigung und Vorschau einladen, sind lediglich Versprechen. In Amerika durfte Frau Hadid bisher nur in Cincinnati bauen. Dort allerdings hat ihr wunderbares, spannungsvoll übereinandergeschichtetes Museum eine Straßenecke und die gesamte Umgebung unter künstlerischen Strom gesetzt. Auch das ist ein Kerngedanke ihrer Arbeit. Innere Kraftlinien sollen sich nicht nur draußen fortsetzen, sondern ebenso die Energien des Kontexts aufnehmen.

Die Schau im Guggenheim, von Frau Hadid selbst konzipiert und installiert, verrät davon nur wenig. Statt Wrights Spirale in der Gegenrichtung zum Rotieren zu bringen, hat die Künstlerin sich mit den Kuratoren Germano Celant und Monica Ramirez-Montagut auf eine Chronik ihres Wirkens beschränkt. Am schwächsten wird die Ausstellung ausgerechnet da, wo die realisierten Entwürfe auf einer wie mit Postern tapezierten Strecke paradieren. Gerade wegen ihrer Vagheit veranschaulichen die Gemälde eindringlicher die „flüssigen Geometrien“ und „künstlichen Landschaften“ Zaha Hadids.

Auch das Verweilen vor Frau Hadids Sofas ist kein Ersatz für den Augenblick, wenn beim Betreten eines Hadid-Baus das Vertraute vom Unvorhersehbaren ersetzt wird. Cincinnati, Wolfsburg und Leipzig wissen, wie sich das anfühlt. In New York läßt es sich nur ahnen. Jetzt immerhin sehr viel besser als zuvor.

Bis 25. Oktober. Der Katalog kostet 50 Dollar.

Quelle: F.A.Z., 29.06.2006, Nr. 148 / Seite 41
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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