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Architektur und Integration Zu viel Istanbul, zu wenig Duisburg

09.12.2009 ·  Der Streit um Minarette in Westeuropa könnte sich entschärfen lassen, wenn Moscheen sich ihrer abendländischen Bau-Umwelt ebenso anpassen würden, wie dies Synagogen seit Jahrhunderten tun. Ein vergleichender Überblick.

Von Dieter Bartetzko
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Wie im Sprichwort den Wald vor lauter Bäumen sieht im Streit um die Schweizer Minarette vor lauter Symbolik niemand mehr die Architektur. Dabei spricht sie aus, was die aktuelle Empörung im Namen der Integration übersieht und der Schweizer Volksentscheid ans Licht gerissen hat: Mögen die verzweifelt Gutwilligen multikulturelle Harmonie beschwören und die notorisch Unwilligen eine schleichende Islamisierung an die Wand malen, die bald in eine militante umschlagen könnte - die betreffenden Bauten bezeugen tiefe Gräben.

„Wer baut, will bleiben“: Mit den unterschiedlichsten Schlussfolgerungen kursiert diese Losung in allen Lagern des Minarettstreits. Welches Bleiben aber drücken die hiesigen muslimischen Bauten aus? Da ist zum Beispiel die 2008 eröffnete Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh, Raum für 1500 Gläubige, die Einweihung ein Stadtteilfest. Sie gilt seither als Modell gelungener Integration. Doch ihre Gestalt hat nicht das Geringste mit Marxloh zu tun, sondern ist, außen wie innen, ein freies Zitat der islamisierten Hagia Sophia und der Blauen Moschee in Istanbul. Nur der Sichtbeton ihres Minaretts verrät dem Laien, dass sie nicht spätantik ist.

Eine diffizile Drehung

Zehn Tage vor der Merkez-Moschee war im Osten Berlins, in Pankow-Heinersdorf, nach Protesten der Anwohner und Krawallen von Neonazis, die Khadija-Moschee geweiht worden. Ihre Gemeinde betont nach innen die Gleichberechtigung der Frau und nach außen die Loyalität zum deutschen Staat. Das Bauwerk dagegen, mit einer Kuppel, einem überkuppelten polygonen Minarett und einer von Bogenfolgen überspannten Schaufront, beschwört traditionelle Moscheen; zeitgenössisch ist nur der Verzicht auf arabeske Detailfülle. Was auf die Kreuzberger Ulmar-Ibn-Al-Khattab-Moschee (ebenfalls 2008) nicht zutrifft. Ihre Dachzonen schwelgen in türkischer Ornamentik und vier Miniatur-Minaretten, deren Dekorfülle wettmacht, was ihnen an Größe fehlt.

Solche Orthodoxie kennzeichnet die Erscheinung fast aller sichtbaren muslimischen Gotteshäuser hierzulande. Das unterscheidet sie von der zweiten bedeutenden Sakralbaugruppe hiesiger Andersgläubiger - den Synagogen. Unter denselben Prämissen entstanden, zählen die neueren zum Besten der deutschen Gegenwartsarchitektur. Die bekannteste ist die 2001 geweihte Schalom-Synagoge in Dresden, ein steinverkleideter Kubus, den man auf Anhieb der aktuellen Zweiten Moderne, speziell der wuchtigen „Schweizer Einfachheit“, zuordnet. Doch sie ist subtiler gestaltet: Eine diffizile Drehung, die gleichermaßen den biblischen Mythos der Hüftverrenkung des Patriarchen Jakob wie den Würgegriff der Schoa assoziieren lässt, macht sie zum zeitüberspannenden Symbol jüdischen Glaubens und Schicksals. Im selben Sinn zitiert ihre strahlend helle gequaderte Steinhülle den Tempel Salomons und bezeugt zugleich, da sie den gleichen Sandstein wie Dresdens historische Bauten zeigt, die Verbundenheit mit der Stadt und ihren Bautraditionen.

Tempelzitat entspringt Aufklärung

Auch die zentrale Münchner Synagoge (2006) verschmilzt Moderne und Tradition, Gemeinsamkeit und Unterschiedenheit. Mit einem von grob behauenen Quadern umschlossenen Sockelgeschoss, aus dem ein Großwürfel ragt, den ein Metallnetz verhüllt, folgt sie der momentanen Vorliebe für sinnliche Materialien und Anmutungen - und evoziert doch die Klagemauer in Jerusalem samt dem Bundeszelt, dem ersten Heiligtum der Israeliten. Der bisher einzige diesen Synthesen vergleichbare Bau ist das 2005 im bayerischen Penzberg eröffnete Islamische Forum - bei welchem ein steinverkleideter Kubus mit Glasfassade die Brücke zwischen Einst und Jetzt schlägt und die gegnerischen Stein- und Glasfraktionen zeitgenössischen Bauens versöhnt. Der Clou ist ein filigranes Minarett, das die derzeit beliebten Ornament-Applikate zur Präsentation traditioneller Arabesken nutzt.

Was Penzberg als Ausnahme zeigt - Integration ohne Aufgabe der eigenen Identität - charakterisiert den Synagogenbau seit zwei Jahrhunderten: 1811, unmittelbar nach Aufhebung des Gettozwangs, baute Frankfurts jüdische Gemeinde eine Synagoge im Zentrum der Stadt. Ihre Schaufront war als altägyptischer Tempelpylon gestaltet. Provozierender Hinweis auf die Herkunft des Judentums? Auch das. Doch vorrangig entsprang das Tempelzitat der Aufklärung, die in Ägypten die Wurzel alles Wissens und aller Kultur sah, welche seit 1791 in Gestalt der altägyptischen Kulissen für Mozarts „Zauberflöte“ die deutschen Bürger begeisterte.

Wie in provinziellen Malls

Dem verdankt auch die erste Moschee in Deutschland ihr Entstehen: 1782 hatte Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz in Schwetzingen die „Rote Moschee“ als Verbeugung vor der Weisheit des Orients und Appell zur gegenseitigen Toleranz aller Religionen bauen lassen. Nicht wenige heutige islamische Gemeinden würden, überspitzt formuliert, eine Zeichnung des barocken Schwetzinger Baus als Entwurf für einen Neubau akzeptieren. Dafür steht die 1995 eröffnete Yavus-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim-Jungbusch, die mit Kuppel, Minarett und Halbmond als exotischer Bestandteil des Stadtbilds akzeptiert ist.

Mag sein, dass dabei die vage Erinnerung an die maurischen Synagogen Deutschlands eine Rolle spielt. Bestärkt von der allgemeinen Orientmode, entstanden um 1850 hierzulande Dutzende davon. Ihr prominentestes Beispiel ist die Hauptsynagoge in Berlins Oranienburger Straße (1866). Doch so, wie deren maureske Fassade und ihre Minarette unübersehbar aus preußischem Backstein gemauert waren, Frankfurts maurische Synagoge (1860) als Hauptmotiv der Fassade sogar ein Maßwerkfenster bot, das den Dom der Stadt zitierte, versinnbildlichten bei vielen maurischen Synagogen Details den Integrationswillen. Im Orientalismus der heutigen Moscheen fehlen solche Zeichen. Ihre Zugehörigkeit beschränkt sich - meist kostenbedingt - auf standardisierte Bögen oder Kuppeln, wie sie auch provinzielle Malls, Reisebüros oder Fastfood-Tempel zwecks exotischen Flairs nutzen.

Ästhetische Konflikte

Den Orientalismus der Synagogen lösten seit etwa 1872 „vaterländische“ Tendenzen ab, vorgezeichnet in Dresdens Hauptsynagoge von 1840, die Gottfried Semper entworfen hatte. Innen maurisch, glich sie außen den Kaiserdomen von Speyer, Mainz und Worms. Als im zweiten Kaiserreich Romanik und Gotik Inbegriff nationaler Identität wurden, entstanden in Bingen, Schweidnitz, in Lüneburg, Breslau, München oder Düsseldorf neoromanische und neogotische Synagogen, oft zweitürmig, die sich kaum noch von Kirchen unterschieden.

Der Appell dieser Synagogen war eindeutig: Integration. Das gilt sogar für den altorientalischen Monumentalismus der um 1900 entstandenen, heute wieder berühmten Großsynagogen in Essen, Berlin oder Frankfurt-Westend. Selbstbewusste Hinweise auf die Herkunft des Judentums, sind sie ebenso Werke eines die alten Hochkulturen verehrenden Bautrends, der auch Waren-, Geschäfts- und Verlagshäuser, Museen, Theater, Hotels und Villen prägte. Wie sehr Synagogen integraler Teil der deutschen Kultur geworden waren, zeigte sich nach 1918. Während in Wilmersdorf 1923 Deutschlands erste von einer islamischen Gemeinde errichtete Moschee als Kopie der heimatlichen Moscheen errichtet wurde, bauten jüdische Gemeinden teils im konservativen Heimatschutz-, teils im umstrittenen avantgardistischen Bauhausstil und teilten so die ästhetischen und ideologischen Konflikte der Weimarer Republik.

Orientalismus in Riesendimensionen

Diese fast vollständige ästhetische Integration überdauerte selbst den Judenvernichtungsterror der Nationalsozialisten: Als nach 1945 wieder Synagogen in Deutschland gebaut wurden, entstanden sie, zuweilen mit dezent orientalisierenden Details versehen, im Stil der deutschen Wiederaufbaumoderne. Dass die Traumata des Massenmords nachwirkten, drückt sich außer in der zurückhaltenden Gestaltung auch in den zurückgezogenen, oft zusätzlich von Mauern geschützten Standorten der Synagogen aus.

Diese Isolation, die in den neuen Synagogen überwunden scheint, drückt sich aber in den älteren Moscheebauten in Deutschland immer noch aus. Verantwortlich für ihre Lage in Randgebieten und Hinterhöfen ist die Geldknappheit der auf Spenden angewiesenen islamischen Gemeinden, aber auch beiderseitige Ausgrenzung. Dieses Nischendasein, gepaart mit traditionellem Konservatismus und dem Nichtwissen um hiesige Berührungsängste, dürfte mitbewirkt haben, dass die Mehrzahl der Moscheen der ersten und zweiten Generation reine Orientkopien sind. Der Streit um Minarette geht von den neuen Moscheen aus, die zwar den Hinterhof, aber nicht das architektonische Außenseitertum verlassen haben. So kommt es, dass die nichtislamische Öffentlichkeit selbst in Paul Böhms unbestreitbar modernem Entwurf für die Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld nicht eine expressive Neudeutung der Blauen Moschee sieht, sondern einfach ein drohendes Monument, das den Orientalismus in Riesendimensionen treibt. Dem entspricht auf islamischer Seite, dass die Mehrheit der Gläubigen, obwohl der Islam außer der Ausrichtung nach Mekka keine Regeln für den Moscheebau kennt, Abweichungen vom Gewohnten strikt ablehnt.

Leuchtturm einer No-go-Area

Zu viel Istanbul, zu wenig Köln, Duisburg, Berlin oder Mannheim - diese ins Auge springende Tatsache sieht weder die eine noch die andere Seite. Und auch nicht die ersten Zeichen einer architektonischen Wende: Gespannte Ruhe und schwelende Ablehnung nach brutalem Streit herrschen derzeit in Frankfurt-Hausen. Die dortige Hazrat-Fatima-Moschee wird Kuben kombinieren, von denen ein mit warmtonigem Schiefer verkleideter schwarzer (man assoziiert sofort die Kaaba in Mekka) einen zweiten weißen schräg durchdringt. Eine Symbolik, deren Gradlinigkeit die bildhaften Bauten von Rem Kolhaas, Mario Botta oder Gae Aulenti anklingen lässt. Doch die Gegner sehen nur zwei drohende Minarette samt Kuppel (beide realiter kaum wahrnehmbar) - und die islamischen Gemeinden andererseits tun sich schwer mit dem dekorlosen zeitgenössischen Kubismus.

In Frankfurts Gutleutviertel wiederum, Anrainer des neuen Europa-Viertels, von Neonazis als „Türkenquartier“ belauert, soll die Moschee der Taqwa-Gemeinde entstehen, bruchlos eingefügt in eine gründerzeitliche Fassadenfolge, mit einer halbrund ausschwingenden Front aus Glasbausteinen und zwei haushohen mauresken Ornamentstreifen statt Minaretten. Ohne Wissen um die Bestimmung würde jeder das Gebäude als Ergänzungsbau des gründerzeitlichen Straßenzugs betrachten, der unbefangen mit Ornamenten spielt. Doch die Kluft, die der Minarettstreit nun verbreitert (samt der Hetze der Neonazis), macht ihn in den Augen einer mutmaßlichen Majorität zum beängstigenden „Leuchtturm einer No-go-Area“. Architektur, sagt Kazimierz Brandys, „warnt nicht durch lärmende Prognosen, sondern durch den Stand der Dinge“.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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