Home
http://www.faz.net/-gsa-74cs2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Architektur-Schau in Linz Hitlers Siedlungen sind mitten unter uns

 ·  Jeder achte Bürger von Linz wohnt bis heute in „Hitlerbauten“. Warum sie entstanden sind und wie sie sich in Gegenwart zeigen, präsentiert eine Ausstellung im Linzer Stadtmuseum. Manches aber bleibt ungesagt.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (14)
© Nordico Stadtmuseum Linz Luftaufnahme von Bau der Siedlung „Neue Heimat“ aus dem Jahr 1940

Seit 2004 hat Linz einen neuen Hauptbahnhof. Wuchtiger Sichtbeton, viel Glas, rasante Stahlträger. Umso mehr überraschen zwei zähnefletschende steinerne Löwen auf dem Vorplatz. Zunächst scheinen sie barock. Dann lassen die schnittigen Umrisse und die exaltiert gelockten Mähnen eher auf den Symbolismus der Jahre um 1900 tippen.

Im Linzer Stadtmuseum Nordico erfährt man dann, dass die Skulpturen 1941 für eine Brücke in Salzburg gemeißelt wurden, also NS-Kunstwerke sind, die 1948 nach Linz gelangten und hier beim Wiederaufbau des damaligen Bahnhofs kommentarlos als Platzschmuck verwendet wurden.

Der Vorgang gemahnt an die Nonchalance, mit der Italien das Bauerbe der Mussolini-Ära annahm und bis heute behandelt. Dass auch Linz, dem 1938 der Titel „Patenstadt des Führers“ zufiel, gern mal achselzuckend auf die braune Vergangenheit reagiert, bezeugt die umgangssprachliche Bezeichnung der zahlreichen Linzer Siedlungsbauten, die hier zwischen 1938 und 1943 entstanden sind: „Hitlerbauten“ heißen sie. Es sind gesuchte und gepflegte Wohnquartiere.

Bis heute das Stadtbild prägend

In der Ausstellung des Nordico, die den Terminus „Hitlerbauten“ im Titel führt, wird solche den braunen Schrecken glättende Alltäglichkeit nicht angeprangert, aber ausgeleuchtet: 11.000 Wohnbauten der NS-Zeit, so die Grundaussage, stehen 77 Barackenlager gegenüber, in denen Zehntausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge für den Bau der Großsiedlungen zusammengepfercht wurden.

Ursache des Massenwohnungsbaus war die Gründung der riesigen „Hermann Göring Werke“. Hinzu kamen Stickstoff- und bald darauf Rüstungsbetriebe. Auf dem Weg zu „Groß-Linz“ (man rechnete mit der vierfachen Einwohnerzahl) wurde die Stadt mit Dutzenden neuen Siedlungen bestückt, für deren Raumbedarf mehrere Nachbarorte eingemeindet und die beiden Dörfer St. Peter und Zitzlau eingeebnet wurden. Diese Wohnanlagen prägen bis heute weite Teile des Stadtbilds.

Im allgemeinen Bewusstsein ist Linz nicht als Muster nationalsozialistischen Siedlungsbaus bekannt, sondern steht für den Größenwahn des „Dritten Reichs“. Um die „Jugendstadt des Führers“ zum europäischen Kunst- und Kulturzentrum zu machen, plante man unter anderem eine hybride Führerpfalz, eine Riesenoper, einen Museumsgiganten und ein Gauforum für hunderttausend Menschen, an dessen Rand ein Turm ragen sollte, geformt wie der antike Leuchtturm von Alexandria und höher als der Wiener Stephansdom.

Athletische Arbeiter

Noch im Februar 1945 zeichneten Hitler und sein Architekt Hermann Giesler fieberhaft an diesen Entwürfen. Währenddessen waren in der Stadt Siedlungen aus dem Boden gestampft worden. Von den Megaprojekten dagegen hatte man lediglich die neue Nibelungenbrücke samt der Umgestaltung des angrenzenden historischen Hauptplatzes realisiert.

Im Nordico sind Ölgemälde von den Bauarbeiten zu sehen - unter heroischen Wolkenhimmeln wimmeln athletische, sauber gekleidete Arbeiter, die Stahl montieren und Quader türmen. Die Wirklichkeit zeigte sich weniger heroisch: In notorischer Brutalität hatten die Machthaber Altbauten abbrechen lassen, um den Platz zur Donau zu öffnen. Und die schwerfälligen Triumphgesten seiner neuen, von Zwangsarbeitern errichteten Kopfbauten lenkten von der alarmierenden Tatsache ab, dass unter dem Platz ein Luftschutzbunker angelegt worden war.

Schutzräume zählten auch zum Bauprogramm der Siedlungen. Davon aber war in den Lobhudeleien der Presse nichts zu lesen und auf den Propagandafotos nichts zu sehen: Leuchtend weiße Eigenheimzeilen mit Satteldach und Gartenzaun, adrette Mietshäuser, nicht zu groß und nicht zu klein, Grünanlagen und saubere Straßen - alles atmete den Frieden kleinbürgerlicher, nach Prinzipien der Heimatschutzbewegung gestalteter Idyllen.

Wie Stacheldraht und Dornenkronen

Auch diejenigen, die all dies im Rekordtempo bauen mussten, lebten unter scheinbar anheimelnden Satteldächern. Dass die aber nur hölzerne Elendsbehausungen bedeckten, in denen Todesschrecken nistete, offenbart das Gemälde eines Häftlings: Es zeigt die spitzen Winkel der Baracken expressionistisch geschärft - wie Stacheldraht und Dornenkronen, die Hausgestalt angenommen haben.

Fotografien und Postkarten der Insassen bezeugen das Elend. Sie gipfeln in Aufnahmen von der Befreiung des nahen Konzentrationslagers Mauthausen; ausgemergelte Menschen, viele zu erschöpft, um zu jubeln, Tote überall. Das weite steinerne Tor zeigt die gleichen Formen wie die Linzer Siedlungsportale.

In Linz hatte es ein Mauthausener Außenlager gegeben, und der Granit für die Sockel, Fenster- und Türlaibungen der Siedlungen war unter unvorstellbaren Bedingen in Mauthausen gebrochen und bearbeitet worden. Betroffen steht man im Nordico vor den Dokumenten, die das belegen. Ähnliche Betroffenheit zeigen in einem anderen Teil der Ausstellung zeitgenössische Künstler, die sich den „Hitlerbauten“ gestellt haben. Fotografien der heute folkloristisch bunt verputzten Häuser sind zu düsteren Siebdrucken umgearbeitet, deren gespenstische Atmosphäre ein zweites Gesicht der vermeintlichen Idylle freilegt; ein Fähnchenwald visualisiert die Auslöschung des Individuums; Videos von Interviews mit Bewohnern machen unbehaglich deutlich, welche Riesendistanz man zwischen sich und die Vergangenheit gelegt hat.

Verharmlosung, oft unwissend

Die Künstler folgen dabei dem gleichen Konzept wie die Kuratoren: Die Verbrechen der Vergangenheit werden mit ihrer gegenwärtigen, oft unwissentlichen Verharmlosung konfrontiert. Moralisch im Recht, übersieht diese Gegenüberstellung damit jedoch Wesentliches: dass nämlich die Siedlungen auf ihre Weise ähnlich verführerisch wirkten wie die steinernen Staatskolosse; dass sie Teil jener „Worte aus Stein waren“, mit denen die NS-Diktatur lange Zeit Millionen in Bann hielt.

Der Bann wirkt bis heute nach: Wie schon 1938 strahlen die „Hitlerbauten“mit ihren örtliche Traditionen zitierenden Laubengängen und Erkern, ihren Granitsockeln und überwölbten Torgängen, behaglichen Ziegeldächern und malerischen Zwiebeltürmen Bodenständigkeit, Schutz und Geborgenheit aus.

Das macht sie in unserem von Krisen und Unstetigkeit, Verlustängsten und Abstiegsphantasien gejagten Heute so anziehend wie vor siebzig Jahren - und resistent gegen die anklagenden Fakten ihrer Entstehung.

Als wären sie immun gegen diese Charakteristika, sehen und betonen die Ausstellungsmacher stattdessen die Tatsache, dass die strikte Einteilung der Siedlungen in repräsentative Direktorenhäuser, schmucke Facharbeiter- und schlichte Arbeiterheimstätten der autoritären Hierarchie unumstößlich feste Gestalt verlieh. Ungesagt bleibt, dass das NS-Regime im Bestreben, seine Verbrechen mittels blendender Architektur zu tarnen, nicht nur scheußliche, sondern oft genug auch überwältigende, teils tröstlich bergende und zuweilen sogar schöne Bauten schuf, deren Anziehungskraft bis heute ungebrochen ist.

Das ist das Dilemma, dem wir gegenüberstehen. Dass ihm die Linzer Schau ausweicht, schmälert nicht ihr Verdienst, die „Hitlerbauten“ als „präsent und unerzählt zugleich“ ins allgemeine Bewusstsein gehoben zu haben.

“Hitlerbauten“ in Linz. Wohnsiedlungen zwischen Alltag und Geschichte. Nordico Stadtmuseum Linz. Bis 20. Januar 2013. Der Katalog kostet 24 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Geklonter Murks

Von Joachim Müller-Jung

Die Studie des Gen-Forschers Shoukhrat Mitalipov zeugt von erheblichen Schlampereien. Aufgedeckt wurden sie auf einer Gutachterseite im Internet. Hatte Luzifer seine Hände im Spiel? Mehr 2