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Architektur-Schau in Linz Hitlers Siedlungen sind mitten unter uns

Jeder achte Bürger von Linz wohnt bis heute in „Hitlerbauten“. Warum sie entstanden sind und wie sie sich in Gegenwart zeigen, präsentiert eine Ausstellung im Linzer Stadtmuseum. Manches aber bleibt ungesagt.

© Nordico Stadtmuseum Linz Vergrößern Luftaufnahme von Bau der Siedlung „Neue Heimat“ aus dem Jahr 1940

Seit 2004 hat Linz einen neuen Hauptbahnhof. Wuchtiger Sichtbeton, viel Glas, rasante Stahlträger. Umso mehr überraschen zwei zähnefletschende steinerne Löwen auf dem Vorplatz. Zunächst scheinen sie barock. Dann lassen die schnittigen Umrisse und die exaltiert gelockten Mähnen eher auf den Symbolismus der Jahre um 1900 tippen.

Dieter  Bartetzko Folgen:  

Im Linzer Stadtmuseum Nordico erfährt man dann, dass die Skulpturen 1941 für eine Brücke in Salzburg gemeißelt wurden, also NS-Kunstwerke sind, die 1948 nach Linz gelangten und hier beim Wiederaufbau des damaligen Bahnhofs kommentarlos als Platzschmuck verwendet wurden.

Der Vorgang gemahnt an die Nonchalance, mit der Italien das Bauerbe der Mussolini-Ära annahm und bis heute behandelt. Dass auch Linz, dem 1938 der Titel „Patenstadt des Führers“ zufiel, gern mal achselzuckend auf die braune Vergangenheit reagiert, bezeugt die umgangssprachliche Bezeichnung der zahlreichen Linzer Siedlungsbauten, die hier zwischen 1938 und 1943 entstanden sind: „Hitlerbauten“ heißen sie. Es sind gesuchte und gepflegte Wohnquartiere.

Bis heute das Stadtbild prägend

In der Ausstellung des Nordico, die den Terminus „Hitlerbauten“ im Titel führt, wird solche den braunen Schrecken glättende Alltäglichkeit nicht angeprangert, aber ausgeleuchtet: 11.000 Wohnbauten der NS-Zeit, so die Grundaussage, stehen 77 Barackenlager gegenüber, in denen Zehntausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge für den Bau der Großsiedlungen zusammengepfercht wurden.

22160085 © Nordico Stadtmuseum Linz Vergrößern Eine gewisse Geborgenheit bergen: So sieht die sanierte Hartmayrsiedlung in Linz heute aus.

Ursache des Massenwohnungsbaus war die Gründung der riesigen „Hermann Göring Werke“. Hinzu kamen Stickstoff- und bald darauf Rüstungsbetriebe. Auf dem Weg zu „Groß-Linz“ (man rechnete mit der vierfachen Einwohnerzahl) wurde die Stadt mit Dutzenden neuen Siedlungen bestückt, für deren Raumbedarf mehrere Nachbarorte eingemeindet und die beiden Dörfer St. Peter und Zitzlau eingeebnet wurden. Diese Wohnanlagen prägen bis heute weite Teile des Stadtbilds.

Im allgemeinen Bewusstsein ist Linz nicht als Muster nationalsozialistischen Siedlungsbaus bekannt, sondern steht für den Größenwahn des „Dritten Reichs“. Um die „Jugendstadt des Führers“ zum europäischen Kunst- und Kulturzentrum zu machen, plante man unter anderem eine hybride Führerpfalz, eine Riesenoper, einen Museumsgiganten und ein Gauforum für hunderttausend Menschen, an dessen Rand ein Turm ragen sollte, geformt wie der antike Leuchtturm von Alexandria und höher als der Wiener Stephansdom.

Athletische Arbeiter

Noch im Februar 1945 zeichneten Hitler und sein Architekt Hermann Giesler fieberhaft an diesen Entwürfen. Währenddessen waren in der Stadt Siedlungen aus dem Boden gestampft worden. Von den Megaprojekten dagegen hatte man lediglich die neue Nibelungenbrücke samt der Umgestaltung des angrenzenden historischen Hauptplatzes realisiert.

Im Nordico sind Ölgemälde von den Bauarbeiten zu sehen - unter heroischen Wolkenhimmeln wimmeln athletische, sauber gekleidete Arbeiter, die Stahl montieren und Quader türmen. Die Wirklichkeit zeigte sich weniger heroisch: In notorischer Brutalität hatten die Machthaber Altbauten abbrechen lassen, um den Platz zur Donau zu öffnen. Und die schwerfälligen Triumphgesten seiner neuen, von Zwangsarbeitern errichteten Kopfbauten lenkten von der alarmierenden Tatsache ab, dass unter dem Platz ein Luftschutzbunker angelegt worden war.

22160088 © Nordico Stadtmuseum Linz Vergrößern Unzerstört geblieben: Die Linzer Hartmayrsiedlung im Jahr 1949

Schutzräume zählten auch zum Bauprogramm der Siedlungen. Davon aber war in den Lobhudeleien der Presse nichts zu lesen und auf den Propagandafotos nichts zu sehen: Leuchtend weiße Eigenheimzeilen mit Satteldach und Gartenzaun, adrette Mietshäuser, nicht zu groß und nicht zu klein, Grünanlagen und saubere Straßen - alles atmete den Frieden kleinbürgerlicher, nach Prinzipien der Heimatschutzbewegung gestalteter Idyllen.

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