18.09.2006 · Seinen Gegnern ist die Klinker-Architektur zu teutonisch. Seine Befürworter loben ihn als unverdrossenen Modernisten. Auch mit sechzig Jahren baut Hans Kollhoff weiterhin kantig-schroffe und doch schwelgerische Gebäude.
Von Dieter BartetzkoAls alle Welt gerade den Triumph der bildfreudigen und traditionsseligen Postmoderne feierte, da baute Hans Kollhoff in Berlin beim Charlottenburger Schloß eine unverkennbar moderne Mietszeile. Sie wirkte so schwebeleicht wie einst Mies van der Rohes Mehrfamilienblock in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung, war so riesig wie Le Corbusiers Massenzeilen und so dynamisch gekurvt wie Erich Mendelsohns expressionistische Warenhäuser.
Das war im Jahr 1987, und die Kritik lobte Kollhoff je nach eigener Perspektive als unverdrossenen Modernisten oder als denjenigen, der es verstehe, der verknöcherten Moderne das postmoderne Tanzen beizubringen. Aber 1993 war aus verschiedenen Blickweisen auf die Arbeit des Architekten eine Spaltung in strikte Anhänger und Gegner geworden: Kollhoffs Entwurf für den Alexanderplatz in Berlin, den er mit einem Wald aus megalomanen Vierkanten einkesseln wollte, stieß entweder auf jubelndes Lob oder wutenbrannte Ablehnung. Vom „Rückwärtsgang in der Architekturgeschichte“ schrieb die „taz“, während das Magazin „art“ aufatmete, nun bekomme das steinerne Betonzyklopenfeld der DDR „wieder feste Kanten“.
Architektur als dreidimensionale Lehrstunde
Die Pläne scheiterten, doch Hans Kollhoff behauptete sich mit kantigen Bauten - und so kantig wie sie. Kein Vorwurf, er betreibe Neohistorismus, vermochte seine Überzeugungen zu erschüttern. So baute er am Postdamer Platz ein gemäßigt expressionistisches Hochhausensemble für Daimler Chrysler, verblendet mit violettschwarzem Klinker, gestaffelt wie die neobabylonischen Träume aus dem New York und Chicago der swinging thirties und so subtil und streng untergliedert in lastende und tragende, geöffnete und geschlossene Bestandteile, daß daraus eine dreidimensionale Lehrstunde in Sachen Vitruv, Palladio und Louis Sullivan wurde.
Allen, die ihn deswegen und wegen seines in schroffen Pfeilerarkaden schwelgenden Entwurfs für die Berliner Museumsinsel des Rückfalls in teutonische, wenn nicht nazistische Tektonik bezichtigten, erteilte Kollhoff mit dem Umbau der einstigen Berliner Reichsbank von 1933 eine Abfuhr: Er ließ diesen zum neuen Auswärtigen Amt bestimmten Pionierbau des NS-Pomps zwar vordergründig unangetastet, aber veränderte ihn im Detail so nachhaltig, daß aus Überwältigungsarchitektur eine zurückhaltend feierliche wurde.
Der subtile Einsatz von Durchbrüchen, Lichtquellen, Wandfarben und -verkleidungen - das hätten ihm, der Häuser wie Felsen und Städte wie Festungen gestaltete, weder seine Gegner noch seine Anhänger zugetraut. Heute wird er sechzig Jahre und ist bundesweit vollauf beschäftigt mit dem Bau von Hoch-, Wohn- und Geschäftshäusern. Daß sie weiterhin seinem kantigen Swing verpflichtet sind, versteht sich von selbst.