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Architektur der Zukunft Japonisiert euch!

28.10.2009 ·  Alle reden von China. Warum eigentlich? Die besten Antworten auf die ökologisch wie ökonomisch dringliche Frage, wie man beim Bauen ohne Selbstkasteiung mit weniger Geld und weniger Platz auskommt, stammen aus Tokyo.

Von Niklas Maak
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Vor einiger Zeit betraten der japanische Architekt Toyo Ito und ein jüngerer Kollege die Baustelle des neuen CCTV-Turms in Peking. Die beiden hatten keine gute Laune. Beim Wettbewerb für den staatlichen chinesischen Fernsehsender hatte Ito den zweiten Platz gemacht. Er hatte eine flache Scheibe entworfen, aber das wollten die Chinesen nicht. Sie wollten einen Turm. Sie wollen immer Türme, grollte der junge Architekt später, als die Architekten essen gingen, es sei furchtbar, die ganze Selbstinszenierung Chinas, die Repressionen gegen Künstler, und dann immer die Entschuldigung, eine solche jahrtausendealte Kultur brauche eben länger, um in der demokratischen Moderne anzukommen - was ja tatsächlich ein ulkiges Argument ist angesichts eines Systems, das gerade mal eben seinen fünfzigsten Geburtstag feierte. Was, bohrte der junge japanische Architekt weiter, während er die verbrannte Kruste seiner Ente entfernte, produziere das neue China denn bitte an Formen, die wegweisend seien? Die Architektur: größtenteils aus Europa importiert. Die neuen Stadtplanungen: Aufgüsse europäischer Idealstädte. Chinesische Autos: unscharfe Kopien echter Fahrzeuge, die sich bei kleinsten Fahrfehlern mit großem Pardauz überschlagen. Und so weiter.

Nun haben chinesisch-japanische Animositäten eine lange Geschichte - aber ein wenig verstehen kann man den Groll der Japaner schon, denn vor lauter China droht übersehen zu werden, dass in kaum einem asiatischen Land so viel in Bewegung ist wie in Japan - und das nicht nur politisch. Architekten wie Sou Fujimoto erfinden das Haus neu, nirgendwo entstehen zurzeit so interessante Formen, die fast nebenbei die ökologisch wie ökonomisch recht dringliche Frage beantworten, wie man mit weniger Geld und weniger Platz auskommt, ohne dass einem das als unangemessene Kasteiung erscheint.

Die reine Leere

Spätestens seit dem feinen, klaren, völlig ornamentfreien Sukiya-Stil des 17. Jahrhunderts, den man vor allem von den klassischen Teehäusern kennt, wird in Japan Reduktion nicht als Versagen, sondern als Befreiung von überflüssigem Ballast aufgefasst (in diesem Punkt können europäische Ökoprodukthersteller, die einen bereits mit den Namen von „Magermotoren“ und „Nullenergiehäusern“ ins depressive Entsagungskoma treiben, schon mal viel lernen). Dass diese reduzierte Ästhetik auch weiter westlich ihre Anhänger findet, zeigt der Erfolg der japanischen Muji-Kette, die mittlerweile auch hierzulande Filialen hat und so etwas wie ein Anti-„Manufactum“ ist: Während man dort Haus und Garten mit Messinglampen, Bakelitschaltern und handgedrechselten Wasweißichs in einen hochpreisigen Nostalgietrödelladen verwandelt, verkauft Muji schlichte Dinge, die angenehmerweise so selbstverständlich aussehen, dass sich nicht immer gleich die Frage stellt, was ihr Besitzer mit ihnen sagen will.

Vor allem aber ist die neue japanische Architektur wegweisend - was vielleicht auch daran liegt, dass Städte wie Tokyo schon dort sind, wo andere erst noch hinkommen werden. Die Metropolregion Tokyo hat 37 Millionen Einwohner, auf einem Quadratkilometer leben 13.600 Menschen - in Berlin sind es gerade mal 3800. Während es hier entsprechend noch möglich ist, fußballfeldgroße Altbauwohnungen zu bewohnen, muss in Tokyo Platz gespart werden - was wiederum ökologisch sinnvoll ist, weil kleinere Häuser nun mal weniger Heizkosten und verdichtete Städte weniger Pendler nach sich ziehen. Und während in Europa Tausende von innerstädtischen Flachdächern, auf denen man Gärten, Wochenendhäuser oder Spielplätze unterbringen könnte, leerstehen, werden sie in Tokyo genutzt - sogar Golf kann man hier oben spielen.

Bau ohne Schatten

Die neue japanische Architektur bezieht ihre Energien aus Verdichtungen: Yoshiharu Tsukamoto faltete, als sei Architektur auch nur eine Art Origami, ein Haus in eine gerade mal drei Meter breite Baulücke. Der wichtigste Name der aktuellen japanischen Architektur ist aber Sou Fujimoto. Toyo Ito, mittlerweile der grand old man der japanischen Architektur, prophezeit bereits, dass der 1971 in Hokkaido geborene junge Kollege die Architektur des 21. Jahrhunderts entscheidend verändern werde. Warum das? Bekannt wurde Fujimoto mit einem Haus, das eigentlich aus übereinandergestapelten Wohnkisten besteht: zehn kleine weiße, gerade mal zweieinhalb Meter breite Kuben, in denen Küche, Bett oder Bad untergebracht sind. Diese Kuben sind zu einem abstrahierten Berg aufgestapelt, Bäume wuchern dazwischen, auf Leitern kommt man von einer zur nächsten Kiste - man habe, schrieb Ito einmal, eher das Gefühl, sich in einem abstrahierten Baum von Ast zu Ast zu hangeln. Die Idee der Wohnlandschaft nehmen sie hier wörtlich: Mitten im Haus, zwischen Bett und Wohnzimmer, wachsen, wie in der Traumwelt des Kinderbuchs „Wo die wilden Kerle wohnen“, Bäume. Ähnlich wie Fujimotos Kistenassemblage funktioniert das „Moriyama House“ des Architekten Ryue Nishizawa von Sanaa, die mit ihrem New Museum in New York bekannt wurden. Das Moriyama-Haus ist ebenfalls in eine Miniaturstadt aus zehn Einzelbauten zerlegt, Flure werden zu Gassen, Vorflure zu Miniplätzen. Die Kuben sollen der neuen Lebenssituation von Familien und losen Freundeskreisen einen Rahmen geben - das Haus ist kein zentral organisiertes Gebilde mit einem Hausherrn mehr, sondern ein Verbund autonomer Zellen auf einer Bühne, die kollektives Leben anders organisiert als Zimmer und Flure.

Fujimotos nächste Überraschung war das „Final Wooden House“, das er 2008 in die Wälder von Kumamoto hineinstellte: ein Kubus, der aus dicken, kunstvoll gestapelten Holzbalken zusammengesetzt wurde - und zwar so, dass sich innen eine hohle Spirale bildete, in der man sitzen, liegen oder stehen kann. Klassische Begriffe wie „Tisch“, „Bett“, „Stuhl“, „Etage“ werden hier vollkommen nutzlos: Die hervorstehenden Balken und die Freiräume dazwischen ersetzen Möbel, Treppen und Wände, von der Kochstelle klettert man hinauf in die Schlafnische. Und das, klagen die Freunde von Türen und Möbeln, soll die Zukunft sein: Leben wie unsere Vorfahren im Baum? Es sei ja nur ein Denkgebäude, sagt Fujimoto, ein Versuch, was Raum jenseits der bekannten Vorstellungen von Haus und Stadt sein könnte.

Neuer Raum im Baum

Noch 1933 hatte der Schriftsteller Tanizaki Jun'ichiro in seinem „Lob des Schattens“ die Dunkelheit in traditionellen japanischen Häusern als eine Voraussetzung japanischer Ästhetik gefeiert; erst „im unbestimmten Dämmerlicht“ komme die Schönheit japanischer Dinge zur Geltung. Heute gilt umgekehrt: Das Grelle, die euphorische Überbelichtung, die Raumgrenzen unscharf werden und Häuser wie Mehrfachbelichtungen aussehen lässt, prägt die neue Formenwelt: Wände werden porös, vieles erinnert an elegant sanierte, eingewucherte Ruinen der Bauhauswelt.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass auf Biennalen und Auktionen auch die japanische Künstlergruppe Gutai wiederentdeckt wird, die 1954 von Jiro Yoshihara gegründet wurde und eine ganz andere Form von Raumerfahrung propagierte. 1956 erschien ein Manifest, das das Ruinöse, Poröse, Gesplitterte zur eigentlichen Schönheit erklärt. Kurz darauf sah man Gutai-Künstler, wie sie durch drei mit Papier bespannte Keilrahmen hindurchsprangen oder barfuß durch Farbe tanzten - und all das lange, bevor es Fluxus oder Happenings gab.

Nicht nur auf die experimentelle Kunst der sechziger Jahre, sondern auch auf das Industriedesign dieser Zeit wird in Japan zurückgegriffen. Zum Beispiel bei Autos. Nun gibt es kein Produkt, das so durchinfantilisiert ist wie der moderne Kleinwagen, der meist Namen trägt, die Quietschgeräusche paraphrasieren, und so zerschmolzen aussieht, als wären Kleinwagen generell Opfer und nicht Verursacher der globalen Klimaerwärmung. Wen diese marsupilamibunte Selbstentwürdigungsästhetik plagt, der findet in Japan neuerdings Autos wie den Daihatsu „Materia“: ein Name wie ein Hammerschlag auf die Motorhaube eines Opel Agila, eine Form, als habe man mit dem Samuraischwert einen Geländewagen kleingehäckselt. Die Zeiten, in denen Scherzkekse beim Anblick eines Mazda behaupteten, der Name bedeute „Mein Autodesign zerstört deine Augen“, sind vorbei. Japan ist nicht nur beim Hybridantrieb führend. Hondas neues Elektroauto EV-N zeigt, wie die Proportionen von Kleinwagen der sechziger Jahre plötzlich zukunftsweisend aussehen können.

Japan führt vor, wie man auf neunzig Quadratmetern zu viert gut leben kann; dass kleine Autos so viel Spaß machen wie große; dass man sich nicht mit einem „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ auf den Lippen hinter seinem Manufactum-Spaten vor der eigenen Zeit verstecken muss. China, dem Land, das gerade die amerikanische Automarke „Hummer“ gekauft hat, muss man mit der neuen ökofuturistischen Reduktionsästhetik aus Japan wahrscheinlich eher nicht kommen. Aber hierzulande könnte ein wenig mehr Japonismus nicht schaden.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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