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Architekt Vladimir Ossipoff : Im Sommer der Moderne

Bild: Victoria Sambunaris

Seine Bauten liegen auch stilistisch zwischen Los Angeles und Tokyo, und die aktuelle Architektur kann von seiner lässigen Moderne einiges lernen: Der hawaiianische Architekt Vladimir Ossipoff wird endlich wiederentdeckt.

          Wo Vladimir Ossipoff herkam, war es kalt. Es war so kalt, dass die Häuser, die ihn später, auf Hawaii, berühmt machten, hier keinen einzigen Winter überstanden hätten, sie wären nicht einmal hier denkbar gewesen, 6430 Kilometer von Moskau entfernt; im Winter können die Temperaturen auf vierzig Grad unter null sinken - und weil es hier so völlig unmöglich wäre, das zu erfinden, was Ossipoff erfand, war es am Ende ein Glücksfall, dass er seine Heimat unter turbulenten Umständen verlassen musste und nie wieder zurückgekehrt ist.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Vladimir Ossipoff wurde 1907 in Sibirien geboren, sein Vater war Militärattaché des Zaren in Tokyo, und obwohl die Revolutionäre die Macht in Russland übernahmen, blieb er in Japan; erst nach dem großen Erdbeben 1923, in dem ein großer Teil von Tokyo zerstört wurde, ging die Familie nicht, wie ursprünglich geplant, nach Deutschland, was vielleicht auch ein Glück war, denn in Deutschland hätte man mit diesem Namen keine große Karriere gemacht, jedenfalls nicht als ernstzunehmender Erfinder strenger, eleganter, weißer Villen, deren Dächer sich wie Surfbretter zwischen die Bäume schieben.

          In den lokalen Museen wird er wie ein Prophet vergöttert

          Die Ossipoffs gingen stattdessen nach Kalifornien, wo Vladimir Architektur studierte. Als er wegen der Wirtschaftskrise seinen Job verliert, wandert er nach Honolulu aus - eine Stadt, die damals nicht gerade im Ruf stand, ein Karrieresprungbrett für Architekten zu sein. Aber vielleicht hatte Ossipoff Glück, vielleicht (als jemand, der von den Modernen und ihrer hemmungslosen Liebe zum Flugzeug entflammt war) auch eine richtige Vorahnung; jedenfalls setzte, kaum dass Ossipoff sich auf der Insel etabliert hatte, die erste große Tourismuswelle ein.

          Als Hawaii zum Bundesstaat wurde und die Boeing 707 halb Amerika in die Luft brachte, mussten Hotels, Privatvillen, Apartmenttürme, Flughäfen gebaut werden - und was Ossipoff, der publikumswirksam zu einem architektonischen „War on Ugliness“ aufrief, entwarf, lebte von diesem Aufbruchsgeist: Viele der Villen sehen aus, als wären sie eben noch Flugzeuge gewesen, die Dächer strecken sich schattenspendend über Terrassen und Pools, als wären sie in ihrem eigentlichen Leben Tragflächen und das Haus nur an den weißen Stränden zwischengelandet. Als Ossipoff 1998 starb, war er für Hawaii längst das, was Mies van der Rohe für Deutschland oder Oscar Niemeyer für Brasilien ist, und in den lokalen Museen wird er wie ein Prophet vergöttert - was nicht heißt, dass Ossipoff nur ein Eklektizist gewesen wäre, der auf seiner Insel das umsetzte, was die großen Modernen erfunden hatten.

          Auch stilistisch auf halbem Weg von Los Angeles nach Tokyo

          Denn Ossipoff hat auf Hawaii eine eigene Moderne erdacht, und zwar eine, die sich deutlich vom strengwinkligen, zu calvinistischer Freudlosigkeit tendierenden Bauhaus unterschied. Bei Ossipoff findet man andere Einflüsse als bei den europäischen und nordamerikanischen Bungalowbauern. Hawaii liegt mehr oder weniger auf halbem Weg von Los Angeles nach Tokyo, und in ebendieser Mitte muss man auch Ossipoffs Bauten stilistisch verorten; es gibt sowohl deutliche Spuren einer kalifornischen Moderne als auch Elemente traditioneller japanischer Architektur; moderne Betondecken treffen auf die Hölzer Hawaiis, japanische Schiebeelemente auf überhängende Pagodendächer auf texanische Feldsteinmauerwände.

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