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Archäologische Sensation : Die Rätsel einer antiken Rüstung

Lange galt die antike „Schlacht am Harzhorn“ als Legende. Seit einigen Jahren zeigen archäologische Funde, dass sie tatsächlich stattfand. Ein jetzt entdecktes Kettenhemd enthüllt nun sogar ein Einzelschicksal.

          Über diese Trasse mussten sie kommen, alles andere wäre ein Riesenumweg gewesen. Wer, wie die römischen Truppen des Maximinus Thrax, im dritten Jahrhundert aus dem Elbegebiet zurück hinter den Limes nach Mainz wollte, musste am Harz entlang und sich über die Wetterau nach Südwesten bewegen. Dabei war das Harzhorn zu passieren, die engste Stelle des ganzen Weges. Und hier, bei Harriehausen, kam es zu einer Schlacht. Und hier haben Archäologen jetzt die Überreste eines römisch gefertigten Kettenhemdes gefunden.

          Doch zunächst: Was wollten die Römer überhaupt so weit im Norden? 233 hatten Germanen - genauer: die Alamannen, was aber auch nicht mehr heißt als „alle Männer“ -, den Feldzug von Severus Alexander gen Persien nutzend, von der Wetterau aus den Limes überrannt und das, was an Truppen nicht abgezogen war, bis ins Alpenvorland zurückgedrängt. Severus hörte davon, kehrte zurück und stand schon mit 40 000 Mann in Mainz. Doch er schlug nicht los. Seine Mutter, heißt es, scheute den teuren Feldzug und setzte auf Verhandlungen.

          Angriff ist die beste Verteidigung

          Da meuterten die Soldaten und töteten beide, nachdem sie den Offizier mit Beinamen Thrax, einen Ausbilder der neuausgehobenen Truppen, zum ersten römischen Soldatenkaiser erhoben hatten. Der fiel folgerichtig, wie die „Historia Augusta“ - eine spätantike Sammlung von Kaiserbiographien - berichtet, sogleich ins germanische Gebiet ein. Solche Vorstöße dienten der Sicherung des Grenzvorfeldes.

          Man ließ es nicht erst auf die Verteidigung der befestigten Zone ankommen, sondern marschierte - Angriff ist die beste Verteidigung - regelmäßig in deren Umland aus, um Beute und Gefangene zu machen. Rache für 233 mag aber auch ein Motiv gewesen sein, wie der in Osnabrück lehrende Provinzialarchäologe Günther Moosbauer vermutet.

          Nun also kamen sie von einem solchen Zug und mussten am Harzhorn vorbei, das im heutigen niedersächsischen Kreis Northeim liegt. In langgestreckter Marschlinie arbeiteten sie sich durch ein morastiges Gebiet mit schwer begehbaren Hängen. Und hier schlugen die mit Bogenwaffen und Stoßlanzen viel schlichter bewaffneten Germanen zu, es gab keine bessere Stelle dafür.

          Wir wissen das, nachdem zwei heimatgeschichtlich interessierte Hobbyarchäologen - die Herren Schütte und Dix - auf der Suche nach einer mittelalterlichen Burg erste Relikte des Kampfes gefunden haben. Sie wurden 2008 als spätantik identifiziert. Daraufhin untersuchten die Denkmalpfleger - nach kurzem ungläubigen Staunen: Hipposandalen am Rande des Harzes? - das Gelände zwischen Kalefeld und Bad Gandersheim eingehend und fanden immer mehr.

          Die inzwischen gut dreitausend überwiegend römischen Funde - Projektile, Katapultbolzen, Speer- und Pfeilspitzen, aber auch Münzen, Werkzeug, Pferdegeschirre, Hufschutze und Wagenteile - belegen archäologisch ein historisches Ereignis, das sonst in keiner Quelle eindeutig erwähnt ist. Ein beträchtliches Heer - schätzungsweise zwischen 1000 und 9000 Soldaten - muss hier im Einsatz gewesen sein. Auch die Knochen eines gestürzten Pferdes konnten zeitlich der Schlacht zugeordnet werden.

          Nach Eingrenzung durch Münzfunde und in Übereinstimmung mit der lange für unplausibel gehaltenen „Historia Augusta“ sowie der Chronik des Herodian - ebenfalls lange kein gut beleumundeter Historiker - ist sie vermutlich 235 nach Christus geschlagen worden. Das Fundgebiet der Schlacht am Harzhorn liegt auf dessen Höhenzug.

          Mehr als ein weiteres Stück Metall

          Die Forscher nehmen an, dass die Germanen den Pass versperrten und die Römertruppen sich unter Einsatz von Torsionsmaschinen sowie syrischen und armenischen Bogenschützen - die Pfeilspitzen sind typisch für sie - über den Hang freikämpften. Dass ihnen das gelang, dafür spricht nicht nur die relative Ruhe, die nach 235 an dieser Front eingekehrt ist: 2010 wurden ein paar Kilometer südwestlich auch weitere Kampfwerkzeuge, Wagenreste und Werkzeuge gefunden.

          Jetzt also haben die Forscher um den Berliner Prähistoriker Michael Meyer und die Kreisarchäologin Petra Lönne, die das Gelände mit Metalldetektoren durchsuchen, einen weiteren hochaufschlussreichen Fund gemacht: die Überreste eines Kettenhemdes römischer Machart, mit Tausenden von Kettengliedern, wie es mitunter allerdings auch Germanen trugen. Das ist mehr als ein weiteres Stück Metall.

          Denn es wurde an einer Stelle zurückgelassen, an der sich weder welche der 1400 bislang geborgenen Schuhnägel fanden, die im Kampfgetümmel gern abfielen, noch eines der ungeheuer durchschlagsstarken Projektile der Römer - auf dreißig Meter bohrten sie sich mit einer Geschosslänge von sechs bis dreizehn Zentimetern durch zwei Millimeter Stahl, sagt Meyer. Wo aber keine Relikte des Kampfes liegen, schließen die Archäologen auf eine Grenze des Schlachtfeldes.

          Vermutlich, so Meyer im Gespräch mit dieser Zeitung, handelt es sich um den Panzer eines Soldaten, der sich vom Kampfgeschehen entfernte, um ihn auszuziehen und seine Wunden versorgen zu lassen. Weswegen das Kettenhemd liegen blieb, bleibt offen. Vielleicht wurde es auch von Germanen dort deponiert, als Denkmal der Schlacht. Die detektivische Erschließung der Kampfzone steht erst an ihrem Anfang. Vom 1. September an zeigt das Braunschweigische Landesmuseum ihre Erträge in einer großen Schau.

          Quelle: F.A.Z.

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