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Archäologie : Schönheit und Schrecken dicht an dicht

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Endlich heraus aus dem Schatten Pompejis: Das Römermuseum Haltern zeigt die wunderbare Kunst der ebenfalls versunkenen Nachbarstadt Herculaneum. Die Exponate zählen zum Besten, was aus der Antike erhalten blieb.

          Es sei leichter, in Rom Konsul zu werden als Bürgermeister in Pompeji. So witzelte das Imperium über die politischen und sozialen Kapriolen der hektischen Handelsstadt am Fuß des Vesuvs.

          Von Herculaneum, ihrer fünfzehn Kilometer entfernten Nachbarin dagegen hieß es, sie habe das schönste Meerespanorama im ganzen Golf von Neapel zu bieten, sei mit ihrer immerwährenden leichten Brise ein fabelhafter Luftkurort und mit der berühmten Milch ihrer nicht minder berühmten Schafherden ideal für gesundheitsfördernde Trinkkuren.

          Pompeji kennt heute jeder. Aber Herculaneum, das beim selben Vesuvausbruch unterging und mindestens ebenso reiche Funde bietet, ist der Allgemeinheit so unbekannt wie die Stadt Haltern am See und ihr Römermuseum. Mit der Herculaneum-Ausstellung aber, die von heute an dort zu sehen sein wird, dürfte sich das schlagartig ändern. Denn die Kunstwerke, der Schmuck, das Mobiliar und die Gebrauchsgegenstände, die Neapel, Herculaneum, Berlin und Dresden ausliehen, zählen zum Besten, was aus der Antike erhalten blieb.

          Ruhesitz reicher Römer

          Daß dem so ist, liegt an der einstigen Sonderstellung Herculaneums. Denn die kleine Stadt - man vermutet etwa viertausend Einwohner - stieg im letzten vorchristlichen Jahrhundert dank ihrer landschaftlichen Vorzüge und ihres milden Klimas zur bevorzugten Sommerfrische und zum Ruhesitz reicher Römer auf. Luxuriöse, auf die einstige Stadtmauer gebaute Villen reihten sich meerwärts auf einem Felssporn, Sommerresidenzen von stupender Pracht, mit Panoramaterrassen und eigenen Anlegeplätzen säumten als Vorstadt die Hochküste in Richtung Neapel.

          Schon der Name und der Gründungsmythos faszinierten die alle Formen griechischer Kultur verehrende römische Oberschicht: Der Ort, so heißt es bei Dionysios von Halokarnassos, gehe auf Herakles zurück, der bei der Rückkehr aus Spanien die dort geraubte Rinderherde des Helios entlang der campanischen Küste getrieben und dabei zahlreiche Kulte und Städte gegründet habe.

          Von erlesener Schönheit

          So empfängt in Haltern denn auch eine Darstellung des Herakles den Besucher, das Fragment einer lebensgroßen Marmorfigur, die den jungen Heros als Löwenbezwinger zeigte, der sich gerade das abgezogene Fell samt Kopf der Bestie übergestreift hat. Die Wucht der Asche-, Schlamm- und Trümmerlawine, die Herculaneum überrollte und bis zu zwanzig Meter tief begrub, hat nur den Kopf übriggelassen. Der aber - eine Leihgabe der Berliner Antikensammlung - ist von erlesener Schönheit; augustäischer Klassizismus, der die griechische Klassik nicht nur wiederaufleben ließ, sondern in seinen besten Beispielen, wie hier bei diesem fast melancholischen Jünglingsgesicht, zu elegischer Stimmungshaftigkeit weiterentwickelte.

          Herakles ist auch die Zentralfigur eines der größten, besterhaltenen und schönsten Fresken, das aus der Antike in unsere Zeit hinübergeretttet wurde: Das 2,18 Meter hohe und 1,82 Meter breite Wandgemälde „Hercules und Telephos“. Als Rückenansicht, in heroischer Nacktheit, schaut der Halbgott erstaunt auf den unvermutet gefundenen kleinen Sohn, den eine Hirschkuh säugt. Im Mittelgrund lagert sinnend Arcadia, eine majestätische junge Frau, der ein kleiner Satyr mit Rohrflöte und Hirtenstab über die Schulter schaut. Als geflügeltes junges Mädchen betrachtet Parthenion die Szene, die Verkörperung jenes Bergs, auf dem Telephos geboren und verborgen worden war. Vorbild des Ganzen sind Gemälde und Skulpturen des Altars und Palastes von Pergamon, dessen Herrscher sich auf Telephos zurückführten.

          Brillant gemalte Fresken

          Doch das Fresko, 1750 aus dem damals als Basilika bezeichneten, heute als Augusteum identifizierten und noch immer verschütteten zentralen Gebäude geborgen, besticht durch den freischöpferischen Umgang mit den berühmten Vorbildern.

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