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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Arbus-Ausstellung in Berlin Jenseits der Unschuld

 ·  Das Göttliche in den gewöhnlichen Dingen: Der Berliner Gropiusbau zeigt in einer großen Retrospektive das fotographische Werk von Diane Arbus.

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In ihrer Platon-Ausgabe hat sie einen Satz aus dem Frühwerk „Euthyphron“ unterstrichen: „Nicht also, weil es ein Gesehenes ist, deshalb wird es gesehen; sondern im Gegenteil, weil es gesehen wird, deshalb ist es ein Gesehenes.“ Es ist das Thema ihres Lebens: zu sehen, was noch keiner gesehen hat, und es im Bild zu erwecken; und sich selbst als Sehende in das Gesehene einzuschreiben. Aber nicht in fernen Ländern und exotischen Verkleidungen. Sondern im Alltag. Auf der Straße. Vor der Tür.

Auch Platons Höhle hat sie aufgenommen, zwei Jahre nachdem sie sich als Fotografin selbständig gemacht hatte: „Zuschauer in einem Kino auf der 42. Straße, New York, 1958“. Man sieht Schlafende, Schauende, in sich Versunkene in einem halbleeren Saal, dahinter die Ausgänge. Und mitten durch das Bild, machtvoll, der Lichtkegel des Projektors. Kein dürrer Strahl, sondern ein Strom, der aus dem aufgerissenen Auge der Apparatur fließt und Träume in den Raum wirft. Dieses Licht wollte sie beherrschen, auf ihre einsame, einzelgängerische Art.

Zwerge, Transvestiten, Feuerschlucker

Auf einem Bild von 1969, das ein Kollege von ihr aufgenommen hat, sieht man Diane Arbus mit ihrer japanischen Spiegelreflexkamera vor der Fontäne im Central Park stehen und die am Brunnenrand Sitzenden fotografieren. Es sind keine Schnappschüsse; sie lässt den Menschen, die sie porträtiert, Zeit, ihren Gesichtsausdruck zu finden. Das Wechselspiel zwischen Hin- und Wegschauen, das der Blick von oben in den Sucher der Kamera erzwingt, prägt sich der Aufnahme ein, sie wird zur Skizze eines Gesprächs. Arbus hat dieselben Leute oft mehrmals fotografiert, mit ihnen Bekanntschaft geschlossen, sie wurden zu Gestalten ihrer inneren Topographie. Dennoch blieben ihr, der scheuen, depressiven New Yorker Intellektuellen, die Menschen, deren Dasein sie festhielt, fremd. Als sie im Juli 1971 Selbstmord beging, dauerte es zwei Tage, bis sie jemand fand.

“Wenn man jemanden auf der Straße sieht, fällt einem doch als Erstes ins Auge, was an dieser Person nicht stimmt.“ Als Fotografin von Zwergen, Transvestiten, Feuerschluckern, Nudisten ist Diane Arbus berühmt geworden, und gerade diesen Ruhm hat sie gefürchtet. Denn mit dem, was an den Passanten nicht stimmte, meinte sie keinen Freak-Effekt, sondern eine Dissonanz zwischen außen und innen, Erscheinung und Sein. Die Frau im teuren Mantel mit Hut, Perlenkette und Einkaufstüten etwa, die sie 1956 in Manhattan fotografiert, hat beinahe alles, was man sich wünschen kann, und doch ist ihr Gesicht auf bestürzende Weise abwesend. So abwesend wie der Blick des blinden Jorge Luis Borges an einem sonnigen Märzmorgen, 1969 im Central Park. Oder Arbus’ eigener Blick auf einem Porträt, das ihr Ehemann Allan, der lange Zeit erfolgreicher war als sie, zwanzig Jahre zuvor von ihr gemacht hat.

Zwischen Begehren und Krampf

Die Kluft zwischen dem, was wir für uns selbst, und dem, was wir für andere sind, hat Arbus bis zuletzt beschäftigt. Um sie zu ergründen, ist sie dorthin gegangen, wo der Widerspruch zwischen Selbstwahrnehmung und Außenwirkung am größten ist, zu den Randexistenzen, den sozial und sexuell Verstoßenen. Sie hat das „So ist es gewesen“ der Fotografie wieder zur Frage gemacht: Wer ist dieser Mensch? Der „Nackte Mann, als Frau posierend“ zitiert die Venus von Botticelli, aber sein Schlafzimmer erzählt eine andere Geschichte. Die geistig behinderten Frauen und Männer, die Arbus in mehreren Fotoserien zeigt, scheinen in den Stand der Unschuld zurückgefallen, doch die Masken und Kostüme, die sie auf einigen der Bilder tragen, beweisen das Gegenteil.

Um hinter den platonischen Schleier des Gesichts zu schauen, überschreitet Arbus die Grenzen der Porträtfotografie in alle Richtungen. Sie läuft, wie ein Kontaktstreifen von 1959 zeigt, aus dem Leichenschauhaus direkt in die Garderobe einer Stripshow, sie fotografiert Männer und Frauen ohne Kopf, Zwillinge, Weihnachtsmänner, Bischöfinnen und Tätowierte. Aber in all der Pracht stößt sie immer wieder nur auf ihren eigenen Blick. Das gibt ihren Suchbewegungen einen immer stärker spürbaren Unterton der Verzweiflung. Das Glück, das sie bei der Arbeit mit den Behinderten empfunden hat, verfliegt rasch, an der Flower-Power-Bewegung der späten sechziger Jahre nimmt sie nicht teil. „Zwischen Begehren und Krampf / zwischen Essenz und Zerfall / fällt der Schatten“ heißt es bei T. S. Eliot, einem ihrer Lieblingsdichter neben Hesse und Lewis Carroll.

Verblüffende Stille

In der Retrospektive, die der Berliner Gropiusbau zusammen mit dem New Yorker Metropolitan Museum und dem Pariser Jeu de Paume erarbeitet hat, hängen die Arbus-Ikonen - die „Identischen Zwillinge“, der „Jüdische Riese“, der „Junge Mann mit Lockenwicklern“ - eingereiht zwischen ihren weniger bekannten Bildern. So kann man noch deutlicher erkennen, dass es der Fotografin nicht um die Schockwirkung, sondern um die menschliche Wahrheit des Exzentrischen ging. Ihre Freaks, hat Diane Arbus geschrieben, seien Aristokraten, weil sie das Trauma des Daseins schon bei der Geburt empfangen hätten. Susan Sontag, die Arbus postum vorwarf, die Geschichte in „einen Mülleimer, einen Witz, ein Irrenhaus“ zu verwandeln, hat nicht begriffen, wie nah diese Bilder den Texten Kafkas und Becketts verwandt waren.

“Ich sehe etwas, das wie ein Wunder erscheint; ich sehe das Göttliche in den gewöhnlichen Dingen.“ So endet der Schulaufsatz der Sechzehnjährigen über Platon. Sechs Jahre später, 1945, fotografiert sie sich mit Schwangerschaftsbauch und fragend geneigtem Kopf vor einem Spiegel. Es hätte der Beginn einer langen Selbsterkundung sein können. Aber Diane Arbus entschied sich, das Göttliche auf der Straße und in den Parks zu suchen. Trotzdem kann man ihre Aufnahmen heute nicht betrachten, ohne an das Gesicht der Frau im Spiegel zu denken. Die Schatten aus Platons Höhle erwachen in diesen Bildern zum Leben. „Ihre Stille ist verblüffend. Man kann sich abwenden, doch wenn man zurückkommt, werden sie immer noch da sein und einen ansehen.“ Es ist ihr Blick, den man da sieht. Und also ihr Porträt.

Diane Arbus. Martin-Gropius-Bau, bis 23. September. Der Katalogband „Revelations“ von 2003 wurde zur Ausstellung im Verlag Schirmer/Mosel neu aufgelegt und kostet 49,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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