Ein Schritt, ein Donnerschlag: Hinter den grell orangefarbenen Filzvorhängen sinniert kein Klassiker, sondern Richard Scheibes bronzener Zehnkämpfer von 1936. Vor dem Nackten ein dickleibiger Bildband Helmut Newtons. Das Titelblatt zeigt eine athletische Langmähnige, herrisch aufgerichtet wie der Sportler. Links, auf der gleichfalls orange flirrenden Wand, verherrlicht eine 1938 entstandene Schwarzweißfotografie Walter Heges die formierten Vierkantpfeiler der Münchner „Ehrentempels“ als steinerne Abbilder der NS-Bataillone. Daneben, ebenfalls von Hege, das Profil einer Lapithin aus dem Westgiebel des Zeustempels von Olympia. Hier wirkt sie, als habe Leni Riefenstahl den Meißel geführt.
Mit diesem Schock empfängt ab heute die Ausstellung „Zurück zur Klassik“ im Frankfurter Liebieghaus ihre Besucher. Man hat klassische Antike erwartet - und muss gleich zu Beginn erkennen, dass der Titel auch den Giebel des „Hauses der Deutschen Kunst“ hätte zieren können, wo das NS-Regime unter dem Diktum „Heldische Kunst“ nach der griechischen Klassik griff. Immerhin, Richard Scheibe hütete, obwohl er der Diktatur diente, das Erbe: Sein Zehnkämpfer ist kein hirnloses Kraftpaket, sondern, wie viele der antiken Vorbilder, anmutig bis zur Androgynität.
Den stumpfen Rassekult des „Dritten Reichs“ und den klassisch verbrämten Körperwahn unserer Tage erörtert der Katalog. Die Ausstellung dagegen eilt zielstrebig weiter zurück in der Zeit. Schon im nächsten Kabinett steht man vor Danneckers „Ariadne auf dem Panther“ von 1803. Hier, im psychedelischen Orange, fällt auf, was die dezente Plazierung der Skulptur in der Dauerausstellung des Liebieghauses vertuscht: Die Nackte lagert vielleicht nur zum Schein klassisch selbstvergessen auf dem Rücken der Raubkatze. Man könnte aber auch eine raffinierte Hetäre erkennen, die sich aufreizend räkelt, Versunkenheit nur vortäuscht, um die Sinne der Betrachter anzustacheln.
Steinerne Doppelgänger in römischen Villen
So sahen es jedenfalls viele Zeitgenossen. Deshalb landete die Ariadne statt beim Herzog von Baden-Württemberg 1815 bei dem freisinnigen Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann. Das Widerspiel von Prüderie und Wollust machte europaweit Sensation, weil es nur äußerlich mit Myron oder Phidias zu tun hatte. Das gilt auch für Bertel Thorvaldsens Kriegerkopf von 1818. Er, seinerzeit gefeiert als Reinkarnation der antiken Bildhauer, kopierte minutiös ein Werk des bewunderten Westgiebels des Aphaia-Tempels von Ägina - und schuf doch, wie der direkte Vergleich im Liebieghaus zeigt, ein typisches Gesicht der Spätromantik, sentimental, ungewollt affektiert.
Jeder Epoche ihre Klassik: Wie im Zeitraffer komprimiert der nächste Raum den Umgang der Renaissance und des Mittelalters mit dem klassischen Erbe: Ein 1450 von Mantegna gemaltes Bildnis des Evangelisten Markus zeigt die Freude der jungen italienischen Renaissance an den Pilastern, Akanthuskapitellen und Marmorinkrustationen, die man in antiken Ruinen fand. Bonacolsis kapriziöse Bronzestatuette des „Apoll vom Belvedere“, eine Miniaturversion der lebensgroßen römischen Marmorkopie, beschwört 1498 mit Goldappliken und feiner Politur den Glanz des griechischen Urbilds. Mehr noch frappiert der Marmorkopf des 13.Jahrhunderts, der wohl den Stauferkaiser Friedrich II. zeigt. So viel antike Idealisierung mitten in der hochmittelalterlichen Mühsal ist kaum zu glauben.
Lächelnd über die Schlitzohrigkeit, mit der 1480 ein Ulmer Meister seine winzige „Garstige Alte“ als dürre Greisenversion der Aphrodite des Praxiteles schnitzte, geht man weiter - und findet seine Liebe zur Antike auf die härteste Probe gestellt: Dicht wie in den vollgestopften fürstlichen Wunderkammern der Renaissance reihen sich marmorne Torsi, Büsten und Statuen. Selbst der „Antretende Diskobol“ des Naukydes, dessen fast unversehrte römische Marmorkopie als einer der größten Kunstschätze des Liebieghauses gilt, ist hier einer unter vielen. So drastisch machen Vinzenz Brinkmann und Salvatore Mancuso als Kuratoren der Schau klar, mit welchem Feuereifer die römische Oberschicht sich die verehrte griechische Klassik als Kopien ins Haus holte, bis Aberhunderte steinerne Doppelgänger der bronzenen Vorbilder im Imperium kursierten.
Körperdrehung und Gestik
Diese Indienstnahme, so eine weitere These, veränderte die Anmutung und Aussagen der Statuen. Sie rückten, vereinfacht gesagt, aus der Sphäre des Mythos in die des Menschlichen, oft Allzumenschlichen. Roms zunehmend laxer Umgang mit der Grenze zwischen Göttern und Menschen, das von Neugier und nicht mehr Furcht getriebene Faible für „Flair“ und Obsession durchdrang die Klassik. So wurde Apollon zum Lampenträger und Hermes zum Lustknaben, Aphrodite zum Vamp und Hera zur keifenden Matrone.
Weiteres trug, die Archäologie inbegriffen, das Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts bei, das seine Sehnsucht nach edlem Menschentum in die Meisterwerke projizierte. Kronzeuge ist der prominente Diskobol. Er, den wir als Verkörperung hehren Athletentums, Menschwerdung der olympischen Idee betrachten, dürfte als Apollon geschaffen worden sein, Protagonist jenes mythischen Eifersuchtsdramas zwischen ihm und dem Windgott Zephyros, das mit einem Diskuswurf dem von beiden geliebten Menschenjüngling Hyakinthos den Tod brachte.
Das bisher Gesehene könnte einen für Tage beschäftigen. Doch der Hauptraum macht alles vergessen: Schwarz statt Orange, punktuelles Licht, Weiträumigkeit. Sofort ziehen Bronzen den Blick an. Der „Hellenistische Herrscher“ zum Beispiel, 1992 aus dem Meer bei Brindisi geborgen. Nur der Oberkörper, der rechte Arm, der Kopf und Ansätze des rechten Oberschenkels sowie des linken Arms sind erhalten. Doch es genügt, um ein Meisterwerk des 2.Jahrhunderts vor Christus zu erkennen, eine Welt aus Körperdrehung und Gestik.
Der Kopf des Hypnos
Wie sich losreißen, um den „Faustkämpfer“ anzusehen, jene lebensgroße bronzene Sitzfigur, die seit ihrer Entdeckung 1885 am Quirinalshügel in Rom als eines der wenigen erhaltenen griechischen Originale Legende ist? Wie immer fesselt die erschöpfte Haltung, bannen die mittels farbiger Einlagen betonten Blutergüsse und Schwellungen des geschundenen Körpers, der gequälte Gesichtsausdruck. Ist das ein, wie es bisher hieß, heldischer Mensch? Oder, wie es die Ausstellung sieht, ein Vertreter des Mythos, Amykos, der faustkämpfende König, der sich einzig den Argonauten geschlagen geben musste?
Das mag uns beschäftigen, wenn wir den Katalog lesen. Im Liebieghaus bannt gleich darauf der geflügelte Kopf des Hypnos, des Gottes des Schlafs, der aus unser aller Bildgedächtnis nicht mehr wegzudenken ist. Seinen Sog wiederholt im folgenden Raum ein lebensgroßes Bronzepferd. Es wurde 1849 in Trastevere in Rom gefunden, zerbrach beim Transport, wurde eingelagert und in jüngerer Zeit restauriert - eine Neuentdeckung also für viele. Man kann sich kaum sattsehen an dem Aufbäumen, dem wilden Muskelspiel, alles so ganz anders als die ruhigen weltbekannten Pferde von San Marco.
Eine Überfülle von Kostbarkeiten
Der Restaurator Claudio Parisi Pressice hält die im 5.Jahrhundert entstandene Plastik für ein Werk von Hegias, dem Lehrer des Phidias. Ebenso hoch greift er beim monumentalen Fragment eines Stiers. Pressice vermutet den in der Antike gerühmten Bildhauer Pythagoras als Urheber des um 450 vor Christus entstandenen Werks. Pythagoras „bildete als Erster Sehnen und Adern aus“, schrieb 59 nach Christus der römische Historiker Plinius. Das kunstvolle Geäder auf dem Tierbauch hypnotisiert: geballte Kraft, vibrierende Bewegung, wie mit der Kamera gefangen.
Bezwingende, derbe und edle, entrückte und hellwache Gesichter, Posen, von denen Choreographen nur träumen können, Faltenwürfe, die so lebendig gleiten, dass man die ganze verlorene Gestalt zu erkennen meint: Vasengemälde ergänzen, was den Bronzen fehlt. So das des fürsorglich und doch misstrauisch den Dionysosknaben tragenden Hermes. Allein dieses Gefäß würde genügen, Besucherströme ins Liebieghaus zu ziehen.
Hier aber ist es Teil einer Versammlung vieler atemberaubender Meisterwerke. Der Vatikan, der Louvre, das Metropolitan Museum und andere große Häuser haben Kostbarkeiten ausgeliehen. Selbstlos, möchte man glauben, um eine Schau zu stärken, die zeigt, dass all unsere Kunst in dem wurzelt, was Griechenlands Künstler zwischen 500 und 300 vor Christus schufen, dass unsere Zivilisation von dieser Würde schenkenden und fordernden Kunst angeregt wurde - und dass sie oft Schindluder mit ihr trieb.
"Herzog von Baden-Württemberg"??
Cornelius Ludwig (Ze-el)
- 09.02.2013, 10:26 Uhr