30.11.2005 · Ägypten, Griechenland, Rom: die antike Kunst dieser drei Kulturen ist nicht denkbar ohne die der anderen. Eine grandiose Schau spürt den aus Abwehr und Übernahme gebildeten Verflechtungen nach.
Von Dieter BartetzkoKarl Friedrich Schinkel war ein gebildeter Architekt und Maler, bewandert in Geschichte und Philosophie, in den Künsten und sogar der aufkeimenden Psychologie. Aber an seinen Bühnenbildern für Mozarts „Zauberflöte“ befremdet ein romantisch-naiver Akademismus, der die Grenze des unfreiwillig Komischen streift.
Die „Königin der Nacht“ zum Beispiel steht in ihrem Sternengewand auf der Mondsichel wie die Maskenballfigurine einer korpulenten Berliner Madame, die sich nicht zwischen Isis, Ischtar und Madonna entscheiden konnte. Und seine Tempel mit dickbäuchigen Sphingen, die auf arthritisch geschwollene Lotossäulen zuführen, changieren zwischen indisch eingefärbter altägyptischer Magie und dem Budenzauber eines Rummelplatzes.
Doch was heute konsterniert, riß vor zweihundert Jahren als symbolträchtiges compositum mixtum das gebildete Berlin hin. So, wie man im Frankfurter Städel nach kurzer Zeit hingerissen ist von jenen aus Ägypten, Griechenland und Rom zusammengesetzten Mischwesen, die ihrerseits vor zweitausend Jahren fesselten. Aber es braucht seine Zeit, ehe Faszination das Befremden angesichts dieser ungewohnten Kombinationen ablöst.
Unser Abendland: Frankfurt feiert die Antike im Städel
Nach wenigen Schritten Verwirrung
Dabei beginnt alles harmonisch: Im Entree empfängt eine weißmarmorne durchscheinende Statue der Isis, hellenistisch der Stil, eine Aphrodite, die sinnend ins Weite schaut, als ahne sie nicht, daß ihr Gewand mit seinen ägyptisierenden Knoten den Körper nicht verhüllt, sondern erotisiert. Einige Schritte weiter aber wartet Verwirrung. Eben noch bezeugten Gruppen gleichgestalteter ägyptischer, kretischer und mykenischer Keramik oder das Nebeneinander ägyptischer Schreitstatuen und archaischer Jünglingsstatuen, der Kuroi, die wechselseitige Beeinflussung von Altem Orient und Griechenland.
Nun aber, vorbei an einer überlebensgroßen Maske mit dem vertrauten, klassisch griechischen Gesichtsschnitt des vierten vorchristlichen Jahrhunderts, gefunden im syrisch-phönikischen Arados, schaut man auf eine seltsame Gruppe anthropoider, phönikisch-griechischer Sarkophage, flankiert von einer Mumie. Wie aufgebläht formen die Särge monströse mumienartige Umrisse. Gelegentlich sind, erinnernd an primitiven Idole, Gliedmaßen grob angedeutet. Die Köpfe dagegen, einige zeichenhaft umrahmt vom ägyptischen Nemestuch, sind griechisch, entrückt, perfekt; Idolatrie und Ästhetik, Ägyptens Ewigkeit und griechische Sterblichkeit vereint, Fremdes als Ausweg, um die geleugnete Todesangst zu bannen.
Widernatürliche Mutation
Wie beschwichtigend, folgen Büsten des Ammon, einer Synthese des altägyptischen Reichsgottes Amun, Zeus und Jupiter. Der Schädel ist eine nach heutigen Begriffen widernatürliche Mutation aus Tierischem und Göttlichem, Widder und Mann. Daß er nicht abstößt, liegt bei den beiden besten Beispielen, zwei nach klassischem und hellenistischem Vorbild geschaffenen kaiserzeitlichen Büsten, am Können der Künstler. Majestätische Gesichter, bärtig, strahlen Ruhe und Melancholie aus, wozu sich die mächtigen gewundenen Widderhörner ebenso selbstverständlich fügen wie die Flechten einer festlichen Haartracht, die über dem Ansatz der Hörner diskret in geringelte Wirbel eines Tierfells übergehen.
Vertrautes Terrain betritt man im Alexander-Raum. Jeder erkennt die entschlossenen Züge des Eroberers, das perfekte Gesichtsoval, die charakteristische störrische Stirnlocke. Ein Mazedone, der, Homer im Tornister, griechische Kultur in die besetzten Länder brachte, denen er dennoch die eigene ließ. Wie sehr, bezeugt jene Statue, deren Erwerb 2000 für das Liebieghaus die Ausstellung auslöste. Eine fast lebensgroße Skulptur aus Rosengranit, die Alexander als Pharao wiedergibt. Zunächst scheint alles pharaonisch - Nemeshaube, Lendenschurz, geballte Fäuste an gerade geführten, muskulösen Armen, ausgreifender und doch verharrender Schritt. Dann zeigt sich Griechisches - eine leichte Drehung des Körpers, Asymmetrien im Spiel der Glieder und im Gesicht, Locken unter dem Diadem.
Die weichen Züge des Schwermütigen
Falls die Benennung zutrifft und nicht ein ptolemäischer Nachfolger geehrt wurde, ist dies das äußerst rare Beispiel einer ägyptisch-griechischen Vollskulptur Alexanders. Nichts an ihr erinnert an jenen Lebensgierigen, den die Romane Klaus Manns oder Roger Peyrefittes, aber auch antike Quellen beschreiben, der dem Orient verfiel, verweichlichte - und starb. Derartiges findet der heutige Blick eher in den weit späteren Darstellungen eines anderen Jünglings, der im Orient den Tod fand - denen des Antinoos, des Geliebten des Kaisers Hadrian. Den Liebesschwur, man würde für den anderen sein Leben geben, wahrmachend, soll er sich vor den Augen Hadrians im Nil ertränkt haben. Die im Städel ausgestellten Statuen des Vergöttlichten zeigen ihn ägyptisch, mit Nemestuch, über der Stirn die Kobra des Osiris, deren gnadenloses Starren grell zu den weichen Zügen des Schwermütigen kontrastiert. Nur eine Büste läßt mit ihrer energischen Miene fast Alexander assoziieren.
Wahrhaft manieriert aber, zuweilen dekadent, wirken eher die Werke der ptolemäischen Mischkunst. Nicht immer, wie das Porträt des Kaisers Claudius zeigt, in dem die Züge Ptolemaios III. zu denen des Imperators umgedeutet wurden. Doch die schwarzbasaltene Statue der adlernasigen Arsinoe II. (nach anderen Deutungen Kleopatra VII.) zielt mit ihrer altägyptischen Lockenperücke, drei Uräen, dem hautengen königlichen Gewand und der lasziv übersteigerten Frontalstellung Altägyptens unverhohlen auf Erotik.
Wie eine unfreiwillige Karikatur
Völlig anders dagegen eine kaiserzeitliche lebensgroße Skulptur der Isis aus Neapel. Das üppig drapierte Gewand ist aus blaugrünem, der Körper aus schneeweißem Marmor. Gesicht, Frisur und Haltung folgen dem späthellenistischen Kanon, das ägyptische Sistrum, der geknotete Fransenumhang und eine Lotosblüte auf dem Scheitel wirken dabei wie orientalische Fremdkörper. Hier, wie in der Isis aus Pompeji, die kampanische Bildhauer der Kaiserzeit als griechisch-archaische Statuen gestalteten, mag die zeitweilige Phobie nachklingen, die das kaiserliche Rom gegen ägyptische Kulte entwickelt hatte, nachdem Kleopatras Einzug in Rom und Caesars Duldung ihnen einen frühen Triumph beschert hatten. Aufzuhalten aber waren sie nicht: Isis, Horus, Serapis setzten sich im ganzen Imperium durch. Zu welchen Bizarrerien dies führte, belegt eine Sitzstatue des Horus als thronender Imperator: Wie ein Kürbis ragt ein Falkenkopf aus einem Brustpanzer, dessen Schuppen sich, näher betrachtet, als Federn entpuppen. Nichts an diesem Artefakt ist dem heutigen Blick furchterregend, vieles aber wirkt, wie bei Schinkels Bildern, auf uns wie eine unfreiwillige Karikatur.
Bewußt ins Groteske getrieben sind jene von Pygmäen bevölkerten Nillandschaften auf den Fresken pompejanischer Stadtpaläste, an denen sich der kampanische und römische Geldadel ergötzte; obszön wirkt eine plumpe, grellfarbene Minisphinx mit dem Gesicht und Busen einer alternden Hure; Agypten als Zote. Um so freier atmet man beim „Grünen Caesar“, der, entstanden am Beginn der Römerherrschaft in Ägypten, dank poliertem Schiefer altägyptisches Ewigkeitspathos mit der Momenthaftigkeit des römischen Verismus verbindet: „Abwehr und Berührung“ lautet der Untertitel der Ausstellung.
Ihr Bestes vereint
In diesem Caesar wie in anderen Porträts aus Alexandria haben Ägypten, Griechenland und Rom ihr Bestes vereint. Das entging Schinkels Zeitgenossen, die, analog den vielen Künstlern der Antike, zwischen Bewunderung und Abscheu schwankend, meist nur Collagen schufen. Was es wirklich auf sich hat mit dieser antiken Trias, ihrem Hin und Her zwischen Übernahme und Ablehnung, wird erst jetzt offenbar werden, da mit dieser Ausstellung und zwei vorherigen Kolloquien die hermetischen Grenzen zwischen Ägyptologie und klassischer Archäologie gefallen sind.
Petersburg, Rom, Neapel, Kopenhagen, München, Dresden, Boston, Wörlitz, Kassel, Liverpool, Manchester und Wien haben viele ihrer besten Stücke ausgeliehen für diese Schau. Ohne ihre Keuschheit gegenüber aller Information an Ort und Stelle - nicht jeder wandert begeistert als Anhängsel eines Audioführers umher - wäre man restlos von ihr begeistert. Trotz dieses Mankos: Wer diese Ausstellung versäumt, wird fortan wesentliche Elemente der Antike mißverstehen.