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Andreas Achenbachs Malerei : Aus dem Bilderbuch der Schiffbrüche

In den altmeisterlichen Seestücken des Malers Andreas Achenbach schwingt die innere Unruhe des neunzehnten Jahrhunderts mit. Eine Düsseldorfer Ausstellung führt durch sein Werk.

          Auf Andreas Achenbachs „Großer Marine mit Leuchtturm“ von 1836 füllt der titelgebende Turmbau samt Küstenbastion und Nebengebäuden nur knapp das rechte Drittel der Leinwand. Der größere Teil der Malfläche gehört dem Meer und seinen Gewalten. Flaschengrüne Brecher krachen auf die Uferfelsen. Über dem Horizont in der Bildmitte wölbt sich kuppelgleich ein Stück heller Himmel, während von Westen her ein Seesturm aufzieht. Im Vordergrund halten zwei Männer ein Boot fest, während ein dritter auf eine flache Steinplatte geklettert ist, um auf die schwarzen Wellen hinauszuschauen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dort findet eine Meerfahrt ihr Ende. Ein großer Segler mit gebrochenen Masten ist dabei, zu sinken. Sein Vorschiff brennt. Ein Rettungsboot schaukelt hilflos in den Fluten. Erst jetzt merkt man, dass auch die winzigen Gestalten auf der Brüstung alle in dieselbe Richtung starren. Sie folgen wie wir dem Spektakel, das sich, für immer angehalten, in der finsteren Tiefe des Bildes vollzieht. Die Flamme des Leuchtturms ist erloschen. Stattdessen lodert die See.

          Andreas Achenbach ist der Maler der deutschen Unruhe im frühen neunzehnten Jahrhundert. Während sein Bruder Oswald ab 1850 die Italien-Sehnsucht der Zeitgenossen mit duftigen Veduten füttert, rütteln die Seestücke Achenbachs an den Fenstergittern der romantischen Innerlichkeit. Sie bringen Schiffe zum Tanzen, Wolken, Häfen, Berge, sie machen die Zone zwischen Meer und Land zum Kampfplatz menschlicher Begierden. In der „Küstenlandschaft“, die ein Jahr nach der „Großen Marine“ entstand, betrachten Küstenbewohner die Havarie einer Brigantine in der Brandung. Nur einer steht still, die anderen laufen oder klettern über Mauern, um möglichst rasch zum Strand zu gelangen, wo sich bereits eine Menschenmenge versammelt hat. Aber es geht nicht darum, Leben zu retten, denn der Segler ist längst verlassen. Hier wartet eine Bedarfsgemeinschaft auf Beute, Strandgut, um für ein paar Tage den Hunger zu lindern, der in den ärmlichen Hütten am Bildrand Wurzeln geschlagen hat.

          Der filmische Furor der Ferne

          In der Ausstellung, die das Düsseldorfer Museum Kunstpalast dem „Revolutionär und Malerfürsten“ widmet, sind die Seestücke der Blickfang, während die Zeichnungen, Radierungen und Skizzenbücher ringsum die Küstenlinie bilden, von der sich Achenbachs Schiffbrüche umso schärfer abheben. Sie alle, Grafik und Malerei, gehören zu einer süddeutschen Privatsammlung, die zuvor in Baden-Baden ausgestellt war.

          Das wahre Hauptstück aber, der „Untergang der President“, fehlt. Das Bild gehört zum Sammlungsbestand des Kunstpalasts, doch es hängt weder in den Sonderausstellungsräumen im Parterre noch in der Dauerausstellung in den Obergeschossen, weil es mit eins achtzig mal zweieinhalb Metern scheinbar zu groß für das im Umbau steckende Museum war. Nur eine neun Jahre später entstandene Lithographie bietet ein stark abgeschwächtes Echo des Originals. Das ist mehr als ein Jammer, es ist ein Fehler.

          Denn die Katastrophenszene, die Achenbach 1842 für den Großherzog von Baden schuf, macht ihn mehr als jedes andere seiner Bilder zu unserem Zeitgenossen. Während Géricault sein „Floß der Medusa“ noch als Theater der Körper anlegte, hatte Achenbach, dessen Raddampfer wie ein sterbendes Tier in der Gischt des Polarmeers versinkt, schon das Prinzip des Actionkinos begriffen, den filmischen Furor der Ferne. Die Menschheit, die hier zugrunde geht, ist nur noch Staffage, entrücktes Gewimmel. Bei C.D. Friedrich, auf dessen Bildfindungen Achenbach immer wieder antwortet, spielte das Geschehen noch vor dem Auge Gottes. Bei seinem Düsseldorfer Epigonen ist es nurmehr das Auge des Regisseurs.

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