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Leonardo da Vinci restauriert : Ist Mückenschiss keine wahrhafte Geschichtsspur?

  • -Aktualisiert am

In den Florentiner Uffizien wurde Leonardo da Vincis „Anbetung der Könige“ restauriert. Doch nicht nur Befürworter der Aktion meldeten sich zu Wort. Bild: EPA

Unter dem Schmutz der Jahrhunderte: Die Restaurierung von Leonardo da Vincis „Anbetung der Könige“ in den Uffizien markiert eine Zeitenwende im Umgang mit Gemälden alter Meister. Ein Gastbeitrag.

          Etwas mehr mediale Resonanz hätte man schon erwartet, als die Uffizien in Florenz kürzlich die frischrestaurierte „Anbetung der Könige“ des Leonardo da Vinci vorstellten. Das vergleichsweise geringe Interesse an dieser Restaurierung (jede abstruse Deutung der Mona Lisa erhält mehr Aufmerksamkeit) ist nicht nur wegen ihrer blendenden Resultate erstaunlich, sondern auch angesichts ihrer Begleitumstände. Sie markieren einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der Geschichtlichkeit von Bildern. Und sie offenbaren ein Dilemma, das bis heute nicht gelöst ist und wahrscheinlich auch nie vollständig gelöst werden kann.

          Wir wissen bis heute nicht genau, warum Leonardo seine 1481 begonnene Anbetung unvollendet hinterließ. Das über den Zustand einer monochromen Untermalung nicht hinausgelangte Gemälde hat trotzdem von Beginn an höchste Wertschätzung erfahren – und daher leider auch den ein oder anderen „Schutzanstrich“ erdulden müssen. Klar erkennbar waren gleichwohl auch schon vor der jüngsten Restaurierung die Einzelfiguren, die Anbetung des Christuskindes durch die drei Könige, die unterschiedlichen Typen und Temperamente der umstehenden Personen, die kühne Perspektivkonstruktion der Ruine des Davidspalastes im Hintergrund und etliche andere Details des 243 auf 246 Zentimeter messenden und damit vergleichsweise großen Altarbildes.

          Grobmotorisch applizierte „Schutzschicht“

          Was nach Ansicht der Restauratoren trotzdem eine gründliche Reinigung des Gemäldes notwendig machte, war zunächst die starke Verschmutzung seiner Oberfläche. Das Ausmaß dieser Verschmutzung war immer schon mit bloßem Auge sichtbar. Deutliche Spuren haben die im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert aufgetragenen Firnisse hinterlassen. Selbst bei mäßiger Beleuchtung konnte man erkennen, dass diese Schichten mit einem extrem groben Pinsel von der Größe eines Witschequastes aufgetragen worden waren. Und zwischen den weiß schimmernden Schlieren dieser grobmotorisch applizierten „Schutzschicht“ hatten sich Hunderte, wenn nicht Tausende kleiner brauner Flecken im Firnis festgesetzt. „Mückenschiss“ antwortete der Restaurator lapidar und sichtlich amüsiert auf meine Frage nach deren Provenienz.

          Erkundigungen dieser Art können jetzt wahrscheinlich deutlich elaborierter beantwortet werden. Immerhin hat die 2011 initiierte Restaurierung einschließlich vorbereitender Untersuchungen fast sechs Jahre in Anspruch genommen. Schicht um Schicht wurde das Gemälde mit Hilfe neuester Technik untersucht, Schicht um Schicht der Schmutz der Jahrhunderte abgetragen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eigentlich haben wir es jetzt mit einem vollkommen neuen Gemälde zu tun oder, genauer gesagt, mit einer riesigen gemalten Zeichnung, die eben frisch aus Leonardos Werkstatt zu kommen scheint.

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          Auffällige Leuchtkraft

          Deutlicher erkennbar sind jetzt die Modellierung der Volumina sowie die Änderungen der Perspektive des Davidspalasts und der Konturen einiger Figuren im Hintergrund. Leonardo hat diese Änderungen offenbar spontan während der Arbeit an seinem Gemälde vorgenommen. Eine genaue Beurteilung dieser Spontaneität im Malprozess dürfte aber erst nach der Publikation des vollständigen Restaurierungsberichts möglich sein. Dasselbe gilt für Fragen der Interpretation.

          Man mag aber schon jetzt darüber nachdenken, ob die auffällige Leuchtkraft des restaurierten Bildes etwas mit einer intendierten Bedeutung zu tun hat. Tatsächlich ist das Licht ja in jedem Fall eines seiner Themen. Von einer starken Lichtquelle, dem Stern von Bethlehem, geleitet, fanden die drei Könige aus dem Morgenland bekanntlich das Jesuskind. Auf diesen Stern verweist der junge Mann links des Baumes im Mittelgrund mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand. Vor der Leuchtkraft des göttlichen Lichtes schützt sich der bärtige Alte mit seiner erhobenen Rechten. Und wenn das göttliche Licht ein zentrales Thema des Bildes ist, dann spielt vielleicht auch die vor einigen Jahren ins Feld geführte Lichtmetaphysik der Augustiner eine Rolle, für die Leonardo das Gemälde zu malen begonnen hatte.

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