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Altägypten in Frankfurt Ich bin Gott, gehauen in Granit

26.06.2010 ·  Die Cheopspyramide kennt jeder. Die schönste aber, samt Tempel und Statuen, baute Pharao Sahure. Dem bedeutendsten Herrscher der fünften Dynastie gilt eine hinreißenden Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus.

Von Dieter Bartetzko
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Wir würden vor dieser Aufgabe in die Knie gehen." Sein gewagtes Urteil belegt der Direktor des Frankfurter Liebieghauses, Vinzenz Brinkmann, mit der fesselnden Schilderung der Grabanlagen des Pharaos Sahure in Abusir bei Kairo (F.A.Z. vom 8. Juni). Sahures Pyramide, auf die wir fixiert sind, war einst nur Ziel eines ihr ebenbürtigen Ensembles aus monumentalen axialen Kultbauten. Den Auftakt bildete ein säulenstarrender Taltempel an der Schwelle zwischen Fruchtland und Wüste. Ihm folgte als "dramatische Verengung" der 235 Meter lange überdachte Aufweg, dessen Wände farbig gefasste Steinreliefs schmückten. Er führte zum Totentempel des Pharaos, der über einen lichtflirrenden Säulenhof samt dunklem Kultraum mit fünf Statuen des Sahure in Magazine mündete, die, gefüllt mit kostbaren Weihegaben, im dämmrige Allerheiligsten mündeten, einem Raum mit Alabasteraltar und einer Scheintür, der nur für das Ka, die Seele des Verstorbenen durchlässigen Grenze zwischen Diesseits und Jenseits.

Zehntausend Quadratmeter feinst gearbeiteter Reliefs, gemeißelt in tonnenschwere Kalksteinblöcke, von denen kaum vorstellbar ist, wie sie bewegt wurden: Mit dem Hinweis, dass dieser Baukomplex nicht der größte, aber der stilistisch reifste des Alten Reichs sei, zieht Brinkmann dann den Vergleich mit dem antiken Weltwunder des Abendlands, dem Parthenon. Überwältigt und gespannt betritt man die Schauräume - und findet sich enttäuscht: Fünf Säle, in denen eingefärbte Wände und Pfeiler aus Rigips die versunkene Tempelatmosphäre evozieren, genügen für Sahure.

Kleine, große Herrscher

Aber selten war eine Enttäuschung lohnender. Denn was gezeigt wird, ist von hinreißender Qualität. Ergänzt von Leihgaben aus Paris, Berlin, Wien, Kairo und New York, präsentieren sich Statuen, Prunkgefäße, Architekturfragmente und die berühmten Abusir-Reliefs des Liebieghauses. Perfekt von Schräglicht konturiert, sieht man grazile Frauen, die mit Opfergaben voranschreiten, gebückte Priester, die von Fesseln gekrümmte Rinder schlachten. Gardesoldaten springen so elegant und kraftvoll wie Balletttänzer, Bogenschützen erlegen flüchtende Antilopen und Hyänen, und Würdenträger reihen sich in feierlichen Prozessionen. All diese Reliefs zeigen Umrisse, deren pulsierendes Leben so präzise und schwungvoll festgehalten ist, als seien nicht Meißel, sondern feinste Zeichenfeder benutzt worden. Farbspuren lassen ahnen, dass Kolorit ihre packende Wirkung steigerte.

Welch ein Können! Verblüfft steht man vor einem kolossalen, zwei Meter hohen Palmkapitell aus rötlichem Granit, dessen Rispen so präzise gearbeitet sind wie die gefältelten, allenfalls fünfzehn Zentimeter messenden Lendenschurze der Relieffiguren. Selbst Bruchstücke, auf denen lediglich eine erhobene Hand oder zum Sprung gespannte Füße zu erkennen sind, erschließen eine feinfühlig beobachtete und auf das Wesentliche konzentrierte Welt. Derselbe geniale Sinn für Maß, Linienfluss und Schönheit prägt die prachtvollen Gefäße, eine perfekt gerundete Schale und eine schlanke gebauchte Vase aus geschliffenem Alabaster. Das alles freilich versinkt vor dem "Großen Kopf des Djedefre", eines Pharaos der vierten Dynastie. Gesicht und Hals, das Nemes-Kopftuch - die Königshaube - samt der Kobra, die sich über der Stirn aufrichtet, sind aus rotem Quarzit. Seine reichen mineralischen Einsprengsel lassen die Erscheinung flirren, verleihen den starren Zügen leuchtendes irritierendes Leben. So ließ der Herrscher seiner mythischen Abkunft von Ra, dem Sonnengott, sinnfälligen Ausdruck geben. Die gleiche Strahlkraft geht von einem fragmentierten Porträt des Vaters von Djedefre, Pharao Cehpren, aus, den noch heute jedes Kind als Bauherrn der größten aller Pyramiden, der von Gizeh, kennt. Vierzehn Zentimeter Höhe misst das Köpfchen aus Kalzit-Alabaster und präsentiert dennoch, schillernd zwischen Individuum und Typus, einen zu allem entschlossenen Herrscher.

Die zwei Körper des Königs

Dann Sahure selbst, zwischen 2428 und 2416 vor Christus der bedeutendste Pharao der fünften Dynastie, dessen Ruhm im alten Ägypten Legenden weitertrugen, als man längst seinen Tempel zum Steinbruch erniedrigt hatte. Sahures Bildnis ist eine nur vierundsechzig Zentimeter hohe Sitzstatue, die den thronenden Pharao wiedergibt, flankiert von einer als Gott gekennzeichneten Personifikation Oberägyptens. Schon der Stein, ein gemaserter Granit, flammend zwischen Blau und Ocker, bannt. Oder fasziniert doch die Erscheinung stärker, die Schwebe zwischen Ewigkeit und Moment, die von den beiden Gestalten ausgeht? Pharao und Gott sind muskelstrotzende Athleten, und doch scheinen ihre Gesichter durchgeistigt, zeugen von Wissen, unbegrenzter Energie, aber auch Güte.

Gibt unsere heutige Phantasie uns diese Eindrücke ein? Ganz gewiss. Warum aber sollten nicht auch Künstler und Auftraggeber vor mehr als viertausend Jahren schon versucht haben, das Doppelwesen des Pharaos aus Mensch und Gott, zeitlich begrenzter weiser Herrschaft im Dies- und ewiger im Jenseits in Menschengestalt zu fassen? Zum Greifen nah sind solche Ideen bei einer Doppelstatue des Pharao Niuserre, des Enkels von Sahure. Einige Ägyptologen unterscheiden anhand der Gesichtszüge einen gealterten und einen zeitlos jungen Mann, die doch derselbe sind. So wären, lange vor unserem Mittelalter, hier schon "die beiden Körper des Königs" als Doppelnatur und Versinnlichung des ägyptischen Königsdogmas Bild geworden.

Ägyptische Bürokratie

"Hatte er auch seinen Koch dabei?" Bertolt Brechts Frage mag heute vielen peinlich sein. Doch sie existiert - und wird im Liebieghaus von einer beklemmend lebensnahen Sitzstatue beantwortet: der des Territorialbeamten Kai. Leicht unterlebensgroß, in einem plissierten knielangen Schurz aus weißem Leinen, mit breitem Kragenhalsband und einer kompliziert geflochtenen pechschwarzen Perücke schaut dieser Beamte in die Ewigkeit. Aber auch direkt ins Auge seines Gegenübers - die aus Bergkristall gefertigte, schillernde Iris verleiht seinem Blick zwingende Lebendigkeit. In der Ausstellung personifiziert Kai den Riesenstab an Beamten und Organisatoren, der das Reich verwaltete und auch die gigantischen Bauten der Pharaonen organisierte. Es braucht lange, ehe man sich von dieser Figur abwendet und die Papyrusfragmente mit ihren Listen und Notaten des Tempelarchivs betrachtet, die rings um den Beamten die perfekte Bürokratie Altägyptens dokumentieren.

Ein Antrieb für die Ausstellung waren neue Restaurierungen in Abusir, das von der ägyptischen Altertümerverwaltung in Kürze wieder für Besucher freigegeben werden wird. So dürfte die Aussicht auf weiter steigenden Tourismus mitgespielt haben, dass Ägypten großzügig an das Liebieghaus auslieh und Altertümerchef Zahi Havas, der bei seinen Forderungen zur Rückgabe der Nofretete gelegentlich gern heftig wird, einen wohlwollenden Aufsatz zum Katalog beisteuerte.

Picknick in der Wüste

Der Entdecker der Nofretete, Ludwig Borchardt, war 1907 auch der Ausgräber von Abusir. Seine Frau Mimi entstammte der Frankfurter Bankiersfamilie Cohen (Kuhn), passionierten Mäzenen. So kam das Liebieghaus an seine Sahure-Bestände und erinnert folgerichtig in der Schau an Ludwig Borchardt. Vor akademischer Trockenheit wird dieser Teil durch einige ägyptische Landschaftsgemälde, historische Fotografien der Grabungskampagnen, vor allem aber durch persönliche Utensilien des Archäologen bewahrt; die skurrilsten sind ein Picknickset und eine Reiseapotheke in luxuriösen Lederkoffern, deren Zierlichkeit in schreiendem Kontrast zur Hitze, zum Wüstensand und Dreck der Ausgrabungsstätten stehen.

Dann sind da noch einige hölzerne Transportkisten. Eine gibt den Blick frei auf eine in Holzwolle steckende Kopie der Nofretete-Büste. Sie ist nicht dreckverschmiert, wie Borchardt das Original fand, sondern sauber - und so knallbunt, wie er sie in einem ersten flüchtigen Fundbericht beschrieb. Noch erfüllt von der Magie der eben gesehenen Kunst des Alten Reichs, teilt man für einen Moment das einstige Fehlurteil.

Sahure - Tod und Leben eines großen Pharao. Liebieghaus Frankfurt am Main. Bis 28. November. Der Katalog (hirmerverlag) kostet 39,95 Euro

Quelle: F.A.Z.
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