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Als Schlafende im MoMA : Warten auf Tilda

In London hatte sie einst acht Stunden täglich durchgehalten. In Rom unterbrach sie ihren Schlaf für eine Siesta. In New York ist der Zufall Programm: Wer ins MoMA geht, um Tilda Swinton schlafend zu sehen, macht alles falsch.

          Es ist ja nicht so, als gäbe es hier sonst überhaupt nichts zu gucken. Ein ewiger Hit ist nicht nur die „Sternennacht“ von dem Verrückten mit dem abgeschnittenen Ohr. Auch die etwas spitzkantigen Fräuleins von Avignon sind immer von einer ansehnlichen Schar von Verehrern umgeben. Und der 120-Millionen-Dollar-“Schrei“ erst!

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Von dem Auktionsrekord haben sogar die japanischen Teenager gehört, die nie fehlen, um sich gegenseitig vor dem „Schrei“ in Schreipose abzuknipsen. Kurz und gut, im MoMA lässt es sich angenehmer warten als in den unterirdischen Folterkammern der Penn Station, auch wenn gerade in der Osterwoche kein Unterschied im Publikumsverkehrsaufkommen festzustellen ist. Geschiebe vor den Bildern, Gerangel auf den Rolltreppen, Stau auf den Gängen, Schlangen vor den Verpflegungsstationen. Ein Museumsalbtraum. Musste ausgerechnet jetzt auch noch Tilda Swinton für Wirbel sorgen?

          Wo bleibt die Überraschung

          „Das Vielleicht“ heißt ihre Performance, in der es ziemlich unperformativ zugeht. Schneewittchengleich liegt sie in einer Glaskiste. Basta. In London, als sie das 1995 zum ersten Mal ausprobierte, hielt sie eine Woche lang den korrekten Arbeitstagsrhythmus von acht Stunden ein. In Rom unterbrach sie im folgenden Jahr ihren Schlaf, landeskundlich versiert, für eine Siesta. In New York will sie für Überraschung sorgen, aber bloß gelegentlich. Ihre Schlafaktion wird nicht angekündigt, nicht beworben, nicht kunsttheoretisch untermauert. Allerdings sollen wir alle dabei über Kunst und ihre Folgen tüchtig ins Fragen, wenn nicht Hinterfragen kommen.

          Am vergangenen Wochenende bot sie dafür zweimal Anlass, bis Ende des Jahres will sie sich noch ein halbes Dutzend Mal im MoMA öffentlich zur Ruhe betten. Das Museumspublikum soll sie zufällig in einer Galerie oder einem Gang finden, wehrlos und friedlich schlummernd. Wer also wie ich nun auf sie wartet, macht schon alles falsch. Denn praktisch und konzeptuell kann es für den Wartenden gar keine Überraschung mehr sein, wenn sie wirklich mal auftaucht. Sie wird ja erwartet. Eigentlich klappt die Performance richtig nur bei Leuten, die von „The Maybe“ und, besser noch, auch noch von Tilda Swinton nie etwas gehört haben und plötzlich auf ihrem gemütlichen Museumsrundgang ausrufen müssen: „Warum pennt denn da eine Frau unter dem Picasso?“

          Eine andere hatte die Augen geöffnet

          Hoffentlich fragen sie dann den netten Museumswärter, den auch ich befragen durfte und der, anders als sein Arbeitgeber, eine echte Erklärung für die von ihm beobachtete Darbietung hatte. Er sagt: „Die Frau wird die Nacht durchgefeiert haben und ist danach hierhergekommen, um sich auszuschlafen.“ Diese Antwort ist sehr viel hilfreicher als das gesammelte Schweigen der Künstlerin und des Museums, welches andernorts in seiner Abteilung für Konzeptkunst ausführlich erläutert, wie Künstler in den schlimmen Sixties dazu kamen, erprobte Kunstbegriffe zu sabotieren.

          Ob Tilda Swinton etwas sabotiert oder eher die museale Eventmaschine in Schwung hält, braucht gar nicht zur Debatte zu stehen. Es reicht, dass sie im Vergleich mit der Performancekollegin Marina Abramovic, die sich zweieinhalb Monate lang Tag für Tag im MoMA zur stummen Augenzwiesprache einfand, doch ausgesprochen dürftig abschneidet. Noch im Schlaf aber sollte die Swinton sich zu schade sein, nur Abramovic light zu servieren.

          Quelle: F.A.S.

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