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Alois Wünsche-Mitterecker : Dieses Feld kennt keine Sieger

Stalingrad im Altmühltal: Unweit von Eichstätt hat der Maler und Bildhauer Alois Wünsche-Mitterecker ein gigantisches Figurenfeld geschaffen. Wer sich zwischen die Figuren begibt, kommt verändert wieder hervor.

          Erst taucht eine einzelne steinerne Skulptur auf, dann in einer Rechtskurve ein unscheinbares Hinweisschild. Es weist den Weg zu einem staubigen Parkplatz, der von Büschen umsäumt ist. „Figurenfeld Alois Wünsche-Mitterecker“ steht in weißer Schrift auf blassem Braun. Die Sonne brennt vom Himmel, der Parkplatz ist leer. Man folgt einem Pfad durch die Büsche, findet sich mit einem Mal auf trockenem Heidegras wieder. Der Pfad führt an den Rand einer Senke. Und erst jetzt sieht man sie. Dort unten stehen, liegen, stürzen sie - wie hingewürfelt von einer übermenschlichen Macht. Achtundsiebzig Figuren, mit anthropomorphen Zügen, Maschinenteilen ähnlich, Pferden, Aliens. Von hier oben ist nicht zu entscheiden, ob die dunklen Flecken auf dem dürren Heidegras gefroren sind oder in der Bewegung erstarrt. Die Unterscheidung zwischen Mensch, Tier oder Materie scheint aufgehoben.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Denn auf den Hängen der Senke wachsen Wacholderbüsche, liegen vereinzelte Felsbrocken, die wie die Figuren im Tal aus dem Boden herauszuwachsen scheinen. Man steigt hinunter, geht vorsichtig zwischen den steinernen übermannsgroßen Riesen umher. Sie haben den gleichen Flechtenmantel wie die natürlichen Felsen, eine Patina, die sie zeitlos macht. Beim Umkreisen der Skulpturen verliert der Betrachter die Übersicht, plötzlich ist man selbst Teil der Inszenierung, die Dimensionen verschieben sich, das Auge - an menschliche Maße gewöhnt - ist verunsichert: Zweifellos handelt es sich um Figuren von Menschenhand, aber die Natur spielt das Spiel des Künstlers mit, der hier, unweit vom Bischofssitz Eichstätt, ein Landart-Denkmal der ganz besonderen Art geschaffen hat.

          Warum ist er heute so unbekannt wie zu Lebzeiten?

          Wer war dieser Alois Wünsche-Mitterecker? Warum hat er den Großteil seines Lebens an die Verwirklichung dieses Figurenfeldes gegeben, warum ist er heute so unbekannt wie zu Lebzeiten? Es hat wohl am ehesten damit zu tun, dass einer wie Wünsche-Mitterecker in keine Zeit zu passen scheint. Geboren 1903 als Alois Mitterecker in Gleisdorf bei Graz, aufgewachsen bei seinem Adoptivvater namens Wünsche in Salzburg. Der Inhaber eines Malergeschäfts erkannte das zeichnerische Talent des Knaben. Mit Hilfe eines Stipendiums konnte der Sohn ein Kunststudium beginnen; in München war Gebhard Fugel sein Lehrer, der 1893 die Gesellschaft für christliche Kunst mitbegründet hatte und dessen fünfundneunzig Meter langes Jerusalem-Panorama in Altötting noch heute besticht.

          Wünsche-Mitterecker - den Doppelnamen führte er von Mitte der dreißiger Jahre an mal in dieser, mal in der umgekehrten Reihenfolge - verlegte sich nach dem Studium in München und Wien zunächst auf die Freskenmalerei. Er gestaltete mehrere Kirchen im Raum Salzburg, assistierte Fugel in Berlin-Schöneberg in der Kirche St. Elisabeth. 1936 erhielt er den Albrecht-Dürer-Preis, aber kommerziell erfolgreich war Wünsche-Mitterecker in diesen Jahren nicht. 1938 wurden in Salzburg-Itzling Fresken, die er Mitte der zwanziger Jahre geschaffen hatte, abgeschlagen - mit Hinweis auf die psychische Unausgeglichenheit des Künstlers: Den Nationalsozialisten passte seine freizügige Bildersprache nicht.

          Die Schrott- und Leichenberge des Winterkriegs festgehalten

          Aber Wünsche-Mitterecker war keiner, der sich gebeugt hätte, er folgte seinen Vorstellungen auch dann, als Unterordnung oberstes Gebot war. Bei Kriegsbeginn wurde er zur Reichswehr eingezogen. Dann bot sich ihm die Gelegenheit, als Pressezeichner unterzukommen, zunächst in Frankreich, dann im fünften Kriegsberichter-Zug der SS-Division Wiking im Osten. Wünsche kam bis nach Narva in Estland - den unbarmherzigen Winterkrieg mit seinen Schrott- und Leichenbergen zeichnerisch festzuhalten, das war sein täglicher Auftrag. Derweil entkam daheim seine Frau - er hatte 1940 geheiratet, drei Kinder waren auf der Welt - dem Bombentod in München. Sie setzte sich rechtzeitig nach Eichstätt ab, wo man entfernte Verwandte hatte.

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