Home
http://www.faz.net/-gsa-6kd6i
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Alice Neel in London Sie gehört in den Olymp der Kunst!

 ·  Alice Neel schrieb Geschichte, wurde aber nie in die Geschichtsschreibung aufgenommen. Die wurde von Männern besetzt. Jetzt hat sich das Blatt gedreht. In London wird die amerikanische Malerin mit ihrer ersten Retrospektive in Europa gefeiert.

Artikel Bilder (10) Lesermeinungen (0)

Noch vor wenigen Jahren hätte man diese Geschichte mit einigem Bedauern aufschreiben müssen: Für Alice Neel, hätten Sie dann hier lesen können, kam der Erfolg erst spät im Leben. Sie, die begnadete Porträtistin und alleinerziehende Mutter, wurde der Öffentlichkeit erst 1974 durch eine Retrospektive im Whitney Museum of American Art in New York bekannt, da war sie bereits vierundsiebzig Jahre alt. Die Jahrzehnte davor hatte Neel gemalt, ohne irgendeine Form von Anerkennung zu erhalten. Sie lebte von Sozialhilfe, stellte kaum aus, noch seltener wurde über sie geschrieben, verkauft wurde fast nichts. Und schwer hatte sie es vor allem deswegen, weil sie eine Frau war, eine Malerin im New Yorker Kunstbetrieb, der sich bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein als ein ausgesprochen männliches Gewerbe verstand. Männer schufen die Werke, die von Männern ausgestellt und kritisiert wurden.

Inzwischen aber kann man sich das Bedauern sparen, denn im Kunstbetrieb verschieben sich die Kräfteverhältnisse, und der Herrenclubattitüde scheint langsam wirklich ein Ende bereitet zu werden. Was die Anzeichen dafür sind? Da bleiben wir doch gleich beim Fall von Alice Neel: Sie wurde am 28. Januar 1900 in Marion Square, Pennsylvania, geboren und studierte an der Philadelphia School of Design for Women. Sie ist eine Ikone der feministischen Kunstgeschichte und bisher vor allem eine Künstlerin für Künstler: Chuck Close zählt zu Neels Bewunderern, ebenso wie Elizabeth Peyton, Marlene Dumas oder Alex Katz. Im Jahr 1970 saß sogar Andy Warhol für sie Porträt, der später ebendieses Bild als das beste Porträt bezeichnete, das je von ihm gemalt wurde.

Wie Alice Neel es schaffte, so lange durchzuhalten, ist ein Rätsel. An Selbstbewusstsein jedenfalls mangelte es ihr nicht, was schon das Porträt von Warhol zeigt: Den berühmten Pop-Art-Künstler setzte sie wie einen kleinen artigen Geist auf die Kante einer Liege. Die Augen sind geschlossen, an den über dem Boden schwebenden Füßen trägt er polierte Schnürschuhe, die Unterhose hat er über den Nabel gezogen; sein Oberkörper ist entblößt und von den Narben gezeichnet, die vom Attentat im Jahr 1968 und den anschließenden Operationen stammen.

Die an Wahnvorstellungen leidende Schriftstellerin Valerie Solanas war in die Factory eingedrungen und hatte mehrmals auf ihn geschossen. Neel sah in Warhol vor allem seine Verletzlichkeit. Wer es nicht besser wüsste, käme nie auf die Idee, dass ausgerechnet dieser Mann mit seinen seriellen Siebdrucken von Marilyn Monroe oder Elvis Presley die klassische Porträtmalerei begraben wollte. Das menschliche Gesicht nach Warhol? Eine Oberfläche, nicht mehr als ein Firmenlogo. Insofern entbehrt es natürlich nicht der Ironie, dass Warhol für Alice Neel Modell saß - und dass diese sich ganz offensichtlich gar nicht für die Pop-Art interessierte.

Die Woge des Erfolgs

Alice Neel verstand sich als eine politische Künstlerin und war überzeugt davon, dass Menschen ein Recht darauf hätten, als Individuum gesehen zu werden. Sie malte ihre Nachbarn, arme Leute, Einwanderer, Schwarze und Weiße, ebenso wie Künstler, Museumsdirektoren oder Kunsthistoriker. Sie selbst lebte die längste Zeit ihres Lebens in Spanish Harlem, einem Stadtteil von Manhattan. Im Jahr 1942 hatte sie dort ein sogenanntes Railroad-Apartment bezogen: eine Wohnung ohne Flur, in der jeder Raum ein Durchgangszimmer war. Wenn ihre beiden Söhne, die von verschiedenen Vätern stammten, von der Schule nach Hause kamen, roch es nach Terpentin.

Neel malte nachmittags, weil sie dann das Licht am meisten mochte. Sie malte manchmal aus der Erinnerung, meistens nach dem Leben, nie nach Fotografien. Von ihren Söhnen schuf sie zahlreiche Porträts, vielleicht auch deshalb, weil sie zwei Töchter verloren hatte: Die erste starb an Diphtherie, die zweite nahm der Vater mit nach Kuba, so dass Neel sie nur zweimal in ihrem Leben wiedertraf. In dem Gemälde „Hartley on the Rocking Horse“ von 1943 sieht man im Spiegel die malende Alice Neel, die aus dem Nebenzimmer auf ihren ältesten Sohn blickt. Beide befinden sich in ebendem Apartment, in dem Neel bis zu ihrem Tod 1984 blieb.

Als die Kunsthistorikerin Linda Nochlin 1971 ihren bahnbrechenden Aufsatz „Why Have There Been No Great Women Artists?“ veröffentlichte, war Neel bereits mehrfache Großmutter. Was Nochlin im Allgemeinen über die Art und Weise geschrieben hat, wie Kunstgeschichte produziert wird, galt für Neel im Besonderen. Nochlin warf in ihrem Essay einen nüchternen soziologischen Blick auf die Kunstgeschichte, auf Ausbildung, Förderung und Markt. Sie kam zu dem Ergebnis, dass für eine Frau die Chancen, eine erfolgreiche Künstlerin zu werden, in etwa so gut stünden wie für einen Eskimo, zum Tennisstar aufzusteigen. Und natürlich saß auch Linda Nochlin für Neel Porträt, mehrfach sogar.

Neel schwamm in den siebziger Jahren in einer Woge des Erfolgs, nur rollte diese Welle schon bald wieder aus. Ganz wie Nochlin es beschrieben hatte, wurde Neel nämlich nicht in die offizielle Kunstgeschichtsschreibung aufgenommen: Sie schrieb zwar eindeutig Geschichte, da sie zahlreiche Künstler beeinflusste. Aber der Museumsbetrieb interessierte sich trotzdem weiter nur für die männlichen Kollegen. Als das Museum of Modern Art in New York 2007 seine Sammlung neu präsentierte, fehlte Alice Neel ebenso wie Frida Kahlo, Georgia O'Keeffe oder Mary Cassatt.

Alice Neels Porträts haben viele Künstler inspiriert

Nun ändert sich aber gerade die Kunstwelt, und damit dürfte es auch für Künstlerinnen leichter werden. Vor wenigen Wochen wurde beispielsweise Michelle Kuo Herausgeberin der einflussreichen amerikanischen Kunstzeitschrift „Artforum“, womit immerhin vier der international operierenden Kunstzeitschriften von Frauen geführt werden (die anderen sind „Parkett“, „Texte zur Kunst“ und „Frieze“). Ebenfalls vor kurzem wurden zwei Frauen als Leiterinnen der beiden bedeutendsten Gegenwartskunstausstellungen bestellt: Bice Curiger, die Chefredakteurin von „Parkett“, wird 2011 die Biennale in Venedig kuratieren; Carolyn Christov-Bakargiev ist die Leiterin der Documenta in Kassel im Jahr 2012.

Es sind also gute Zeiten, in denen Alice Neel eine Retrospektive erhält, die über mehrere Stationen tourt und zum ersten Mal auch in Europa gezeigt wird. Nach London wandert die Schau „Alice Neel. Painted Truths“ nach Malmö, in eine Dependance des Stockholmer Moderna Museet. Das Museum, das seit 2006 gezielt Kunst von Frauen ankauft, um die Lücken in der eigenen Sammlung zu schließen, hat jüngst auch ein Bild von Alice Neel erworben: ein Porträt des Landschaftsmalers Don Perlis mit seinem Sohn Jonathan.

Alice Neels Porträts haben mindestens so viele Künstler inspiriert wie etwa die von David Hockney. Wer bisher ein Buch über die Geschichte der Porträtmalerei aufschlug, fand darin trotzdem nur Hockney und nicht Alice Neel. Diese Ignoranz wird sich die Kunstgeschichtsschreibung nicht mehr leisten können.

Alice Neel. Painted Truths. In der Londoner Whitechapel Gallery bis zum 17. September. Vom 9. Oktober an bis zum 2. Januar 2011 im Moderna Museet Malmö. Der Katalog kostet 55 Euro

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

99 Luftballons

Von Fridtjof Küchemann

Google will jetzt auch die Lufthoheit und lässt kommunizierende Ballons durch die Stratosphäre segeln. Wie niedlich, könnte man meinen, würde man den kalifornische Datensammler nicht besser kennen. Mehr 1