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Alice-Neel-Schau in Hamburg : Freiheit, die sie malte

Alice Neel, „Elenka“, 1936, heute im Metropolitan Museum, New York Bild: Estate of Alice Neel

Die amerikanische Malerin Alice Neel ist noch immer eine berühmte Unbekannte. Eine Ausstellung in Hamburg ändert das jetzt. Zu sehen ist ihr grandioses Lebenswerk.

          Eine Frau von achtzig Jahren sitzt in einem blauweiß gestreiften Sessel, in der rechten Hand einen Pinsel, in der linken Hand einen Lappen. Sie ist nackt, ihr schwerer Leib bezeugt ihr Alter. Doch alles in ihr ist Anspannung, die Augen hinter der Brille weit auf. Alice Neel hat sich im Jahr 1980 selbst porträtiert – in einer kühnen Version des klassischen Sujets. Die da, in bis dahin von einer Künstlerin ungesehener Freiheit, malt, hat es sich nicht leichtgemacht, nicht mit dem von ihr gewählten Leben und nicht mit ihrer Kunst. Geboren ist Alice Neel im Jahr 1900, bis zu ihrem Tod 1984 hat sie fast das Saeculum durchquert. Dass sie ein singuläres malerisches Œuvre geschaffen hat, wird ihr spät bescheinigt, aber immerhin: Im Jahr 1974 richtete ihr das New Yorker Whitney Museum eine erste Retrospektive aus. Das muss als früh gelten für eine Frau, eine Künstlerin ihres Kalibers; sie durfte es noch erleben.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Aus der amerikanischen Provinz in Pennsylvania heraus schaffte es Alice Neel zur Aufnahme an der Philadelphia School of Design for Women, bekam ein Senatsstipendium für Begabte. Sie geht eine Ehe mit einem kubanischen Beau ein, lebt kurz in Havanna, verliert eine Tochter durch Diphtherie, ihre zweite Tochter nimmt der Mann bei der Trennung nach Kuba mit. Sie bricht zusammen in Suizidversuchen, sie steht immer wieder auf. Sie gebiert noch zwei Söhne von zwei Männern und zieht sie allein auf. Sie bekennt sich zur Kommunistischen Partei und wird, an der Armutsgrenze in der Zeit der Großen Depression in den dreißiger Jahren, doch von Regierungsprogrammen zur Künstlerförderung unterstützt. Ihre schöpferische Kraft wird in diesen Zeiten auf die härtesten Proben gestellt, und sie hält durch.

          Pregnant Julie and Algis (1967) von Alice Neel.
          Pregnant Julie and Algis (1967) von Alice Neel. : Bild: Estate of Alice Neel

          Ihr Lebenslauf hat für Alice Neel entscheidenden Anteil an ihrer künstlerischen Produktion, er macht sie zum „Painter of Modern Life“, wie die Ausstellung in Hamburg betitelt ist. Denn Neel malt, was sie sieht, in Kuba, dann in New York, wo sie vom Greenwich Village nach Spanish Harlem umzieht, um Anfang der Sechziger in der Upper Westside anzukommen; ihre Bekanntheit zu Lebzeiten hat inzwischen begonnen. Die Schau in den Deichtorhallen mit mehr als hundert Werken offenbart, ungefähr entlang der Zeitschiene, die stilistischen Brüche und Wendungen in ihrem Werk. Blanker Realismus, dem sie mitunter zugeordnet wird, ist nicht der Kern dieses Schaffens. Ihre bildnerische Intensität liegt jenseits von Kategorien; und sie nimmt sich, was sie brauchen kann.

          Nancy and the Twins (5 Months) von Alice Neel (1971).
          Nancy and the Twins (5 Months) von Alice Neel (1971). : Bild: Estate of Alice Neel

          Den amerikanischen Abstrakten Expressionismus der Vierziger bis Sechziger hat Neel an der kalten Schulter abgleiten lassen. Sie arbeitet an ihren Bildern vom Menschen, immer weiter an sich, hin zu einer singulären Meisterin der figürlichen Malerei. Das menschliche Gesicht, der Leib, gerade in seiner Nacktheit, reizen sie, fesseln sie lebenslang. Dabei eignet sie sich ihre Modelle an bis zur Schonungslosigkeit. Sie bohrt mit ihrem Pinsel in die psychischen und physischen Abgründe.

          Durch ihr gesamtes Werk zieht sich das Motiv der maternité, der zerbrechlich gefährdeten Dyade von Mutter und Kind. Sie malt immer wieder familiäre Situationen und Frauen, sie tut das offensiv, gelegentlich decouvrierend, nur manchmal mit Empathie. Sie malt Kinder, doch sie kann sie nicht beschützen in ihren Bildern. Überhaupt wird das Porträt ihre Domäne. Viele der Männer, die Neel malt, weil sie sie kennt oder weil sie von ihnen den Auftrag erhielt, müssen hernach zusammengezuckt sein, sich erkannt gefühlt haben.

          „Andy Warhol“, 1970, heute im Whitney Museum, New York
          „Andy Warhol“, 1970, heute im Whitney Museum, New York : Bild: Estate of Alice Neel

          Dabei ist das keine psychologisierende Malerei. Und psychologisch nur in dem Sinn, als sie Ich-Fassaden demontiert. So hat sie 1970 auch Andy Warhol gemalt, zwei Jahre nach dem Attentat von Valerie Solanas auf ihn (und, nach Neels eigener Aussage, auf Warhols Wunsch hin): Da sitzt ein schmächtiges Kerlchen mit hängenden Brüsten und schlimm vernähten Narben im nackten Oberkörper auf einem angedeuteten Sofa, mit geschlossenen Augen, die Hände im Schoß ringend, hinter ihm eine himmelblaue Fläche, einem Flügel ähnlich. Der ruinierte Engel ist das präzise Gegenbild zu Richard Avedons berühmter Fotografie des verletzten Warhol von 1969 mit dem heroisierenden Zeig-mir-deine-Wunde-Gestus.

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          Auch Warhols prominentes Märtyrer-Porträt (heute im Whitney Museum) verweist auf die Nahtstelle, an der Neel arbeitet. Knapp vor ihr in der Zeit waren die deutschen Expressionisten und Veristen, Kirchner scheint auf, Beckmann im schwarzen Kontur, Otto Dix oder George Grosz; sie mag sie aus ihrer Studienzeit gekannt haben. Dann findet sie zu den Menschendarstellungen, die ihr ein Alleinstellungsmerkmal geben. Und, weit über die Rolle des artists’ artist hinaus, prägt sie die herausragenden unter den ihr kurz nachgeborenen Künstlern mit: Ohne ihren unbestechlichen Blick und ihre Farbigkeit ist Maria Lassnig nicht zu denken, ohne ihre schamfreie Körperlichkeit nicht Lucian Freud; zu den Bildern von Marlene Dumas gehören die von Alice Neel als Blaupausen.

          Die überwiegende Zahl der gezeigten Gemälde befindet sich im Nachlass von Alice Neel. Die Ausstellung jetzt, zuvor in Helsinki, Den Haag und Arles, will sie einem breiteren Publikum zuführen. Das schöne Katalogbuch erschließt Leben und Werk in Texten und Bildern. Was leider fehlt, sind ihre Zeichnungen, denen in den Deichtorhallen zwei Kabinette gewidmet sind. Sie sind Zeugnisse der unmittelbaren Umsetzung von Gefühlszuständen, der Künstlerin wie ihres Gegenübers, oft in biographischer Verquickung. Viele Blätter datieren aus jenen Phasen seelischer Abgründe, in denen ihr die Kunst Überlebensmittel war. In den Zeichnungen verbirgt Alice Neel nicht ihre Verletzbarkeit und Verletzungen. Anders als in den Gemälden, deren Virtuosität den Betrachter nachgerade körperlich angreift.

          Alice Neel – Painter of Modern Life. In den Deichtorhallen, Hamburg; bis zum 14. Januar 2018. Der Katalog kostet 39,80 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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