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Alfred Hrdlicka zum Achtzigsten Das politische Beben im uralten Stein

27.02.2008 ·  Alfred Hrdlicka gilt als einer der handwerklich besten Steinbildhauer unserer Zeit - und als einmaliger politischer Feuerkopf. An diesem Mittwoch wird der in Wien geborene und lebende Künster achtzig Jahre alt.

Von Niklas Maak
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Die wenigsten wissen, dass der Erfolg der Linkspartei auch dem Künstler Alfred Hrdlicka zu verdanken ist - wenn die Anekdote stimmt, die er selbst gern erzählt: Dass nämlich er es war, der Gregor Gysi und Oskar Lafontaine zusammengebracht habe. „Jedenfalls haben die sich erst auf mein Betreiben hin das erste Mal in Saarbrücken getroffen, ich war ja dabei, zusammen mit meiner Frau“, gab Hrdlicka vor kurzem in einem Interview zu Protokoll. „Die war ganz enttäuscht, weil die beiden sich erst immerzu Kohl-Witze erzählt haben.“

Für Skandale sorgte Hrdlicka zuletzt weniger mit seiner längst anerkannten Kunst als mit seinen politischen Ausfällen, als er etwa Wolf Biermann mit einer wüsten Kanonade von Schimpfworten überzog, weil der Gregor Gysi kritisiert hatte. Mit Oskar Lafontaine verbindet Hrdlicka eine langjährige Freundschaft. Der ehemalige SPD- und jetzige Linksparteipolitiker schrieb eine Eloge auf Hrdlicka, in der er unter anderem „einen schonungslosen Humanismus“, lobte, „der auch Mord und Terror und sexuelle Brutalität mit expressiven Stilmitteln und bisweilen schockierender Deutlichkeit vor Augen führt“.

Fragmente geschundener Körper, als wären sie Rodins Höllentor entflohen

Besonders die wird mittlerweile parteiübergreifend geschätzt, wenn es darum geht, neue Mahnmale zu errichten. Hrdlickas Werke haben die europäische Mahnmalkultur von den sechziger Jahren an geprägt; wo Gedenken nicht mehr als Heldenverehrung in Stein aufgefasst werden sollte, waren neue Formen der politisch motivierten Skulptur im öffentlichen Raum gefragt, und Hrdlicka entsprach dem, was vor allem in der Bundesrepublik als angemessener ästhetischer Ausdruck einer neuen Erinnerungskultur galt.

In Hamburg entstand in der Nähe des Dammtorbahnhofes sein - unvollendetes - Gegendenkmal zu einem Denkmal der Nationalsozialisten, in Wuppertal schlug er aus einem tonnenschweren Marmorblock ein Friedrich-Engels-Denkmal, in Wien, wo Hrdlicka lebt, entstand 1988 das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“: Aus der Entfernung sieht es aus, als stünden hier die Ruinen einer größenwahnsinnigen Bauprojektes von Albert Speer; kommt man näher, sieht man, dass in den gesplitterten Großformen Fragmente geschundener Körper auftauchen, die Rodins Höllentor entflohen zu sein scheinen.

Immer wieder wurde Hrdlickas technische Brillanz gelobt, die Art, wie er Adern an einer Hand, die Kontraktion von Muskeln, die Weichheit eines schlaffen Schenkels aus dem Stein herauszuarbeiten wisse. Traditionalisten schätzen seine handwerkliche Virtuosität, Verteidiger einer politischen Kunst sein energisches Engagement, dessen Wurzeln vielleicht auch in seiner frühen Kindkeit zu finden sind. Hrdlicka wurde 1928 in Wien als Sohn eines Gewerkschaftsfunktionärs geboren; als Jugendlicher erlebte er, wie die Nationalsozialisten den Vater wegen seines Engagements bei den Kommunisten verhafteten. Nach einer Zahntechnikerlehre von 1943 bis 1945 studierte Hrdlicka Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien. 1960 wird er zusammen mit Fritz Martinez in der Ausstellung „Skulptur, Malerei und Grafik“ in Wien gezeigt, vier Jahre später vertritt er gemeinsam mit Herbert Boeckl Österreich auf der Biennale in Venedig.

Holzpferd hinter Waldheim: Hrdlickas anarchischer Fluxus

Im Kontext der damals dominierenden ungegenständlichen Kunst wirkten seine Werke, die stilistisch eher dem neunzehnten Jahrhundert Rodins verpflichtet sind, anarchronistisch. Fast überall in Hrdlickas Skulpturen taucht das Bild des Menschen auf - und immer sind diese Menschen in psychischen Extremsituationen anzutreffen. Hrdicka ist ein entschlossener Vertreter eines mittlerweile auch kritisch betrachteten Essentialismus in der Kunst. In seinem Essay „Fleisch-Kunst-Dreieck“ sieht er die „menschliche Natur“ im Spannungsfeld von „geilem“ und „ geschundenem Fleisch“ aufscheinen, und entsprechend sehen die Menschen in seinen Werken aus: zerrissen, verängstigt, krampfend, kämpfend, gequält, rasend und hoffend. Es ist das Arsenal der Pathosformeln der klassischen Bildhauererei, das Hrdlicka in seinen Skulpturen fragmentiert und neu aufbereitet. Der Abstraktion in der Kunst stand er stets kritisch gegenüber, er beschimpfte sie als „blutleer“ und wetterte mit Arbeiten wie „Roll over Mondrian“ gegen eine ihm aseptisch und menschenfern erscheinende Moderne - wobei zum Beispiel seine große Wiener Arbeit gerade auch von einer suggestiven Abstraktion lebt, von den seltsam ruinösen Großformen, die an den Zusammenbruch der Speerschen Germania-Phantasmagorien denken lassen.

Bei allem Pathos in seiner Kunst darf dabei Hrdlickas humoristische Seite nicht vergessen werden: Den ehemaligen SA-Mann und späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim zum Beispiel verfolgte er beharrlich mit einem grotesken Holzpferd, nachdem das Bonmot die Runde machte, „nicht Herr Waldheim, sondern sein Pferd“ sei in der der SA gewesen. Zu Recht staunten damals Freunde und Kritiker des Mannes, der so energisch auf den großen Gesten, auf der im neunzehnten Jahrhundert verankerten Tradition der Darstellung von Affekten, auf der technischen Finesse des uralten Steinmetzberufs und auf der Katharsis als Wirkungsprinzip „großer“ Kunst beharrte: Wie kam es, dass so einer auch die Spielform des anarchischen Fluxus beherrschte? Heute wird Alfred Hrdlicka achtzig Jahre alt.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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