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Alexander Kluge im Interview : „Künstler sind Pilotfischchen“

Fäden verfolgen, Texte verfolgen, etwas ausgraben: Alexander Kluge ist als Künstler in gleich drei Ausstellungshallen angekommen. Bild: dpa

Der Filmemacher Alexander Kluge ist im Museum angekommen. Ein Gespräch über die Klugheit in den Fußsohlen, den Tod seiner Schwester Alexandra und über den Gegenalgorithmus zu Silicon Valley.

          Alexander Kluge ist in der Kunstwelt angekommen: Nach einer aufsehenerregenden Gruppenausstellung mit Thomas Demand und Anna Viebrock in der Fondazione Prada in Venedig richtet ihm zur Zeit das Museum Folkwang in Essen eine große Retrospektive aus. Jetzt hat auch in Stuttgart seine Ausstellung im Württembergischen Kunstverein eröffnet. Was sucht einer der wichtigsten Filmemacher und Schriftsteller der Gegenwart im Museum?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Herr Kluge, durch Ihre Ausstellungen in Essen wie in Stuttgart schleicht als Motiv der Elefant. Welche Bedeutung hat für Sie der Elefant?

          Ich bin als Vier- bis Sechsjähriger als Besucher des Zoos in Berlin fasziniert von diesen fremden Lebewesen gewesen, und ich habe die berechtigte Vermutung, dass sie tatsächlich klug sind.

          Woran machen Sie das fest?

          An ihren Füßen. Wenn zum Beispiel ein Tsunami droht, sind die asiatischen Elefanten in der Lage, das zu spüren, weil die für tiefe Töne des Planeten ein besonderes Organ haben. Die reden auch untereinander mit ganz tiefen Stimmen, die wir nicht hören können. Für mich ist ein Elefant zunächst mal im Zirkus tätig und dann im Zoo etwas wirklicher. Ich stehe mit den Elefanten nicht auf Du, aber sie sind für mich seit der Kinderzeit eine Faszination, und wenn Sie in mich reingucken, dann sehen Sie immer entweder einen Dreizehnjährigen oder einen Siebenjährigen.

          Was ist der Unterschied zwischen dem Dreizehnjährigen und dem Siebenjährigen?

          Der Dreizehnjährige sieht 1945, den Bombenangriff, und der Siebenjährige, da sind meine Eltern noch nicht geschieden, und ich halte mich für ihren Kronprinzen und für einigermaßen gefeit gegen jedwede Gefahr. Von diesem Urvertrauen lebe ich wie von Eingemachtem. Es gibt eine Geschichte von mir, die heißt „Eingemachte Elefantenwünsche“. Wenn man in Einweckgläsern etwas aufbewahrt, sagte man früher Eingemachtes. Sagt man das heute noch?

          Ja, das kann man, glaube ich, sagen.

          Ja, und das hält sich.

          Kennen Sie Angst?

          Die kennt wohl jeder Mensch. Aber es kommt drauf an, wie Sie sich aufgrund von Angst verhalten.

          Ihr Werk scheint frei von Angst. Aus ihm sprechen das Grundvertrauen und die Forscherneugierde des Siebenjährigen.

          Ja, ich habe eine Mutter, die sehr findig ist im Finden von Auswegen. Sie hat einen leichten Geist im Gegensatz zu meinem Vater. Sie höre ich in mir. Und sie rät ab, der Angst zu folgen. Angst ist auch eine Lügnerin. Sie macht uns Angst vor etwas Falschem. Und die Medien, auch die Algorithmen von Silicon Valley, sind Angstmacher, weil sie den Einzelmenschen relativ ohnmächtig lassen. Mein Freund Fritz Wilde aus Halberstadt würde sagen: „Muss man nicht dran glauben.“ Wo es einen Algorithmus gibt, gibt es einen Gegenalgorithmus.

          Sie haben für Essen einen neuen Film gemacht, der sich mit Terrorbildern in den Medien auseinandersetzt.

          Das kam durch Thomas Demand, der für mich ein sehr, sehr wichtiger Dialogpartner ist.

          Sie zeigen den Film gegenüber Demands Fotografie „Backyard“, für die er aus Papier das Medienfoto des Hinterhofs eines der Attentäter von Boston rekonstruiert hat.

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