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Sarah Schönfeld: Hero’s Journey (Lamp), 2014, Stahl, Glasvitrine, Urin, Licht© Kulturforum Berlin

Aus alt mach immer wieder neu

Von TILMAN SPRECKELSEN

18.04.2017 · Unter Alchemie versteht man heute meistens faulen Zauber. Eine großartige Berliner Ausstellung zeigt, wie wichtig sie für die Moderne war.

Wer den Mondschein vom Himmel holen und festhalten will, muss sich etwas einfallen lassen. Sigismund Bacstrom, weitgereister Schiffsarzt und zugleich Zeichner und Naturforscher, ersann zu diesem Zweck einen Destillationsapparat, der mit der Hilfe von fünf miteinander verbundenen kugelförmigen Gefäßen den silbernen Schimmer aus dem gesammelten Morgentau destillieren sollte. Der um 1750 geborene Bacstrom, dessen Herkunft im Dunkeln liegt, hielt seine Erfindung in einer feinen technischen Zeichnung fest, die man ebenso in einem naturwissenschaftlichen Lehrbuch der Zeit um 1800 erwarten könnte.

© Kulturforum Berlin Facettierte Deckelflasche mit Montierung, um 1700, Goldrubinglas, vergoldete Kupferfassung mit eingelegtem Glas und Bergkristall, Natascha Sonnenschein: Paradies der Künstlichkeit, 2001, Scanografie, Pigmentdruck auf Alu-Dibond hinter Acrylglas, Privatsammlung

Tatsächlich diente sie als Frontispiz zu einer 1797 erschienenen Ausgabe von Johann Friedrich Fleischers Werk „Chemical Moonshine“ aus dem Jahr 1739, und was im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons bereits weithin misstrauisch als okkulter Hokuspokus beäugt wurde, erfreute sich zu seiner Entstehungszeit im ausgehenden Barock einiger Akzeptanz.

© Kulturforum Berlin Johann Permann: Alchemistisches Medaillon, 1677, Gold-Silber-Kupfer-Guss, Johann Friedrich Böttger: Gold- und Silberregulus, wohl 1713, Gold, Silber

Damals allerdings waren für das erhoffte Ziel, das Gewinnen einer besonderen Materie, ganz andere Abbildungen als Bacstroms spätere Zeichnung im Umlauf, Bilder, die zumeist aus dem siebzehnten Jahrhundert stammten: Sie zeigten durchaus realistische Szenarien – aufgespannte Tücher, Menschen, die sie auswrangen, chemische Prozesse in einer Werkstatt –, aber daneben auch gern allegorische Elemente wie personifizierte Metalle, Putten und antike Götter.

  • © Kulturforum Berlin Das vollkommene Schwarz, in: Michel Eugène Chevreul, De la loi du contraste simultané des couleurs et de ses applications, Paris 1889, Tafel 38, Chromolithografie
  • © Kulturforum Berlin Heinz Hajek-Halke: Ohne Titel, 1950-1970, Farbpapier

Am schönsten ist dieses Nebeneinander im „Mutus liber“ zu sehen, einer 1677 in La Rochelle erschienenen alchemistischen Bilderhandschrift, die dem im Titel verheißenen „stummen Buch“ insofern gerecht wird, dass sie ohne Text auskommt. Ihre Geschichte erzählt sie in fünfzehn prächtigen Bildern, ohne dass es dabei auf eine bestimmte Reihenfolge ankäme. Es ist kein Rezeptbuch, sondern eines, das zentrale ikonographische Elemente einer langen alchemistischen Tradition in Erinnerung ruft.

© Kulturforum Berlin „The Ripley Scroll“, um 1700/1750

Es geht nicht um die tatsächliche Anwendung, es geht um die Schönheit, die der Alchemie innewohnt. Der mittelalterliche Philosoph Albertus Magnus nannte sie „die große Kunst“.

Unter diesem Titel ist nun in den Ausstellungshallen am Kulturforum Berlin in zwei übereinanderliegenden Sälen eine Fülle von Objekten zu sehen, die dreieinhalbtausend Jahre Alchemiegeschichte umfassen. Das ist ein ausuferndes Feld, vor allem, weil sich die gemeinsam mit dem Getty-Museum in Los Angeles geplante Ausstellung dem Zusammenhang von Alchemie und Kunstschaffen verschrieben hat und deshalb die realen Laborverhältnisse weitgehend ausblendet – wer sich für eine tatsächliche Alchemistenwerkstatt interessiert, der findet originale Kessel, Destillierhelme, Tiegel und Kolben aus der Zeit um 1600 in einer Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, die noch bis zum 5. Juni zu sehen ist.

In Berlin dagegen empfängt ein prächtiger Hermes die Besucher, eine Marmorstatue aus der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, und diese Wahl leuchtet sofort ein: Hermes ist der beweglichste und umtriebigste der Götter, in alchemistischen Vorstellungen ist er mit dem Metall Quecksilber verknüpft, dessen Eigenschaften wiederum die Metamorphose an sich symbolisieren. Exakt darauf aber zielt alchemistisches Bemühen von jeher: Materie soll umgewandelt werden, bis sie eine andere Form, eine anderes Aussehen annimmt und so etwa aus Eisen Gold wird. Dahinter steht der antike Gedanke, dass prinzipiell alles zu allem werden kann, wenn die richtigen Kräfte darauf einwirken, und dass dieser Prozess einer natürlichen Ordnung folgt. Der Alchemist vollbringt nichts, was die Natur nicht auch vollbrächte. Aber er steuert ihre Kräfte in die gewünschte Richtung. Und vor allem beschleunigt er die Metamorphose.

Alchemie, so beschreibt es der Münchner Chemiehistoriker Claus Priesner in seinem vorzüglichen Band „Geschichte der Alchemie“ (C. H. Beck), basiert im Kern auf naturkundlichem Wissen und ist daher fundamental etwa vom Schamanismus und anderen Disziplinen der Magie geschieden. Wenn es um das Verwandeln von Material geht, dann ist damit nicht zuletzt der Anschein von Wesensgleichheit angestrebt, etwa das Färben von Glas, bis es bestimmten Edelsteinen gleicht. In der Berliner Ausstellung repräsentiert diese Technik etwa eine spätantike Halskette aus Südrussland, die echtes Gold mit falschem Lapislazuli mischt.

In dem Maß aber, in der das Handwerk der Nachahmung und der Metamorphose von Überlegungen zur Natur des Kosmos und der Beschaffenheit der Materie begleitet und durchdrungen wird, in dem der Makrokosmos der Welt dem Mikrokosmos des einzelnen Lebewesens gegenübergestellt und mit ihm verbunden wird, in dem Maß blüht eine reiche Tradition der bildlichen Darstellung dieses Zusammenhangs.

Sie bildet das Herzstück der von Jörg Völlnagel kuratierten Ausstellung, und deren besondere Leistung wiederum ist der nachdrückliche Hinweis auf interkulturelle Aspekte im Bereich solcher alchemistischen Motive in der Kunst. In den abendländischen Alchemiebüchern wird gern die angestrebte Harmonie der Elemente durch die „chymische Hochzeit“ von Sonne und Mond dargestellt, die in menschlicher Gestalt kopulieren und anschließend zu einem Hermaphroditen verschmelzen, der die Merkmale beider Geschlechter aufweist – ganz ähnlich wie die indischen Gottheiten Shiva und Parvati, deren Hochzeit hier durch ein Ensemble von Bronzestatuetten dargestellt wird. Eine weitere Bronzefigur bildet schließlich den Gott Ardhanarishvara ab, der als Hermaphrodit das Resultat der Verschmelzung von Shiva und Parvati ist.

Im Abendland löst sich die Verbindung von alchemistischer Praxis und naturwissenschaftlicher Forschung im achtzehnten Jahrhundert, an die Stelle von Spekulation treten nun endgültig das Experiment und die Anschauung, und was seither mit der Alchemie verbunden wird, ist eine Mischung aus Wahn und Trug. Dass dieses Spektrum schon in der frühen Neuzeit aufschien, zeigt die Ausstellung sehr schön mit einer Reihe von Darstellungen aus dem alchemistischen Labor: Da gibt es Geschäftemacher, die andere für sich arbeiten lassen, es gibt Forscher, deren Erkenntnisdrang sogar von plötzlichen Explosionen behindert wird, und es gibt sinnlose Träumer, die in den Tiegel starren und gar nicht merken, dass ihr Hausstand den Bach heruntergeht und die Familie bereits auf dem Weg ins Armenhaus ist.

In diesem Moment der Trennung, der Hinwendung zum Materialismus des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts jedenfalls ändert sich das Bild, das in der Öffentlichkeit mit der Alchemie verbunden ist. Es wäre reizvoll gewesen, den romantischen Anspruch des 116. Athenäums-Fragments, in die postulierte Universalpoesie müssten ganz unterschiedliche Bereiche des Lebens wie der Kunst eingehen, miteinander verschmelzen und etwas ganz Neues erzeugen, mit dem Erbe des alchemistischen Denkens in Verbindung zu bringen. Anlass dazu gäbe es genug, Material natürlich auch. Allein das Werk E. T. A. Hoffmanns hätte ausgereicht, um das Verhältnis der Romantik zur Alchemie mit Gewinn zu beleuchten, von all den trivialeren literarischen und bildlichen Darstellungen einmal abgesehen.

Hier wählt die Ausstellung einen anderen Weg, indem sie verfolgt, wie das naturwissenschaftliche Experiment in gewisser Weise das alchemistische Erbe wahrt und zudem Künstler sich damit beschäftigen, Metamorphosen der Materie hervorzurufen, zu beobachten und für ihre Kunst anzuwenden, etwa im Bereich chemischer Reaktionen und der so erzeugten Bilder. So gesehen, löst die Alchemie ihr Versprechen, in der Metamorphose eine neue Welt aus der alten zu erschaffen, im Medium der Kunst am Ende tatsächlich ein.

Alchemie – Die große Kunst. Im Kulturforum Berlin , Sonderausstellungshallen; bis zum 23. Juli. Als Katalog dient eine Box mit mehr als 150 Objektkarten.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 18.04.2017 09:38 Uhr