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Egon Schiele in der Albertina : Versuchen wir es doch mal mit einer Seligsprechung

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Der Albertina in Wien fällt zu Egon Schiele nicht viel ein: Trotzdem zeigt sie vor seinem hundertsten Todestag ihre Bestände – und legt es dabei auf einen eher unsensiblen Umgang mit den streitbaren Aktzeichnungen an.

          Er war das Enfant terrible des Wiener Fin de Siècle, ein Bohemien, Bürgerschreck und Pornograph, der auf gesellschaftliche Tabus pfiff und dafür im Gefängnis landete: Bei Egon Schiele häufen sich die Klischees wie bei kaum einem anderen österreichischen Künstler. Auch sein früher Tod am 31. Oktober 1918 trug zur Legendenbildung bei, raffte die spanische Grippe den Schützling von Gustav Klimt doch bereits im Alter von achtundzwanzig Jahren hinweg.

          Überraschenderweise stellt die Wiener Albertina nun bereits vor dem neunundneunzigsten Todestag ihren reichen Bestand an Schiele-Blättern aus. „Ich hasse Jubiläen“, begründete Direktor Klaus Albrecht Schröder, warum er die lichtempfindlichen Blätter des Frühexpressionisten im Gedenkjahr nach Boston, Moskau und London verleihen wird.

          Der Künstler inszeniert sich als Dandy mit Heiligenschein

          In der Schiele-Forschung der Albertina scheint sich in den letzten zwölf Jahren nicht viel getan zu haben – diesen Eindruck legt zumindest der Katalog nahe, der weitgehend ein Neudruck der Publikation von 2005 ist. Wurde der hauseigene Bestand in der damaligen Ausstellung noch mit neunzig internationalen Leihgaben aufgefettet, so liefert die aktuelle Präsentation kaum externe Highlights.

          Dennoch dient eine private Leihgabe als Plakatsujet: Schieles Gouache „Selbstbildnis mit Pfauenweste“, die wie ein Gemälde wirkt, stammt aus der Kunstsammlung des Wiener Anwalts Ernst Ploil. Der Künstler inszeniert sich auf diesem Blatt als Dandy, um dessen Kopf ein Heiligenschein leuchtet.

          Neben Selbstporträts besteht Schieles Werk bekanntlich aus freizügigen Bildern junger Frauen. Ein sensibler Umgang mit diesen Aktzeichnungen, für die der Künstler gerne Minderjährige in sein Atelier holte, ist aber auch nach einem halben Jahrhundert feministischer Kunstgeschichte keine Selbstverständlichkeit. So wurden die Treppen des großen Aufgangs zur Albertina mit einer von Schieles liegenden Nackten beklebt, über die nun die Besuchermassen trampeln. In der Ausstellung und im Katalog fehlt auch jedwede kritische Bemerkung dazu, dass Schiele kleine Mädchen den Rock heben ließ und mit rot gemaltem Geschlecht sexualisierte.

          Egon Schiele und die Frankziskus Schwärmerei

          Stattdessen wird nun der „spirituelle“ Künstler Schiele entdeckt, der für den asketischen Franz von Assisi schwärmte. Zu dieser Seligsprechung dienen vier Gouachen mit Rückenansichten von Männern in Kutten, die mit „Erlösung“ oder „Andacht“ betitelt sind. Auf Einladung der Albertina stellte der Kunsthistoriker Johann Thomas Ambrózy diese Bilder in Beziehung zum Kult um den heiligen Franziskus, der um 1900 sehr beliebt war. Die Philosophin Elisabeth von Samsonow hat allerdings bereits 2012 in ihrem spannenden Buch „Egon Schiele: Sanctus Franciscus Hystericus“ die Franziskus-Schwärmerei des Künstlers als Auseinandersetzung mit der männlichen Hysterie gedeutet.

          Zwischen den Experten Ambrózy und Samsonow eskaliert nun der schon davor schwelende Plagiatsstreit mit Klage. Das könnte den Ausstellungsbesuchern freilich herzlich gleichgültig sein, wäre es nicht auch ein Symptom für die wissenschaftliche Oberflächlichkeit einer öffentlich finanzierten Institution. An Schieles Heiligenschein wird nicht gekratzt.

          Egon Schiele. Wien, Albertina, bis 18. Juni. Der Katalog kostet 29,90 Euro

          Quelle: F.A.Z.

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