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Aktmalerei Nahmst dich heraus aus deinen Kleidern

 ·  Der eigene Körper als künstlerisches Ausdrucksmittel: Vor hundert Jahren malte Paula Modersohn-Becker den ersten Selbstakt einer Frau. Vermutlich hat zu ihren Lebzeiten kein anderer als sie selbst das Bild gesehen.

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Die Meisterwerke der modernen Malerei sind nur in den seltensten Fällen auf den Tag genau datierbar. Bei Paula Modersohn-Beckers großem „Selbstporträt am sechsten Hochzeitstag“ ist dies der Fall. In die feuchte Farbe hat die Künstlerin mit Pinselstiel oder Bleistift den Tag der Fertigstellung gekratzt: „Dies malte ich mit 30 Jahren an meinem 6. Hochzeitstage P.B.“ Es ist somit auf den 15. Mai 1906 zu datieren.

Das Bild und diese Angabe irritieren in mehrfacher Hinsicht. Als sie es malte, lebte Paula Modersohn-Becker in Paris und glaubte, ihren Ehemann Otto Modersohn endgültig verlassen zu haben, um sich nun ganz der Kunst zu widmen. Ihre Initialen stehen daher - wie einst - für ihren Mädchennamen. Für die Verewigung eines Hochzeitstages ist dies allein schon ein merkwürdiger Umstand.

Forsch und doch fragend

In der Avenue du Maine, am Montparnasse, wo man, wie Wilhelm Uhde 1904 berichtet, „in jedem Hause Ateliers findet“, hatte sich Paula Modersohn bei ihrem vierten Parisaufenthalt einen Arbeitsraum gesucht. Sie hatte sich fest vorgenommen, bis zu ihrem „dreißigsten Jahr“ etwas werden zu wollen; eine „gute Malerin“ wollte sie sein, und dafür war sie bereit, die Brücken der Konvention und der materiellen Sicherheit hinter sich abzubrechen.

An jenem 15. Mai vor hundert Jahren schuf sie ein Programmbild: Forsch und doch fragend blickt sie aus ihrem Selbstbildnis den Betrachter an. Das - für sie seltene - Format der Leinwand von einem Meter Höhe zeigt, daß sie sich nicht mit einer Studie begnügen will. Der Hintergrund des Bildes stellt keinen Raum vor, sondern strahlt in einer zitronigen Farbigkeit, die von grünen Tupfen aufgelockert wird. Die Hände umrahmen den Unterbauch. Oft ist diese Haltung als Verweis auf eine Schwangerschaft gedeutet worden, doch eher verweisen die Hände metaphorisch auf die doppelte, elementare Schaffenskraft von Frau und Künstlerin. Sie allein ist imstande, zu gebären und im künstlerischen Sinne schöpferisch zu sein.

Männliche Selbstakte

Die kunsthistorische Sensation dieses Bildes ist jedoch, daß es sich hierbei wohl um den ersten Selbstakt einer Frau handeln dürfte. Dürer hatte sich - in der Imitatio Christi - in einem Selbstakt um 1512/13 als Kranken gezeichnet, der mit der Hand auf die seitliche Wunde zeigt. In diesem Blatt, das sich bis 1943 in der Bremer Kunsthalle befand und das Paula Modersohn-Becker somit gekannt haben wird, erforscht er sich selbst und verweist, auch er ein Vorreiter der Moderne, zugleich auf die exponierte Stellung des Künstlers in der Gesellschaft.

Sich selbst befragend und zugleich als Modell wählend, hatte sich um 1829 auch der Hamburger Maler Victor Emil Janssen als Halbakt gemalt. Aus seinem „Selbstbildnis vor der Staffelei“, vor blaßgrün leuchtendem Hintergrund, fixiert auch er den Betrachter. Wie Paula Modersohn-Becker später hat er den Oberkörper entkleidet. Als Tuch hängt ihm das faltenwerfende Hemd locker von den Hüften.

Frau am Scheideweg

Daß jedoch eine Frau sich, lebensgroß, selbst als Akt präsentiert, war bis 1906 undenkbar. Die nackte Frau war bis dato Modell, ein Studienobjekt oder ein sinnlicher Vorwurf für die Malerei von Männern. Paula Modersohn-Becker hat diese Regel durchbrochen. In einer Situation am Scheideweg zwischen Kunst und Familie, Paris und Worpswede, an der Zeitenwende zwischen dem neunzehnten Jahrhundert und den Avantgarden der Moderne malt sie sich selbstbewußt als neue Frau: als Künstlerin.

Die malerische Delikatesse, die feine, bisweilen plastische Gestaltung der Farbe, kann nur das Original des Bildes vermitteln, für die Zeitenwende in Paris um 1906 ist das Gemälde jedoch emblematisch. Im selben Jahr, zwischen Rosa Periode und den „Demoiselles d'Avignon“, malt auch Picasso sein „Selbstporträt“ mit entblößtem Oberkörper. Und zur gleichen Zeit beginnen sich die Vertreter der Wiener Moderne, allen voran Gerstl, Schiele, Kokoschka und Max Oppenheimer, in ihren Selbstakten als Leidende und Aussätzige der Moderne zu gefallen.

Die vollen Früchte

Vermutlich hat zu ihren Lebzeiten kein anderer als sie selbst das mutige Porträt der Malerin gesehen. Paula Modersohn-Becker jedoch setzt die Arbeit an den Selbstakten im Sommer des Jahres in Paris fort. Zu den bekanntesten Varianten des Sujets gehört der „Halbakt mit Bernsteinkette“ im Kunstmuseum Basel, der bis 1937 im Provinzialmuseum Hannover zu sehen war.

Die Rezeption dieser Bilder setzte erst nach dem Tod der Künstlerin im November 1907, bei der Sichtung ihres Nachlasses, ein. Heinrich Vogeler, der zu den ersten gehörte, die die Hinterlassenschaft der Malerin sichteten, erinnerte sich noch im Moskauer Exil 1938 besonders an das große Aktbildnis, „hell leuchtend auf einem lichten gelbgrünen Grund“. Auch Rainer Maria Rilke, der engste Weggefährte Paula Modersohn-Beckers in ihren Pariser Tagen und zur Zeit der Entstehung des Bildes, wird erst nach seinem Cezanne-Erlebnis von 1907 die Größe und Bedeutung ihrer Malerei erkennen. Erst als er 1908 sein „Requiem für eine Freundin“ verfaßt, findet er Worte für die Kraft und Eigentümlichkeit dieser Bilder: „Denn das verstandest du: die vollen Früchte. Die legtest du auf Schalen vor dich hin und wogst mit Farben ihre Schwere auf ... Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht, nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst dich vor den Spiegel, ließest dich hinein bis auf dein Schauen; das blieb groß davor und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.“

Auf Paula Modersohn-Becker folgen Suzanne Valadon und Frida Kahlo, die sich und ihren Körper vor dem Spiegel selbst befragen. Hannah Wilke, Valie Export, Cindy Sherman und viele andere Künstlerinnen seither nutzen den eigenen Körper als Ausdrucksmittel ihrer Kunst.

Der Autor ist Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen und Herausgeber des Briefwechsels Paula Modersohn-Beckers mit Rainer Maria Rilke im Insel-Verlag.

Quelle: F.A.Z., 12. Mai 2006
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