Home
http://www.faz.net/-gqz-siud
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Aktmalerei Nahmst dich heraus aus deinen Kleidern

Der eigene Körper als künstlerisches Ausdrucksmittel: Vor hundert Jahren malte Paula Modersohn-Becker den ersten Selbstakt einer Frau. Vermutlich hat zu ihren Lebzeiten kein anderer als sie selbst das Bild gesehen.

© Paula-Modersohn-Becker Museum Vergrößern „Dies malte ich mit 30 Jahren an meinem 6. Hochzeitstage P.B.”

Die Meisterwerke der modernen Malerei sind nur in den seltensten Fällen auf den Tag genau datierbar. Bei Paula Modersohn-Beckers großem „Selbstporträt am sechsten Hochzeitstag“ ist dies der Fall. In die feuchte Farbe hat die Künstlerin mit Pinselstiel oder Bleistift den Tag der Fertigstellung gekratzt: „Dies malte ich mit 30 Jahren an meinem 6. Hochzeitstage P.B.“ Es ist somit auf den 15. Mai 1906 zu datieren.

Das Bild und diese Angabe irritieren in mehrfacher Hinsicht. Als sie es malte, lebte Paula Modersohn-Becker in Paris und glaubte, ihren Ehemann Otto Modersohn endgültig verlassen zu haben, um sich nun ganz der Kunst zu widmen. Ihre Initialen stehen daher - wie einst - für ihren Mädchennamen. Für die Verewigung eines Hochzeitstages ist dies allein schon ein merkwürdiger Umstand.

Mehr zum Thema

Forsch und doch fragend

In der Avenue du Maine, am Montparnasse, wo man, wie Wilhelm Uhde 1904 berichtet, „in jedem Hause Ateliers findet“, hatte sich Paula Modersohn bei ihrem vierten Parisaufenthalt einen Arbeitsraum gesucht. Sie hatte sich fest vorgenommen, bis zu ihrem „dreißigsten Jahr“ etwas werden zu wollen; eine „gute Malerin“ wollte sie sein, und dafür war sie bereit, die Brücken der Konvention und der materiellen Sicherheit hinter sich abzubrechen.

An jenem 15. Mai vor hundert Jahren schuf sie ein Programmbild: Forsch und doch fragend blickt sie aus ihrem Selbstbildnis den Betrachter an. Das - für sie seltene - Format der Leinwand von einem Meter Höhe zeigt, daß sie sich nicht mit einer Studie begnügen will. Der Hintergrund des Bildes stellt keinen Raum vor, sondern strahlt in einer zitronigen Farbigkeit, die von grünen Tupfen aufgelockert wird. Die Hände umrahmen den Unterbauch. Oft ist diese Haltung als Verweis auf eine Schwangerschaft gedeutet worden, doch eher verweisen die Hände metaphorisch auf die doppelte, elementare Schaffenskraft von Frau und Künstlerin. Sie allein ist imstande, zu gebären und im künstlerischen Sinne schöpferisch zu sein.

Männliche Selbstakte

Die kunsthistorische Sensation dieses Bildes ist jedoch, daß es sich hierbei wohl um den ersten Selbstakt einer Frau handeln dürfte. Dürer hatte sich - in der Imitatio Christi - in einem Selbstakt um 1512/13 als Kranken gezeichnet, der mit der Hand auf die seitliche Wunde zeigt. In diesem Blatt, das sich bis 1943 in der Bremer Kunsthalle befand und das Paula Modersohn-Becker somit gekannt haben wird, erforscht er sich selbst und verweist, auch er ein Vorreiter der Moderne, zugleich auf die exponierte Stellung des Künstlers in der Gesellschaft.

Sich selbst befragend und zugleich als Modell wählend, hatte sich um 1829 auch der Hamburger Maler Victor Emil Janssen als Halbakt gemalt. Aus seinem „Selbstbildnis vor der Staffelei“, vor blaßgrün leuchtendem Hintergrund, fixiert auch er den Betrachter. Wie Paula Modersohn-Becker später hat er den Oberkörper entkleidet. Als Tuch hängt ihm das faltenwerfende Hemd locker von den Hüften.

Frau am Scheideweg

Daß jedoch eine Frau sich, lebensgroß, selbst als Akt präsentiert, war bis 1906 undenkbar. Die nackte Frau war bis dato Modell, ein Studienobjekt oder ein sinnlicher Vorwurf für die Malerei von Männern. Paula Modersohn-Becker hat diese Regel durchbrochen. In einer Situation am Scheideweg zwischen Kunst und Familie, Paris und Worpswede, an der Zeitenwende zwischen dem neunzehnten Jahrhundert und den Avantgarden der Moderne malt sie sich selbstbewußt als neue Frau: als Künstlerin.

Die malerische Delikatesse, die feine, bisweilen plastische Gestaltung der Farbe, kann nur das Original des Bildes vermitteln, für die Zeitenwende in Paris um 1906 ist das Gemälde jedoch emblematisch. Im selben Jahr, zwischen Rosa Periode und den „Demoiselles d'Avignon“, malt auch Picasso sein „Selbstporträt“ mit entblößtem Oberkörper. Und zur gleichen Zeit beginnen sich die Vertreter der Wiener Moderne, allen voran Gerstl, Schiele, Kokoschka und Max Oppenheimer, in ihren Selbstakten als Leidende und Aussätzige der Moderne zu gefallen.

Die vollen Früchte

Vermutlich hat zu ihren Lebzeiten kein anderer als sie selbst das mutige Porträt der Malerin gesehen. Paula Modersohn-Becker jedoch setzt die Arbeit an den Selbstakten im Sommer des Jahres in Paris fort. Zu den bekanntesten Varianten des Sujets gehört der „Halbakt mit Bernsteinkette“ im Kunstmuseum Basel, der bis 1937 im Provinzialmuseum Hannover zu sehen war.

Die Rezeption dieser Bilder setzte erst nach dem Tod der Künstlerin im November 1907, bei der Sichtung ihres Nachlasses, ein. Heinrich Vogeler, der zu den ersten gehörte, die die Hinterlassenschaft der Malerin sichteten, erinnerte sich noch im Moskauer Exil 1938 besonders an das große Aktbildnis, „hell leuchtend auf einem lichten gelbgrünen Grund“. Auch Rainer Maria Rilke, der engste Weggefährte Paula Modersohn-Beckers in ihren Pariser Tagen und zur Zeit der Entstehung des Bildes, wird erst nach seinem Cezanne-Erlebnis von 1907 die Größe und Bedeutung ihrer Malerei erkennen. Erst als er 1908 sein „Requiem für eine Freundin“ verfaßt, findet er Worte für die Kraft und Eigentümlichkeit dieser Bilder: „Denn das verstandest du: die vollen Früchte. Die legtest du auf Schalen vor dich hin und wogst mit Farben ihre Schwere auf ... Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht, nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst dich vor den Spiegel, ließest dich hinein bis auf dein Schauen; das blieb groß davor und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.“

Auf Paula Modersohn-Becker folgen Suzanne Valadon und Frida Kahlo, die sich und ihren Körper vor dem Spiegel selbst befragen. Hannah Wilke, Valie Export, Cindy Sherman und viele andere Künstlerinnen seither nutzen den eigenen Körper als Ausdrucksmittel ihrer Kunst.

Der Autor ist Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen und Herausgeber des Briefwechsels Paula Modersohn-Beckers mit Rainer Maria Rilke im Insel-Verlag.

Quelle: F.A.Z., 12. Mai 2006

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ausstellung zu Émile Bernard Der Künstler, den van Gogh bewunderte

Seine Kunst steht im Schatten von Paul Gauguin, doch die Bilder Émile Bernards sind einer eigenen Betrachtung wert. Die Kunsthalle Bremen zeigt das vielgestaltige Werk eines ewig Suchenden. Mehr Von Rose-Maria Gropp

18.03.2015, 18:57 Uhr | Feuilleton
Griechische Architektur Minimalistische Villa mit Meerblick auf der Insel Aegina

Athener, die es sich leisten können, dem Lärm der griechischen Hauptstadt Athen zu entfliehen, lassen sich gerne auf einer der westlich vorgelagerten Inseln nieder. Ein Inselbesuch beim Künstler Costas Varotsos und seiner Frau Eleni Sfakianaki, die als Architektin das Haus, in dem sie heute wohnen, selbst entworfen hat. Mehr

13.02.2015, 20:07 Uhr | Stil
Bonnard-Auktion bei Osenat Heimlich in Rom

Familienbande: Antoine Terrasse hob die Kunst seines Großonkels Pierre Bonnard aus den Tiefen der Vergangenheit. Nun wird seine Sammlung in Fontainebleau versteigert. Mehr Von Peter Kropmanns, Paris

26.03.2015, 10:31 Uhr | Feuilleton
Kinotrailer Der Nanny

Der Nanny, 2015. Regie: Matthias Schweighöfer und Torsten Künstler. Darsteller:atthias Schweighöfer, Milan Peschel, Paula Hartmann, Joko Winterscheidt. Verleih: Warner. Kinostart: 26.03.2015. Mehr

23.03.2015, 22:22 Uhr | Feuilleton
Kunst in Paris Die Jahrhunderte auf drei Messen durchschreiten

Können sich zeitgenössische Künstler mit Alten Meistern messen? In Frankreichs Hauptstadt laufen parallel der Salon du Dessin, die Zeichnungsmesse Drawing Now und die Art Paris im Grand Palais. Mehr Von Bettina Wohlfarth, Paris

28.03.2015, 17:00 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.05.2006, 17:41 Uhr

Ausfahrt rechts

Von Jürg Altwegg

Die Auseinandersetzung zwischen Linken und Rechten in Frankreich macht auch vor der Kultur nicht halt. In Béziers, einer Hochburg des Front National, soll jetzt ein beliebtes Theater geschlossen werden - aus politischen Gründen. Mehr 2