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Ai Weiwei In gewisser Weise widersprüchlich

11.08.2011 ·  Was bedeutet es, dass Ai Weiwei sein bisher einziges Interview nach der Haft der Parteizeitung „Global Times“ gab? Suggeriert werden sollte offenbar, der Künstler sei auf Parteilinie umgeschwenkt. Man kann das Interview aber auch anders lesen.

Von Mark Siemons, Peking
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Ai Weiwei hat sein erstes und bisher einziges Interview nach seiner Haft der Parteizeitung „Global Times“ gegeben. Nachdem er auf Twitter in den letzten Tagen lediglich seine Essgewohnheiten geschildert und dann die Behandlung scharf kritisiert hatte, die vier seiner Mitarbeiter während ihrer Haft erfuhren, zitierte ihn gestern die englischsprachige Ausgabe der „Global Times“ aus einem sechsstündigen Gespräch mit dem Satz: „Ich werde niemals aufhören, Ungerechtigkeit zu bekämpfen.“ Gegenüber dieser Zeitung bekräftigte der Künstler, dass er nach wie vor keine Interviews geben darf.

Aber bei der „Global Times“ handele es sich um ein Propagandablatt der Partei, dessen Inhalt in diesem Fall gewiss von hohen Stellen genehmigt wird. „Es ist in gewisser Weise widersprüchlich“, fasste Ai zusammen. Er sah offenbar die einzige Möglichkeit, das Interviewverbot zu umgehen, darin, mit einem offiziellen Sprachrohr derer zu reden, die ihm das Verbot auferlegt haben.

Sie verurteilten und sie priesen ihn

Paradox ist schon die Konstellation der „Global Times“ selbst. Gegründet wurde das Tochterunternehmen des obersten Parteiorgans „Volkszeitung“ vor achtzehn Jahren, um die Welt und zumal den Westen aus offizieller Sicht darzustellen. Doch anders als das Mutterblatt wurde die Zeitung durch ihren offensiven, häufig nationalistischen Ton populär und kommerziell erfolgreich. Auch der 2009 aufgemachte englischsprachige Ableger bemüht sich anders als die englischsprachige Staatszeitung „China Daily“ nicht um Ausgleich. Er attackiert den Westen pointierter und undiplomatischer als andere Zeitungen, behandelt aber auch chinesische Missstände und in der übrigen Presse tabuisierte Themen wie die blutige Niederschlagung der Studentenbewegung von 1989. Keine Zeitung hatte Ai Weiwei nach seiner Verhaftung schärfer verurteilt, doch in den Jahren zuvor hatte das Blatt auch wohlwollende Artikel über Ai veröffentlicht; sogar Exklusivinterviews mit ihm waren dort schon erschienen.

So ist auch bei dem zwei Seiten umfassenden Text, der gestern herauskam, nicht eindeutig, wer wen instrumentalisiert, wer gewonnen und wer verloren hat. Die Absichten der Zeitung sind offensichtlich. Sie stellt den Künstler als konzilianten Reformer dar. „Das Regime durch eine radikale Revolution zu stürzen ist nicht der Weg, Chinas Probleme zu lösen. Das Wichtigste ist ein wissenschaftliches und demokratisches politisches System“, wird Ai zitiert, wobei die Wortwahl Schlagworte der Modernisierungsbewegung vom 4. Mai 1919, aber auch der aktuellen Propaganda aufgreift. Im Übrigen wird dem Künstler ein „drolliges Selbst“ attestiert, das sich trotz scharfer politischer Aussagen seiner nicht immer sicher sei. Details, etwa die Charakterisierung seines Ateliers als „teuer“, suggerieren, er führe ein aufwendiges Leben. Ausführlich kommen Kritiker zu Wort, die Ai anklagen, er lasse sich vom Westen instrumentalisieren. Laut dem Politikwissenschaftler Wu Danhong übertrieben ausländische Staaten, die kein stärkeres China wollen, Ais Fall, „um China in Aufruhr zu stürzen“.

„Man hat keine Selbstachtung“

Aber auch Ai Weiweis Botschaft wird klar: „Ich werde der Politik niemals ausweichen, niemand von uns kann das“, wird er zitiert: „Natürlich mag man leichter leben, wenn man auf bestimmte Rechte verzichtet. Aber es gibt so viele Ungerechtigkeiten und begrenzte Bildungsmöglichkeiten. Das alles verringert das Glück.“ Außerdem korrigiert er die durch die Staatsmedien verbreitete Behauptung, er habe ein „Schuldeingeständnis“ verfasst. Tatsächlich habe er nur eine Erklärung unterschrieben, dass er im Fall erwiesener Schuld die Strafe akzeptieren würde. Und er nimmt die Gelegenheit wahr, doch noch etwas über die Schrecken seiner Haftzeit zu verraten: „Ich fühlte mich so, als wäre ich in eine tiefe Grube gefallen.“

Schon am Montagabend hatte Ai Weiwei beim Kurzmitteilungsdienst Twitter, der in China gesperrt ist, aber über kostenpflichtige Proxy-Server erreicht werden kann, seine politische Abstinenz aufgegeben. „Wegen der Verbindung zu mir wurden Liu Zhenggang, Hu Mingfen, Wen Tao und Zhang Jinsong illegal verhaftet“, schrieb er. „Unschuldig mussten sie ungeheure psychische und physische Qualen über sich ergehen lassen.“ In einem anderen Eintrag berichtete er über ein Treffen mit dem Architekten Liu Zhenggang, der ihm zum ersten Mal von seiner Haft erzählte: „Dieser starke Mann brach plötzlich in Tränen aus. Er hatte während der Haft einen Herzanfall erlitten und wäre fast gestorben.“ Einen Tag später bezog sich Ai Weiwei auf zwei prominente Blogger, die wegen ihrer Regierungskritik ein Gerichtsverfahren erwartet: „Wenn man sich nicht für Wang Lihong und Ran Yunfei einsetzt, ist man kein Mensch, der für Recht und Gerechtigkeit steht; man hat keine Selbstachtung.“

Die „Global Times“ schrieb schon im Teaser: „Ai Weiwei stimmt zu: ,Niemand steht über dem Gesetz.'.“ So wird suggeriert, der Künstler sei auf die Linie umgeschwenkt, die ihre Schmähartikel gegen ihn vertraten. Womöglich ist in Wahrheit das Gegenteil gemeint.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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