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Ai Weiwei als Fotograf Das Dunkle in der hellen Kammer

30.06.2011 ·  Was passiert mit Ai Weiwei? Er ist wieder zu Hause, aber darf keine Bilder ins Netz stellen oder twittern. Doch seine Kunst ist schon in der Welt. Das beweist eine großartige Foto-Schau in Winterthur.

Von Rose-Maria Gropp
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Die Serie heißt „Provisional Landscapes“, vorläufige oder provisorische Landschaften. Es sind Bilder eines unerhörten Raubbaus, der weder die Kultur noch die Natur achtet - Bilder einer Geringschätzung durch den Menschen, deren Mutwille vielleicht beispiellos ist in unserer Zeit. Ai Weiwei, dieser unermüdliche, unbestechliche Chronist seiner Heimat, hat die Fotografien zwischen 2002 und 2008 gemacht, in vielen chinesischen Städten: Zu sehen sind absurd hässliche Hochbaublocks, von denen kleine alte Häuser regelrecht in die Enge getrieben und zerquetscht werden; schreckliche Brachen geschundenen Landes, die einfach liegengelassen wurden; menschenleere wüste Felder voller Trümmer, Geröll und Pfützen.

Das sind nicht enttäuschte Sentimentalitäten aus der zivilisierten Welt, sondern in ihrer Banalität schreckliche Zeugnisse einer Zerstörung, die geschehen kann, weil seit 1949 in China alles Land dem Staat gehört, der damit machen kann, was er will. Übrigens sind diese Bilder, selbst wenn Ai das nicht wichtig gewesen sein mag, perfekt ausgewogen, sie gehorchen der Ästhetik moderner Architektur- und Landschaftsfotografie.

Formal führen sie dabei auch die Tradition der chinesischen Landschaftsmalerei fort - allerdings als dystopische Visionen, ohne den Trost einer überwölbenden Ordnung. In der Ausstellung in Winterthur sind vor hundertfünfundzwanzig wändefüllend präsentierten Inkjet-Drucken der „Provisional Landscapes“ vier Monitore gehängt, auf denen Videos mit endlosen Verkehrsströmen laufen - Bewegungsstudien gnadenloser Fortschrittsideologie.

So umfassend wie jetzt sind die fotografischen Arbeiten von Ai Weiwei noch nie gezeigt worden. Es ist eine fesselnde Dokumentation entstanden, die vorführt, was diesen Künstler zum tiefen Dorn im Auge des chinesischen Regimes macht. Nun hat es ihn, der seit dem 3. April verschwunden und weggesperrt war, vor einigen Tagen wieder nach Peking gelassen: Von „in Freiheit entlassen“ kann aber nicht die Rede sein, denn Ai untersteht Auflagen, die ihn mundtot machen.

Er ist abgeschnitten von den Menschen, der Rede, dem Internet, dem Mobiltelefon, um die existentiellen Mittel seiner Künstlerschaft gebracht. Das, was das Regime gegen ihn aufbrachte - eine Kunst, die das Verwüstungswerk der chinesischen Politik nicht nur offenlegt, sondern über moderne Kommunikationswege auch jenseits von Ausstellungen sichtbar macht -, hat Urs Stahel ausgezeichnet kuratiert, hat aus einer schier unübersehbaren Fülle kompakte Einheiten ausgewählt, die aber nichts festzurren oder vereindeutigen.

Von der Selbstbefragung zur politischen Stellungnahme

Im Gegenteil wird die mit den Jahren zunehmende Schärfe erfahrbar, mit der Ai insistiert und interveniert - ein Störer, der den Stachel immer weitertreibt. Ai Weiwei wird als einzigartiger „Kommunikator“, wie ihn Stahel nennt, und Aktivist erkennbar. Vernetzung ist sein Element und seine Waffe. Von 1983 bis 1993 lebte Ai als junger Mann in New York. Schon dort hat er unablässig fotografiert; mehr als zehntausend Aufnahmen entstanden, die erst entwickelt wurden, als er nach Peking zurückgekehrt war.

Die Schwarzweißfotos bilden das regellose Leben im East Village ab, wo er zur Community der Künstler gehörte, auch in die Nähe von Allen Ginsberg, den er 1986 in seinem Apartment fotografierte. Schon damals richtete er die Kamera immer wieder auf sich selbst, wie hinter Duchamps „To Be Looked at ...“ im Museum of Modern Art. Die Ausstellung inszeniert eine Art werkgeschichtlicher Klammer: auf der einen Seite diese frühen Zeugnisse zunächst scheinbar zielloser Selbstbefragung, die angesichts von Bürgerrechtsdemonstrationen in politische Stellungnahmen übergehen; auf der anderen Seite die Blog-Fotografien des letzten Jahrzehnts, der unbedingte Willen zu einem künstlerischen Leben als Zeugenschaft.

Zeichen seines furchtlosen Geists

Immer wieder ist es die Serie oder jedenfalls die Reihe, von der die Gleichförmigkeit aufgebrochen wird hin zur Lebendigkeit. Die Individualität des Blicks gerät dabei zum Appell; sie bringt eine Vielheit in der Masse hervor, die für die Nomenklatura die bedrohlichste Vision sein muss. Wie ein Symbol brachialer Reaktion auf diese nicht ruhende Attacke erscheint das, was Ai von dem staatlich angeordneten Abriss seines Ateliers in Schanghai im Januar 2011 fotografisch dokumentieren konnte. Innerhalb weniger Tage verschwand dieser Gebäudekomplex, den er 2008 auf Einladung der Stadt errichtet hatte, vollständig.

Auf seinem Foto vom 19. Januar dieses Jahres ist nur noch ein verschneites Stück Land zu sehen, einem unbestellten Feld ähnlich. Dieses ist auch das letzte Bild im Katalog zur Ausstellung - einer ausgezeichneten Publikation, die auch Auszüge aus seinem 2009 von den Behörden geschlossenen Blog präsentiert. Diese Texte offenbaren seinen furchtlosen Geist, der hier ebenso zutage tritt wie in den von ihm getwitterten Nachrichten. Man bekommt spätestens angesichts der offenbar oft notwendigen Verschlüsselungen seiner Mitteilungen einen Eindruck von der Brisanz seiner Einmischung - und von der Macht der subversiven Phantasie in solch einem System.

„Tee trinken“ ist eine Vokabel

Ai Weiwei ist erst wieder frei, wenn er sein Werk fortsetzen kann. Unter dem Titel „Ich bin bereit“ hat er am 28. Mai 2009 in seinem Blog gepostet: „Lehnt den Zynismus ab, lehnt die Zusammenarbeit ab, lehnt Angst und Einladungen zum Teetrinken ab. Es gibt nichts zu diskutieren. Es bleibt immer das Gleiche: Sucht mich nicht mehr heim.

Ich werde nicht mit euch zusammenarbeiten. Wenn ihr kommen müsst, bringt euer Folterwerkzeug mit.“ Dass „Tee trinken“ in der Welt der Blogs bedeutet, von der Polizei für innere Sicherheit oder anderen Behörden befragt zu werden, gehört zu den Dingen, die man lernen muss, seit China seine Kritiker wegsperrt. Ais Stimme, seine Haltung ist nicht nur für China wichtig; Ai Weiwei darf nicht zum Schweigen verdammt bleiben.

Ai Weiwei - Interlacing. Im Fotomuseum Winterthur, bis 21. August. Danach vom 21. Februar bis zum 29. April 2012 im Jeu de Paume in Paris. Das Katalogbuch in englischer Sprache mit einem Anhang auf Deutsch, erschienen im Steidl Verlag, Göttingen, kostet 45 Franken.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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