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„Affect Me“ in Düsseldorf : Dem Scharfschützen ins Auge sehen

  • -Aktualisiert am

Wenn das Bild tötet: In der Düsseldorfer Schau „Affect Me“ machen Bilder aus den sozialen Medien die Betrachter zu Mittätern. Und zeigt auf, wie schwierig es geworden ist, die eigenen Affekte zu deuten.

          Im Affekt gehandelt oder auch nur geurteilt zu haben lässt sich niemand gern nachsagen, solange nicht mildernde Umstände geltend gemacht werden sollen. Und doch leitet der Affekt heute die öffentliche Meinung wie nie zuvor – so behauptet es die Ausstellung „Affect Me. Social Media Images in Art“ in der Düsseldorfer Stiftung Kai 10. Empathie und Aversion relativieren Erfahrung, Erkenntnis und Wissen, um Schlagwörter, Slogans und vor allem Bilder an ihre Stelle zu setzen, die spontan berühren, empören und überwältigen. Nicht ein „Abstumpfen unserer Sinne“ sei zu beklagen, heißt es im lesenswerten Katalog zur Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Sonderforschungsbereich „Affective Societies“ an der Freien Universität Berlin entstanden ist. Vielmehr wüssten wir nicht mehr, wie man Affekte erkennt und damit umgeht. Man stimmt emotionalen Bildern emphatisch zu, teilt und „liked“ sie, wird dadurch aber nicht schlauer, welche Konsequenzen aus den Bildern abzuleiten sind.

          Kein langweiliger Unesco-Univeralismus

          Auf die jüngsten viralen Wendungen des „Iconic Turn“ konzentriert sich die Schau mit Werken von neun Künstlern. Mit Fotos, Videos, Skulpturen und Installationen, aber auch mit einfachen Billboards untersucht die Ausstellung den massenhaften Umgang mit dem Phänomen „Meme“, also der veränderlichen Setzung und Äußerung im Netz – ohne sich allein in Kulturpessimismus zu ergehen. Denn dem affektbeladenen Bild wohnt ja auch eine unbestreitbare Evidenz inne, an der sich der Philosoph Slavoj Žižek in Lara Baladis Dreikanal-Video „Alone, Together... In Media Res“ regelrecht berauscht.

          Vermengt sind in der Collage Aufnahmen des ägyptischen Aufstands im Winter 2011 mit Schnipseln aus Spielfilmen, Musikclips, politischen Reden. In der aufwühlenden Kompilation kommt Žižek über die Fernsehbilder vom Tahrir-Platz zu Wort. Wieder und wieder hebt er den Arm und hämmert ihn hinab, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen: Hier sei ein „reales und ehrliches universales Ereignis“ zu sehen, nicht irgendein „langweiliger Unesco-Univeralismus“ in Büchern mit Titeln wie „Weltkulturen“. Die Bilder von Freiheit und Solidarität seien unmittelbar verständlich, weshalb man sich denn auch direkt mit ihnen identifizieren könne.

          So ist es. Gerade deshalb fragt man in einzelnen schrecklichen Szenen aber auch gar nicht mehr, wer hier eigentlich in wessen Namen Gewalt ausübt, an Körpern zerrt, sie über die Straße schleift. Ihr Projekt einer „Vox Populi“ entfaltet die 1969 geborene, in Kairo und Boston lebende Lara Baladi nicht nur in Videos, dem Bilderstrom verleiht sie auch in freskenartigen Wandbildern eine archivarische Form.

          So ikonisch viele Bilder zeitgeschichtlicher Ereignisse auch sein mögen, wir kennen ihre Urheber nicht und interessieren uns auch nicht weiter für sie. Auch dies eine neue Erfahrung: Nicht (nur) Magnum oder Reuters machen Bildgeschichte, es sind anonyme Nutzer wie Du und ich. Der Düsseldorfer Fotograf Thomas Ruff war am 11. September 2001 in New York, die Fotos aber, die er machte, erweisen sich als unbrauchbar. Für seine Serie mit Großformaten unter dem Titel „jpgs“ konnte sich Ruff samt und sonders aus dem Internet bedienen – so verfährt er auch mit anderen Sujets und generiert eine Fotografie mit hybrider Autorschaft.

          Tod vor der Kamera

          Die Ausstellung bezeugt den Erfindungsgeist von „Prosumenten“, die selbst tätig werden und Hand anlegen an symbolische Embleme aller Art, deren Bedeutung durch kleinen Eingriff verschoben werden. So kartographiert der 1983 geborene, in Berlin lebende D.H.Saur seit zehn Jahren die Metamorphosen und Verästelungen des „Hope“-Plakats, das sich Shephard Fairey für Barack Obama ausgedacht hatte. Adaptiert wurde das Poster etwa für das Schicksal jener Neda Agha-Soltan, die 2009 bei einer Demonstration in Teheran erschossen wurde. Zur Märtyrerin konnte die junge Iranerin deshalb werden, weil ihr kurzer, qualvoller Tod sich vor der Kamera einiger Smartphones vollzog, gleichsam exklusiv – nicht aber der Tod von acht weiteren Demonstranten, die beim selben Protestmarsch ums Leben kamen.

          Einen ebenso analogen, auf Karton angelegten „Atlas der Gesten“ von Usern im Netz legt die 1983 geborene Schweizerin Irene Chabr an und untersucht die Bildsprache von Selfie-Protesten in Hashtag-Kampagnen. Die Marokkanerin Randa Maroufi (Jahrgang 1987) recherchiert visuelle Codes in sozialen Netzwerken, in denen sich Jugendliche in Casablanca selbst stilisieren.

          Die Gruppe „Forensic Architecture“ geht in detektivischer Investigation einem ungeklärten Bombenabwurf an einem Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze aus dem Jahr 2015 nach. Sie kommt zu dem Resultat, dass die Bombardierung, bei der sechs Zivilisten ums Leben kamen, wohl auf das Konto des amerikanischen Militärs geht; jene Wolkenformationen in Bildern aus dem Internet, die auf den Bombentyp „one ton bomb“ schließen ließen, hat die Gruppe als Skulpturen aufgesockelt.

          Auf zersplitterten iPhones und in Digitalprints setzt Lynn Hershman Leeson Chiffren des Widerstands gegen „Racial Profiling“ und Rassismus in Amerika in Szene. In seiner Multimedia-Installation „The Pixelated Revolution“ von 2012 schließlich seziert Rabih Mroué verstörende Video-Fundstücke aus dem Internet: Syrische Demonstranten filmen mit dem Handy Scharfschützen, von denen sie selbst ins Visier genommen und erschossen werden. Die Arbeit von der Documenta 13 ist ihrerseits bereits eine Ikone der zeitgenössischen Kunst. Sie analysiert, wie die Protestler die Realität selbst als hochaffektives Bild wahrnahmen. Das wurde ihnen zum Verhängnis.

          Affect Me. Social Media Images in Art. Kai10 Arthena Foundation, Düsseldorf; bis zum 10.März. Der Katalog kostet 24 Euro.

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