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Ästhetik im Kanzleramt Steigende Adlerin

12.10.2005 ·  Gerhard Schröder hat sich im Kanzleramt schnell eingelebt und nutzte die Architektur für medial wirksame Auftritte. Angela Merkel stellt man sich eher im Aufzug statt auf der Freitreppe vor. Klar ist jedenfalls: die alten Bilder verschwinden.

Von Heinrich Wefing
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Die zierliche Willy-Brandt-Bronze von Rainer Fetting wird nicht mehr lang am Panoramafenster im siebten Stock des Kanzleramtes stehen. Ihre Tage sind gezählt wie die des Amtsinhabers. Auch die großformatigen Gemälde von Georg Baselitz und Markus Lüpertz dürften ins Depot wandern, wenn Gerhard Schröder sein Büro aufgeräumt hat.

Zumal der „Stürzende Adler“, der auf zahllosen Fotos hinter Schröders Schreibtisch zu sehen war, wird dessen Sturz nicht an der Wand überleben. Mit den Namensschildern an den Bürotüren werden im Dienstsitz des Regierungschefs auch die Bilder ausgetauscht. Dies sind die Tage von Abschied und Anfang, die Tage der Möbelpacker. Und Feiertage der Demokratie, konstituieren sie doch das Wesen des zivilisierten Machtwechsels.

Innige Symbiose von Mann und Haus

Seit mehr als zweihundert Jahren werden im Weißen Haus in Washington alle vier oder acht Jahre, wann immer ein neuer Präsident einzieht, die Tapezierer bestellt, die Tische hin und her geschoben und neue Gemälde aufgehängt. Sogar ein eigener Etatposten ist dafür im amerikanischen Bundeshaushalt vorgesehen. Immerhin siebzigtausend Dollar standen Jacqueline Kennedy 1960 zur Verfügung, und wohlmeinende Spender dürften noch ein paar Dollar beigesteuert haben.

Bis 1903 wurden gar regelmäßig Auktionen beschickt, um das abgelegte Porzellan und die ausrangierten Möbel zu versteigern. Noch jeder Präsident, genauer: noch jede First Lady hat die Machtzentrale Amerikas umdekorieren lassen, um sie in Besitz zu nehmen. Insofern stand Doris Schröder-Köpf in einer bewährten transatlantischen Traditionslinie, als sie im Frühjahr 2001, gleich nach dem Einzug ins Kanzleramt, anordnete, die Stühle im Bankettsaal auszutauschen, die der Architekt Axel Schultes dort vorgesehen hatte.

Der Personalwechsel hingegen, der zum Alltag im Weißen Haus gehört wie das Oval Office, hat im Berliner Kanzleramt noch nie stattgefunden. Mag Helmut Kohl auch der Bauherr gewesen sein - eingeweiht wurde der Neubau im Spreebogen nach seiner Abwahl. Der erste Hausherr ist Schröder geworden. Und der hat sich nach anfänglichem Gegrummel das Haus in einem Maße angeeignet, als habe er es selbst entworfen. Kaum waren die Umzugskisten ausgepackt, war der Seufzer „Eine Nummer kleiner tät's auch“ vergessen, den Schröder angesichts des Rohbaus ausgestoßen hatte. So innig wurde die Symbiose von Mann und Haus, daß es noch immer schwerfällt, sich darin irgendeinen anderen Regierungschef vorzustellen.

Schröder nutzte den päpstlichen Erscheinungsbalkon

Und besonders schwer fällt es, Angela Merkel in diesen Bau hineinzudenken. Beileibe nicht, weil man sie sich nicht als Kanzlerin vorstellen könnte. Es ist die Architektur, die mit zeitgenössischen Mitteln neuerlich Gesten des Erhabenen, des Monumentalen einübt, die so gar nicht zu Frau Merkel passen will. Die Abneigung der designierten Kanzlerin gegen inszenierte Auftritte, ihre sichtliche Befangenheit in Gegenwart von Kameras müssen fast unausweichlich mit dem Gebieterischen des Gebäudes kollidieren.

Halb spöttisch, halb fordernd hat Axel Schultes gelegentlich von den „Staatsathleten“ gesprochen, denen er mit seinem Bau eine Bühne geschaffen habe. Schröder hat diese Neigung zu Geste und Effekt des Hauses sofort begriffen und für sich genutzt. Nie zeigte sich das deutlicher als im Sommer 2001, als er Guido Westerwelle zu einem Gedankenaustausch ins Kanzleramt lud. Offiziell handelte es sich um einen Antrittsbesuch des damals gerade neu gewählten Parteichefs, alle Kommentatoren aber deuteten das Treffen als kaum verhüllte Drohgebärde an die Grünen.

Und wie um diese Einschüchterungsabsicht zu unterstreichen, traten Schröder und Westerwelle im Laufe ihres Gesprächs hinaus auf die kleine Terrasse, die vor dem Büro des Kanzlers liegt, auf der sich Schröder sonst aber nie blicken ließ. Prächtig gelaunt, nur in Oberhemd und Krawatte, plauderten die beiden Politiker unter freiem Himmel, rauchten eine Zigarre, winkten den unten wartenden Journalisten zu und demonstrierten so in luftiger Höhe, wie auf einem päpstlichen Erscheinungsbalkon, exakt so lange bestes Einvernehmen, bis auch der letzte Kameramann sein Bild gemacht hatte.

Kunst im Amt kann nicht dem persönlichen Geschmack dienen

Schröders mutmaßliche Nachfolgerin aber hat nun so gar nichts Theatralisches, nichts von einer „Staatsathletin“, mag sie auch die Männer reihenweise beiseite schieben. Man male sich bitte aus: Angela Merkel vor den haushohen ondulierten Betonstelen des Kanzleramtes, einen Staatsgast begrüßend. Angela Merkel, die breite Freitreppe im Foyer herabschreitend.

Man kann solche Auftritte kaum imaginieren, ohne eine Spur Leiden mitzudenken, etwas Gequältes um die Mundwinkel: Muß das alles sein? Können wir nicht den Aufzug nehmen? Oder, noch ein Gedankenexperiment: Angela Merkel lässig auf die Steinstufen der „Sky Lobby“ gefläzt, einem Dichter lauschend, wie Schröder das immer wieder gern getan hat - ist das vorstellbar? Gut möglich, daß die Kanzlerin ihr Amt führt wie den Wahlkampf: kühl, sachlich, emotionsarm.

Was hieße das aber für das Ausstattungsprogramm des Hauses? Natürlich ist richtig, was Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin und so etwas wie der inoffizielle Kurator der Sammlung Schröder, in dem unlängst erschienenen Band über „Die Kunst im Kanzleramt“ mehrfach betont hat:Die in den Amtsstuben gezeigte Kunst kann nicht „der Selbstdarstellung eines persönlichen Geschmacks“ dienen.

Merkel geht diskreter zu Werke

Tatsächlich ist eine allzu offenkundig politisch-ideologische Ikonographie vermieden worden. Die Mehrzahl der Arbeiten könnte auch in jedem Museum für zeitgenössische Kunst einer deutschen Mittelstadt hängen. Artig zwischen den Gattungen und Geschlechtern, zwischen Alt und Jung ausgewogen, allenfalls etwas zu düsseldorferisch, ist sie dekorativ sperrig, aber nicht allzuschwer verdaulich. Und doch wäre es bestenfalls die halbe Wahrheit zu behaupten, in der Ausstattung des Amtes habe sich nichts von Schröders Handschrift gezeigt.

Gerade indem er seinen Dienstsitz zu einer Ausstellungshalle des Gegenwärtigen machen ließ, machte er das Haus auch zu einem Museum seiner Kunstambition, zur permanenten Demonstration seiner Nähe zu Malern und Schriftstellern. Der gelegentlich geäußerte Vorschlag von Christoph Stölzl, die weiten Flächen der „Sky Lobby“ mit monumentalen Historiengemälden zu füllen, jedenfalls hatte nie auch nur den Hauch einer Chance.

Was aber wird Angela Merkel an die Wände hängen lassen? Russische Konstruktivisten? Filigrane Klee-Architekturen? Oder doch Leipziger Schule? Über Frau Merkels Kunstgeschmack ist noch weniger bekannt als über andere Regionen ihres Privatlebens. Jedenfalls hat sie es vermieden, eitel mit den neuesten Werken der jüngsten Modemaler zu renommieren wie ihr Freund Westerwelle. Sie geht diskreter zu Werke.

Oskar Kokoschka wird mit umziehen

Unlängst hat sie sich nachts, nach Schließung der Säle für das Publikum, durch die Berliner Goya-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie führen lassen. Vielleicht also wird Schröders Brandt-Bronze ganz beiläufig durch eine Kohl-Plastik oder eine Adenauer-Skulptur irgendwo im Haus ersetzt, vielleicht aber kommt vor die weite Glasfront auch nur ein Blumenstrauß.

In ihrem Abgeordnetenbüro im Jakob-Kaiser-Haus hängt hinter Frau Merkels Schreibtisch ein Adenauer-Porträt von Oskar Kokoschka. Es wäre eine Überraschung, würde das Bild nicht mit ihr ins Kanzleramt ziehen.

In der Berliner Galerie Jan Wentrup ist übrigens gerade eine Arbeit von Wawa Tokarski zu sehen. Sie trägt den Titel „Mehr Wachstum - mehr Arbeit. Mehr Arbeit - mehr Streß“. Sie würde sich vermutlich ganz gut hinter dem Kanzlerinnen-Schreibtisch von Angela Merkel machen. Sie ist aber schon verkauft.

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