13.05.2005 · Die Welt ist elektrisiert: Anhand eines Computerscans erstellten drei Teams Porträtbüsten Tutanchamuns. Doch das Ergebnis ist verwirrend: Mal sieht der Pharao aus wie George Bush, mal wie Josephine Baker.
Von Dieter BartetzkoDie Berichte des Archäologen Howard Carter über seine ersten Stunden mit der Mumie des Tutanchamun lesen sich wie die eines Verliebten. Mit zitternden Händen, so erzählte er 1926, habe er nach der Öffnung des Sargs und dem Heben der goldenen Totenmaske einen Blütenkranz und ein Tuch vom Kopf des toten Pharaos entfernt, um dann in „das ernste Antlitz eines schönen zartgliedrigen Jünglings“ zu blicken.
Auch die Angaben über die ungewöhnliche, an den Vorgänger Echnaton erinnernde schlanke Schädelform des Toten, seinen Körperbau, sein Alter und die Todesursache bezeugen Pietät und versteckte Zärtlichkeit. Wenig später fand Thomas Mann in seiner Josephs-Tetralogie noch edlere Worte für die faszinierende Schönheit der Echnaton- und Tut-Dynastie.
Brutales Vorgehen
Doch alle Verzauberung hinderte Howard Carter nicht daran, bei der Bergung der Kleinodien, die mit Binden auf der Mumie fixiert worden waren, brachial vorzugehen. Weil die Salböle der Bestattungsriten sich zu steinhartem Harz verdickt hatten, brach der Archäologe den Körper in drei Teile. Das brutale Vorgehen, so ergab im Januar dieses Jahres eine Computertomographie, ließ zudem auch die fragilen Knochen der Beine brechen. Andere Experten freilich diagnostizierten aus demselben Befund einen komplizierten Schenkelbruch noch zu Lebzeiten Tutanchamuns, der durch Infektion und Wundbrand schließlich zum Sterben des gutgenährten, ansonsten völlig gesunden Jünglings geführt habe.
Bewegte schon diese neue Spekulation die Öffentlichkeit, so elektrisiert nun ein weiteres Ergebnis das Publikum weltweit: Anhand der Computerscans erstellten drei Teams in Frankreich, Amerika und Ägypten Porträtbüsten des Toten. Mit neuesten kriminologisch-forensischen Methoden haben sie ein Gesicht rekonstruiert, das als authentisch gilt. Doch wer in diese Antlitze schaut, den überkommt Carters Zittern - nicht aus Ergriffenheit, sondern aus Verwirrung.
Ein laszives Gesicht
Betrachtet man nämlich die französische Büste, blickt ein laszives Gesicht zurück mit raffiniert ausgezogenen Kajalstrichen an Ober- und Unterlid, schwungvoll gezupften Augenbrauen und einem fülligen Mund, dessen Lippen schimmerndes Gloss zusätzlich schwellend wirken läßt. Nur die Nase weist einen etwas pummeligen Höcker in Augenhöhe auf, ansonsten scheint das Gesicht makellos, wenn auch ein wenig lasterhaft schön.
Zumindest, solange man das Antlitz en face betrachtet. Im Profil dagegen weicht die Magie dem Eindruck eines etwas tumb dreinschauenden Knaben mit fliehendem Kinn und Hasenbiß - dies, weil einige Experten von einer Fehlstellung der Zähne sprechen, die auf eine mäßige Gaumenmißbildung und, davon bedingt, ein fliehendes Kinn schließen lasse. Enttäuscht wendet man sich wieder der Ansicht von vorn zu - und erkennt endlich in dem Jüngling ein unsterbliches Idol Frankreichs: die junge Josephine Baker, deren zugleich mondäne und naive Züge noch heute von zahllosen Plakaten lächeln.
Brad Pitt oder Will Smith
Ganz anders der amerikanische Tutanchamun: Er ist ein - unbemalter - Rundkopf mit kräftigen Konturen und markantem Kinn. Die scharf gezeichnete, mit einem markanten Rücken vorschnellende Nase erinnert, wie die leicht katzenartig geschnittenen Augen, an Brad Pitt, der sehr volle, fest konturierte Mund an Will Smith. Fazit des Laien: ein angehender Hollywoodstar, der den jungen George Bush spielt; Fazit der Rekonstrukteure, die nicht wußten, wen sie rekonstruieren: ein junger Mann nordafrikanischer Rasse.
Vom Tutanchamun der ägyptischen Gruppe kursieren derzeit keine Fotografien. Ägyptens Altertümerverwalter Zawi Hawass aber spricht davon, er sehe den beiden anderen sehr ähnlich, zeige jedoch eine längere Nase. Vermutlich gleicht er jener Rekonstruktion, die vor drei Jahren um die Welt ging. Damals präsentierte man das füllige Gesicht eines Fellachenjungen mit dick-langer, fleischiger Nase, Wulstmund und hängenden Oberlidern; Folklorekitsch aus dem Computer.
Dionysische Fratzen
Will man den neuen Porträts etwas zugute halten, dann, daß sie menschlicher anmuten als jene, die 2001 auf einer Pompeji-Ausstellung als authentische Bildnisse dreier Patrizier präsentiert wurden, die man als skelettierte Opfer des Vulkanausbruchs in ihrem Haus gefunden hatte. So stumpf glotzend und grimassierend wie diese Pompejaner, die Ebenbildern der dionysischen Fratzen glichen, die das antike Pompeji für seine Fresken bevorzugte, so grotesk und abstoßend sind die Phantombilder des Tutanchamun nicht. Und auch nicht so schaurig wie jene der echten Kriminalistik, von denen zwar behauptet wird, sie gäben Mordopfer zu Lebzeiten wieder, die aber jedem Unbefangenen sofort kenntlich sind als toter denn tot.
Die Pharaobildnisse wirken lebendig. Aber sie sind doch Traum, geboren aus aktuellen Schönheitsidealen, Gen-Glauben sowie gängigen Vorstellungen von Majestät und mediterraner Männlichkeit. So erweist die Computertechnologie selbst, daß sie all ihrer Allmacht zum Trotz nicht allmächtig ist.
Getrost und beschämt zugleich können wir uns wieder Thomas Mann zuwenden, der, damals ebenso zeitgebunden phantasierend wie heute die Experten, dennoch zeitlos schöne und damit authentische Wesen aus Worten schuf. Tutanchamun war ihm nur den Satz, er sei „ein stilles Kind“ gewesen, wert. Aber dessen ihm sehr ähnlichen Vater (oder Halbbruder, die Gen-Forschung rätselt noch) Echnaton machte er unsterblich: „Es dürfen die Jahrtausende uns nicht von dem zutreffenden Gleichnis abschrecken, daß sein Gesicht aussah wie das eines jungen vornehmen Engländers von etwas ausgeblühtem Geschlecht, langgezogen, hochmütig und müde.“