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Adolph Menzel in Berlin : Ein Dämon in seinem Garten

Immer wieder treibt er sein Spiel mit dem Hinschauen, Wegschauen und Angeschautwerden: Zwei Berliner Ausstellungen entdecken die Blickmagie des Malers Adolph Menzel.

          Im Sommer 1847 malt Adolph Menzel den Blick vom Kreuzberg auf Berlin. Die Aussicht von der Anhöhe hinunter auf die Stadt ist noch unverbaut, nur ein Haus aus Fachwerk mit rundem Dach schiebt sich von links in den Mittelgrund. Dahinter Bäume, Büsche, ein Karren mit Pferdegespann, dann der Schafgraben, der bald zum Landwehrkanal erweitert werden wird, und die Metropole im Dunst.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Am Kreuzberg bei Berlin“ erscheint wie der Inbegriff des malerischen Realismus, für den Menzel in der Kunstgeschichte steht. Und doch ist das Bild rigoros komponiert, in einzelnen Details gar erfunden. Der Blick vom Kreuzberg war schon damals nicht mehr frei, das Fachwerkhaus größer, und es stand nicht allein. Im Vordergrund, neben den knorrigen Baum, der die rechte Bildhälfte füllt, wollte Menzel ein Mädchen und eine Frau plazieren, die bei einer Infrarotreflektographie zum Vorschein kamen. Als das Gemälde entstand, war er einunddreißig, doch er malte schon Erinnerungsszenen wie der zwanzig Jahre ältere Camille Corot in Frankreich.

          Offiziersporträts mit ausgekratzten Augen

          Fünfzig Jahre später bekommt der hochbetagte Menzel vom Berliner Magistrat den Auftrag, die Kreuzberg-Landschaft, die jetzt „Alt-Berlin“ heißt, zu ergänzen. Er streicht einen hohen Vorschuss ein, doch dann lässt er das Bild liegen. 1905, im Jahr von Menzels Tod, gelangt es in den Besitz des Märkischen Museums. Dort bildet es den zentralen Blickfang der Ausstellung „Ich, Menzel“, mit der das Museum den zweihundertsten Geburtstag des Künstlers in diesem Dezember feiert.

          Menzel in Berlin zu zeigen heißt wahrhaftig, Eulen nach Athen zu tragen. Und doch hat jede der zwei Ausstellungen, die sich dem Jubiläum widmen, eine originelle Perspektive auf das Werk des Malers. Nicht zufällig kreisen beide um ein Fragment. In der Ausstellung „Blinde Blicke“, die das Berliner Kupferstichkabinett in der Alten Nationalgalerie präsentiert, ist es die „Ansprache Friedrichs des Großen vor der Schlacht bei Leuthen“, die gegenüber vom Sonderausstellungssaal des Museums hängt. Auch dieses Bild hat der Maler unfertig hinterlassen, nur dass er mit ihm noch härter verfuhr als mit dem Kreuzberg-Panorama. Nach 1861 hing die „Ansprache“ im Berliner Schloss, wo Menzel das Krönungsbild Wilhelms I. malte. Der Maler wollte seinem Mäzen auch das Friedrich-Gemälde verkaufen, aber Wilhelm fand die Figur des Preußenkönigs zwischen seinen Generälen zu klein. Menzel nahm sein Werk wieder mit und ließ den Bildraum, der für den Alten Fritz vorgesehen war, weiß. Später gab er einem Gehilfen den Auftrag, bei mehreren Offiziersporträts die Augen auszukratzen. Derart verstümmelt, hängt das Bild nun in der Menzel-Halle der Nationalgalerie, zwischen dem „Eisenwalzwerk“ und dem „Flötenkonzert von Sanssouci“.

          Ein Hauch von kaltem Frühling

          Das Fragmentarische, ob in „Alt-Berlin“ oder Alt-Preußen, führt auf die Spur der Widersprüche in Menzels Leben und Werk. Der Wunsch, als Künstler zu glänzen, den Markt zu beherrschen und bei Hof zu reüssieren, trifft bei dem kleinwüchsigen Menzel auf einen Charakter, dem Gefallenwollen aus Prinzip verhasst ist. Noch als geadelter Staatsmaler wahrt er die Distanz des Außenseiters, der von schräg unten auf die Verhältnisse schaut. In den böhmischen Lazaretten zeichnet er die Hölle des Preußisch-Österreichischen Krieges, in der Reichshauptstadt Berlin malt er den Limbus des Bürgertums. An Friedrich dem Großen, dessen Welt er mit dem Eifer eines Botanikers erforscht, fasziniert ihn die Einsamkeit des Musenfürsten; als das Publikum, durch die Siege der Bismarckzeit entzündet, von ihm den Kriegshelden verlangt, entzieht er sich.

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