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Absalon in Berlin : Wie das Wohnen zur Welt kommt

Er hieß Meir Eshel. Als Künstler nannte er sich Absalon. Er starb 1993 mit erst 28 Jahren an Immunschwäche, ist aber einer der wichtigsten ästhetischen Anreger unserer unmittelbaren Gegenwart. Berlins Kunst-Werke zeigen nun eine erste Retrospektive.

          Einer der wichtigsten Künstler des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist 1993 gestorben. Da war er gerade achtundzwanzig Jahre alt, und es war gerade ein Jahr her, dass seine Arbeit auf der documenta in Kassel gezeigt wurde. Unter anderen Umständen hätte man ihm eine großartige Karriere vorausgesagt - aber als er seinen Beitrag für die Documenta errichtete, wusste er schon, dass er bald an einer Immunschwäche sterben würde. Er hatte nur wenige Jahre Zeit, aber das Werk, was er zwischen 1987 und 1993 schuf, ist so verblüffend und klug und kompromisslos und gegenwärtig, dass es uns noch lange beschäftigen wird.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Absalon hieß eigentlich Meir Eshel. Er wurde 1964 in der israelischen Stadt Aschdod geboren, die bei Tel Aviv am Meer liegt, beendete seinen Militärdienst früher als geplant und baute sich stattdessen eine Hütte am Meer, verdiente sein Geld mit dem Verkauf von Schmuck und sparte Geld für einen Flug nach Paris. Dort wohnte er in einem winzigen Zimmer bei seinem Onkel Jacques Ohayon und begann sich mit Minimalräumen zu beschäftigen; mit der Frage nach dem privaten und dem öffentlichen Raum, nach den Mächten, die ihn prägen, nach seiner Bedeutung für die eigene Identität.

          Wie Wohnen Sicherheit birgt

          Die demographische und soziale Entwicklung der Industrienationen wird auch die Stadt und das Wohnen in ihr verändern. Kommende Generationen werden ein Leben in ausladenden Einfamilienhäusern oder üppigen Altbauwohnungen nicht mehr so problemlos finanzieren können, wie in den vergangenen Tagen bundesrepublikanischen Wohlstands. Wie würde „wohnen“ aussehen,wenn es nur darum ginge, die existentiellen Schutzbedürfnisse zu befriedigen? Diese Fragen stellen sich nicht nur im Bereich von Obdachlosenunterkünften, Militär- und Flüchtlingscamps.

          Nach Ansicht des Verfassungsgerichts gehört zur Definition der Menschenwürde ein „letzter geschützter Bereich der Privatsphäre“, in der man vor Nachstellungen sicher ist. Menschenwürde ist also nach juristischer Definition auch eine Frage von Räumen. Wer etwa überall mit Richtmikrophonen, Wärmebildkameras und Telefonüberwachung ausgespäht werden kann, ist „zum bloßen Informationsobjekt“ degradiert. Was bedeutet es, in einem Gebäude „sicher“ zu sein - und sicher vor was? Und wie geht man mit der drohenden Gefahr aller Rückzugs- und Cocooningwünsche um, dass sie nämlich das zerstören, was die Stadt ausmacht, nämlich die Orte der Durchmischung und Begegnung?

          Lieber eine Zelle als ein Haus

          1992 beschloss Absalon, sich nicht ein Haus zu bauen, sondern sechs gerade mal ein paar Quadratmeter große „Zellen“, die er in verschiedenen Städten aufstellen wollte. Er wollte sozusagen sein Haus über die Welt verteilen. Diese Zellen sind in ihrer kunst- und architekturgeschichtlichen Bedeutung gar nicht zu überschätzen: Sie, die stilistisch an die reinen stereometrischen Baukörper des Bauhaus und die Moderne von Tel Aviv erinnern, aber nicht viel größer sind als das Fass des Diogenes, nehmen die moderne Ästhetik der Ortlosigkeit beim Wort. Sie sehen aus, als seien sie Modelle für größere Bauten, als sei die Verwandlung von Koffern in Häuser auf halbem Weg gestoppt worden.

          In ihrer unwirklichen Weißheit sind halb noch Entwurf, halb schon Realität. Architektonisch sind sie unglaublich einfallsreich; wie auf geringstem Raum eine Kochnische, ein Bett, Dusche, Klo und eine Sitzgelegenheit für zwei Platz in einer kunstvollen Verschachtelung über mehreren Ebenden findet, verdiente alle Architekturpreise dieser Welt. Diese Zellen sind das, was der Philosoph Gaston Bachelard „Schneckenhäuser für den Menschen“ nannte: Objekte, in denen der menschliche Körper sich fühlt wie die Molluske in ihrem Panzer, Gebilde, in dem Körper und Bau eins werden.

          Die lähmende Immobilisierung umgehen

          Wie wenig Haus kann ein Haus sein, wie vermeidet man den Punkt, an dem das Schutzbedürfnis in eine lähmende Immobilisierung umschlägt, die mit den meisten Immobilien einhergeht? Auch das ist eine Frage, die Absalon mit seinen Zellen stellte - die keine Kisten für Eskapisten waren, schließlich wollte er sie mitten im städtischen Leben aufgestellt wissen und nicht in irgendwelchen fernen Wäldern: Sie sind in ihrem Kern antiprivatistisch - weil sie so wenig Privation wie möglich betreiben, so wenig privaten Raum wie nötig aus dem öffentlichen abzweigen. Absalons Bauten sind keine depressiv-klaustrophobischen Zellen, sondern Monumente einer Frei- und Großzügigkeit. Es sind keine Häuser, sondern Minimalpanzerungen eines Ichs, das neugierig auf die Welt war.

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