12.07.2009 · In L'Aquila hat sich, was der Trubel des Weltwirtschaftsgipfels dort nur kurzfristig kaschierte, die Schwermut als unsichtbarer Staub über die Stadt gelegt. Man streitet, wie die Abruzzen-Orte nach dem Erdbeben wiedererstehen sollen - aus Beton oder in Stein.
Von Frank Helbert, L'AquilaDer Turm steht nicht mehr. Das Wahrzeichen von Santo Stefano di Sessanio in den Abruzzen hat seit seinem Bau im dreizehnten Jahrhundert schon einige Erdbeben verkraftet. Doch das vom vergangenen April zerstörte ihn, siebenundzwanzig Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt. Zwei Häuser beschädigte sein Einsturz. Ansonsten erlitt der Ort keinen Schaden, und das liegt auch an der umsichtigen Sanierungsarbeit, die ein italo-schwedischer Unternehmer hier in den vergangenen Jahren geleistet hat: Mit der Sanierung zum Hoteldorf hat Daniele Kihlgren einen verfallenen Ort, in dem kaum Einwohner geblieben waren, vor dem Untergang gerettet. Die Sanierung schloß den Baustoff Beton kategorisch aus und fast alles andere ein - Holz, Naturstein und das, was die Erde hergibt.
In L'Aquila dagegen hat sich, was der Trubel des Weltwirtschaftsgipfels dort nur kurzfristig kaschierte, die depressive Stimmung als unsichtbarer Staub über die Stadt gelegt. Der Bürgermeister Massimo Cialente ließ eine Studie erarbeiten, der zufolge das Erdbeben Schäden in Höhe von zehn Milliarden Euro angerichtet hat, drei Milliarden davon an den 1800 Bauwerken, die unter Schutz stehen. Horrende Summen sind nötig für den Wiederaufbau, Geld, das niemand hat. Aber vielleicht die EU, welcher Massimo Cialente seine Studie vorlegen wird.
Für einen schnellen, aber gründlichen Wiederaufbau
Die Regierung Berlusconi, die zu Beginn des Weltwirtschaftsgipfels den amerikanischen Präsidenten und die deutsche Kanzlerin durch die Trümmer führte, spricht längst davon, dass kein Geld da sei - für die Versprechen, die sie kurz nach dem Beben gemacht hatte. Wie Berlusconi praktische Politik macht, erfuhr der Bürgermeister von L'Aquila persönlich: Wenn Geld fehle, dann, so der Regierungschef, lege er „es eben direkt drauf“.
Während in Rom noch immer über den Entwurf des „Rettet die Abruzzen“-Gesetzes diskutiert wurde, fuhren unlängst tausend Demonstranten aus L'Aquila in die Hauptstadt, um für einen schnellen, aber gründlichen Wiederaufbau zu werben. Sie befürchten, dass es, wie nach anderen Erdbeben, auf Jahre hin bei Notbehausungen bleiben wird. „Yes, we camp!“ stand auf ihren Spruchbändern zu lesen. Sie, die nun in Zelten und anderen Unterkünften wohnen, haben vorher nicht in Denkmälern gewohnt, sondern in Gebäuden aus den vergangenen Jahrzehnten - und die waren besonders anfällig für das Beben.
Ihre Befürchtungen teilt der Architekt Mauro Masi, der 1980 beim Erdbeben von Irpinia noch heute gültige Erfahrungen sammelte: „Die Lobby der Bauindustrie ist sehr mächtig. In den siebziger Jahren gab es das Gesetz zur Wärmedämmung in Italien. Es wurde unterstützt von den großen Polystyrol-Produzenten. Neulich habe ich einen zwanzig Jahre alten Kopfhörer hervorgekramt, und die Ohrmuscheln, aus Polystyrol, zerkrümelten, wenn ich sie angefasst habe. Das gleiche gilt für Stahlbeton: Nach fünfzig Jahren ist er mürb, zerbröselt vom Kontakt mit Kohlenwasserstoff, und der Stahl rostet, weil er den Sauerstoff der Luft nicht verträgt.“
Ein Tropfen auf den heißen Stein
So plädiert der Architekt für eine Umstellung der Bauindustrie trotz schier unüberwindbarer Schwierigkeiten: „Das würde bedeuten, dass Hunderttausende Techniker, Architekten, Ingenieure eine ganz andere Richtung in ihrem Beruf einschlagen und neue Kalkulationsprogramme geschrieben werden müssten, die sich nicht auf Betonmischungen beziehen.“ Dass dennoch ein Kurswechsel unumgänglich sei, begründet er mit einem krassen Beispiel: „Das römische Vorstadtviertel Corviale und die ganze Peripherie Roms aus den sechziger, siebziger und achtziger Jahren würden einstürzen, wenn ein Beben wie das vom April mit einer Stärke zwischen 5 und 6 auf der Richterskala Rom ereilen würde. Die mittelalterlichen Dörfer blieben intakt.“
Das Ziel Daniele Kihlgrens war nicht in erster Linie erdbebensicheres Bauen, sondern das Rekonstruieren ländlicher Traditionen. Nun befürchtet er, dass beim eiligen Wiederaufbau die „autochtone“ Architektur der Abruzzen verlorengehen wird. Er könnte recht behalten: Beton wird fließen in den Abruzzen, hier und dort sogar erdbebensicherer. Und viele Italiener werden ihr Dorf, ihre Stadt, die ihnen Identität gaben, verlassen. Doch den Turm aus dem dreizehnten Jahrhundert, das Wahrzeichen Santo Stefano di Sessanios, wird die Stadt wieder aufbauen. Beteiligt an Planung und Vermittlung der Finanzierung: Daniele Kihlgren. Angesichts der Bauaufgaben in der Region ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.
Eine gefährliche Nostalgie der Vergangenheit...
Salvatore Del Vecchio (salva40)
- 18.07.2009, 23:39 Uhr