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Abbasidenkunst in Berlin : Da musste das Abendland erblassen

Als im frühen Mittelalter der Okzident verkümmerte, blühte im Orient eine Hochkultur. Berlins Museum für Islamische Kunst zeigt außergewöhnliche Schätze aus der Abbasidenhauptstadt Samarra.

          Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christus stand das Kalifat der Abbasiden in Bagdad auf dem Gipfel seiner Macht. Während das Reich Karls des Großen nach dessen Tod in drei Teile zerbrach, geboten die islamischen Herrscher am Tigris über ein Imperium, das von Südarabien bis ans Kaspische Meer, vom Atlasgebirge bis an die Schwelle des Himalaja reichte. Im Osten hielten ihre Reiterheere die Truppen der chinesischen Tang-Dynastie in Schach, im Westen besiegten sie den byzantinischen Kaiser Theophilos und zerstörten die Festung Amorion, die Heimat seiner Dynastie. Auch die Erbfolge schien bei den Abbasiden geregelt: Auf Harun ar-Raschid, den Kalifen aus „Tausendundeiner Nacht“, folgten nacheinander seine Söhne al-Mamun und al-Mutasim. Kein irdischer Staat reichte an den Glanz des Kalifats heran.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch war dieser Glanz bedroht, durch dieselbe militärische Macht, die ihn schützte. Da die Abbasiden über kein Volksheer oder Ritteraufgebot verfügten, mussten sie Söldner anwerben, vor allem Türken und Choresmier aus den Steppen Innerasiens. Diese Lohntruppen, die in geschlossenen Verbänden kämpften und siedelten, sorgten, wie vor ihnen die Prätorianer Roms, für soziale und politische Unruhen im Vielvölkerstaat der Kalifen. Schon Harun ar-Raschid hatte deshalb am Tigrisufer nördlich von Bagdad eine neue Hauptstadt zu gründen versucht, allerdings ohne Erfolg. Sein jüngerer Sohn al-Mutasim ging dann im vierten Jahr seiner Herrschaft, 836 nach Christus, entschlossener zu Werk und gab seinem Reich ein neues Zentrum in sicherer Entfernung zum alten. Der arabische Name der Neugründung lautete „Surra man ra’a“- „Wer sie erblickt, freut sich“. Der Volksmund verkürzte ihn rasch zu „Samarra“.

          Viele Zeugnisse städtischen Lebens

          Ab 1911 wurde Samarra von Ernst Herzfeld im Auftrag des sieben Jahre zuvor gegründeten Berliner Museums für Islamische Kunst ausgegraben. Bis 1913 legte Herzfeld die Reste von drei Kalifenpalästen und zahlreichen Wohnhäusern im Umkreis der modernen Kleinstadt Samarra frei. Das Terrain der Metropole al-Mutasims und seiner Nachfolger, die sich mehr als fünfzig Kilometer weit am Fluss erstreckt hatte, konnte er zwar nicht annähernd erforschen, aber er fand alle möglichen Zeugnisse städtischen Lebens, Glaswaren, Brettspiele, Keramik, Badeanlagen, Stuckfassaden und anderes mehr. Die Stadt war im Jahr 892, kaum sechzig Jahre nach ihrer Gründung, wieder aufgegeben und leer geräumt worden, so dass fast alle beweglichen Gegenstände inklusive der Marmorbodenplatten verschwanden. Nur ihre religiösen Stätten, vor allem die große Moschee mit ihrem berühmten Minarett in Zikkuratform und die beiden schiitischen Schreine, die bis heute Ziel von Pilgerfahrten und Attentaten sind, haben die Zeiten überdauert.

          Dann kam der Erste Weltkrieg. Die Engländer, die das Zweistromland nach zähen Kämpfen erobert hatten, konfiszierten die Masse der Funde und verteilten sie nach Gutdünken an Berlin, Paris, ihr eigenes Victoria and Albert Museum und amerikanische Adressen. Herzfeld selbst, der seine Grabungen nicht wiederaufnahm, musste in den dreißiger Jahren vor der Rassenpolitik des Naziregimes über London in die Vereinigten Staaten emigrieren. Heute liegt sein Archiv in der Freer Gallery of Art in Washington.

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