Home
http://www.faz.net/-gqz-75wv2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Abbasidenkunst in Berlin Da musste das Abendland erblassen

Als im frühen Mittelalter der Okzident verkümmerte, blühte im Orient eine Hochkultur. Berlins Museum für Islamische Kunst zeigt außergewöhnliche Schätze aus der Abbasidenhauptstadt Samarra.

© Museum für Islamische Kunst Wände wie kostbar bestickte Vorhänge: eine Nischenwand des Schlosses Balkuwara in Samarra, ausgegraben 1913

Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christus stand das Kalifat der Abbasiden in Bagdad auf dem Gipfel seiner Macht. Während das Reich Karls des Großen nach dessen Tod in drei Teile zerbrach, geboten die islamischen Herrscher am Tigris über ein Imperium, das von Südarabien bis ans Kaspische Meer, vom Atlasgebirge bis an die Schwelle des Himalaja reichte. Im Osten hielten ihre Reiterheere die Truppen der chinesischen Tang-Dynastie in Schach, im Westen besiegten sie den byzantinischen Kaiser Theophilos und zerstörten die Festung Amorion, die Heimat seiner Dynastie. Auch die Erbfolge schien bei den Abbasiden geregelt: Auf Harun ar-Raschid, den Kalifen aus „Tausendundeiner Nacht“, folgten nacheinander seine Söhne al-Mamun und al-Mutasim. Kein irdischer Staat reichte an den Glanz des Kalifats heran.

Andreas  Kilb Folgen:

Und doch war dieser Glanz bedroht, durch dieselbe militärische Macht, die ihn schützte. Da die Abbasiden über kein Volksheer oder Ritteraufgebot verfügten, mussten sie Söldner anwerben, vor allem Türken und Choresmier aus den Steppen Innerasiens. Diese Lohntruppen, die in geschlossenen Verbänden kämpften und siedelten, sorgten, wie vor ihnen die Prätorianer Roms, für soziale und politische Unruhen im Vielvölkerstaat der Kalifen. Schon Harun ar-Raschid hatte deshalb am Tigrisufer nördlich von Bagdad eine neue Hauptstadt zu gründen versucht, allerdings ohne Erfolg. Sein jüngerer Sohn al-Mutasim ging dann im vierten Jahr seiner Herrschaft, 836 nach Christus, entschlossener zu Werk und gab seinem Reich ein neues Zentrum in sicherer Entfernung zum alten. Der arabische Name der Neugründung lautete „Surra man ra’a“- „Wer sie erblickt, freut sich“. Der Volksmund verkürzte ihn rasch zu „Samarra“.

Viele Zeugnisse städtischen Lebens

Ab 1911 wurde Samarra von Ernst Herzfeld im Auftrag des sieben Jahre zuvor gegründeten Berliner Museums für Islamische Kunst ausgegraben. Bis 1913 legte Herzfeld die Reste von drei Kalifenpalästen und zahlreichen Wohnhäusern im Umkreis der modernen Kleinstadt Samarra frei. Das Terrain der Metropole al-Mutasims und seiner Nachfolger, die sich mehr als fünfzig Kilometer weit am Fluss erstreckt hatte, konnte er zwar nicht annähernd erforschen, aber er fand alle möglichen Zeugnisse städtischen Lebens, Glaswaren, Brettspiele, Keramik, Badeanlagen, Stuckfassaden und anderes mehr. Die Stadt war im Jahr 892, kaum sechzig Jahre nach ihrer Gründung, wieder aufgegeben und leer geräumt worden, so dass fast alle beweglichen Gegenstände inklusive der Marmorbodenplatten verschwanden. Nur ihre religiösen Stätten, vor allem die große Moschee mit ihrem berühmten Minarett in Zikkuratform und die beiden schiitischen Schreine, die bis heute Ziel von Pilgerfahrten und Attentaten sind, haben die Zeiten überdauert.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Die Engländer, die das Zweistromland nach zähen Kämpfen erobert hatten, konfiszierten die Masse der Funde und verteilten sie nach Gutdünken an Berlin, Paris, ihr eigenes Victoria and Albert Museum und amerikanische Adressen. Herzfeld selbst, der seine Grabungen nicht wiederaufnahm, musste in den dreißiger Jahren vor der Rassenpolitik des Naziregimes über London in die Vereinigten Staaten emigrieren. Heute liegt sein Archiv in der Freer Gallery of Art in Washington.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Berliner Humboldtforum Bitte keine Wunderkammer!

Kürzlich feierte das Berliner Humboldtforum Richtfest. Ein Triumphbogen wird in Zukunft als Eingang dienen. Doch bleiben wir bitte ernst: Was die entstehende Institution leisten muss. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Jeffrey Hamburger

31.07.2015, 10:58 Uhr | Feuilleton
Dr. Tod stellt aus Leichen im Museum

Nach gerichtlichem Hin und Her hat Plastinator Gunther von Hagens jetzt in Berlin sein Menschen-Museum. Der auch als Dr. Tod bekannte Wissenschaftler ist für seine bizarre Kunst auf freiwillige Körperspender angewiesen. Mehr

18.02.2015, 09:12 Uhr | Gesellschaft
Islamischer Staat Keine Horde ideologisch verblendeter Irrer

Für die Publizistin Khola Maryam Hübsch ist klar: Nicht der Islam ist das Problem, sondern reformunwillige Muslime. Gleichzeitig klagt die muslimische Journalistin, in der Diskussion um den Kampf gegen den Islamischen Staat gehe es zu sehr um Religion. Mehr Von Tahir Chaudhry

22.07.2015, 16:13 Uhr | Politik
Millionen auf der Flucht Ein Jahr Islamischer Staat

Seit die Terror-Miliz Islamischer Staat vor einem Jahr ihr Kalifat in Syrien und im Irak ausgerufen hat, sind Millionen Menschen geflohen. Die Extremisten herrschen mit eiserner Faust und schrecken auch vor öffentlichen Hinrichtungen, Misshandlungen und Entführungen nicht zurück. Mehr

23.06.2015, 16:33 Uhr | Politik
Ai Weiwei darf wieder reisen Ich bin Chinese und will hierbleiben

Ai Weiwei darf wieder reisen und ausstellen. Was bedeutet das für ihn, was für seine chinesische Heimat? Ein Gespräch mit dem Künstler und ein Besuch in Pekinger Galerien, die seine neuen Arbeiten zeigen. Mehr Von Thomas Eller

25.07.2015, 20:45 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 21.01.2013, 17:10 Uhr

Glosse

Das ist Köttelbecke

Von Andreas Rossmann

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben. Mehr 4 8