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Flechtheim und Meier-Graefe : Die Feuerzauberer des neuen Geistes

Der Händler und der Kritiker, der Großkotz und der Ästhet: Zwei Berliner Ausstellungen erinnern daran, dass es ohne Alfred Flechtheim und Julius Meier-Graefe die Kunst der Moderne viel schwerer gehabt hätte.

          Er war ein Ehrenmann!“ So heißt es bei Balzac über den bankrotten Parfumeur César Birotteau, und das Gleiche könnte man auch über Alfred Flechtheim und Julius Meier-Graefe sagen. Beide starben verarmt, obwohl sie den Reichtum ihrer Epoche erheblich vermehrt haben, zumal den ästhetischen und geistigen. Und beide haben der Kunst, an der sie nicht als Schöpfer, sondern als Händler und Kritiker teilhatten, auf Heller und Pfennig zurückgezahlt, was sie von ihr empfingen: Meier-Graefe, der Schriftsteller und Connaisseur, mit Worten, Flechtheim, der einflussreiche Galerist, in bar.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der Ausstellung, die das Berliner Kolbe-Museum dem 1937 im Exil in London verstorbenen Alfred Flechtheim widmet, ist eine Fotografie zu sehen, die viel über den Stil und die Stimmung seiner großen Zeit als Kunsthändler verrät. Sie zeigt das Esszimmer des Ehepaars Flechtheim im Jahr 1929. Unten sind Stühle aus Edelholz um einen quadratischen Tisch gruppiert, oben hängen Gemälde von Max Beckmann und Karl Hofer. Skulpturen von Maillol und Degas stehen auf Schränken und Kommoden. Bis Hüfthöhe ist das Zimmer großbürgerlich-sachlich, darüber beginnt das Reich der Phantasie. Nie zuvor gab es eine solche Explosion von Ausdrucksformen wie in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, und der Zirkulationsagent Flechtheim stand mitten in der Druckwelle. Er wohnte, handelte, reiste und speiste mit Kunst. Bevor er starb, hatte er sich um die Gründung einer neuen Galerie in England bemüht.

          Kunstwerk der Künstlerin Reneé Sintenis.
          Kunstwerk der Künstlerin Reneé Sintenis. : Bild: dpa

          Boxer im Kleinformat

          Das Kolbe-Museum will nicht den ganzen Flechtheim zeigen, den Förderer von Kubisten und Expressionisten, dessen Erben noch immer auf die Herausgabe raubkunstverdächtiger Bilder klagen, sondern bloß Flechtheims Passion für die Skulptur. Diese Beschränkung macht die Ausstellung bedeutend. Im Eingang ist die Porträtbüste Rudolf Bellings aufgestellt, die den Kunsthändler aus den Splittern seiner Physiognomie zusammensetzt: Nase, Lippen, Augenbrauen. Die Nazis bliesen dieses Gesicht zum antisemitischen Popanz auf; Belling streichelt es mit seinem Blick. Dann folgt die Crème der Weimarer Bildhauerei: Kolbe, Barlach, Lehmbruck, abermals Belling, Renée Sintenis, Ernesto de Fiori, am Ende Arno Breker und Moissey Kogan. Breker und der in Bessarabien geborene Kogan wurden von Flechtheim in Paris entdeckt, wo das deutsche Nachwuchstalent Kontakte zu Delaunay und Maillol geknüpft hatte. Sie porträtierten einander, Kogans Werk ist im Kolbe-Museum zu sehen. Mit Hitlers Kanzlerschaft endete die Freundschaft. Breker wurde zum Staatskünstler, Kogan floh seiner jüdischen Wurzeln wegen nach Frankreich, wurde 1943 verhaftet und in Auschwitz ermordet. Geschichten einer deutschen Galerie.

          Die Berliner Ausstellung hat den unschätzbaren Vorteil der Evidenz. Sie präsentiert Flechtheim als Mann von Geschmack. Heldenköpfe, martialische Visagen und Brustkörbe fehlen in seiner Kollektion, selbst Bellings „Boxer“ ist auf ein angenehmes Kleinformat reduziert. Dafür zeigen die Fotos an den Wänden den Galeristen als Lebemann, der sich mit großen Autos, schönen Frauen und Grandhotels umgab und zum Karneval als Mexikaner ging. Ernst Lubitsch hätte sich seinen eigenen Reim auf diese zwischen Mäzen und Großkotz schillernde Figur gemacht. Das Kolbe-Museum aber erweckt den Phantomschmerz über den Verlust eines Typus, der für die Moderne in Deutschland so wichtig war wie Licht und Luft, und des Menschen, der ihn verkörperte.

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